Jörg Friedrich


Crashtest für Protonen

07. Mai 2008 Kategorie: Gesellschaft |

In 100 m Tiefe hat sich das Kernforschungszentrum CERN eine Rennstrecke von 27 km Länge gebaut. Dort werden ab Sommer bei minus 271 °C Wasserstoff-Atomkerne beschleunigt und aufeinander geschossen.

Die Physiker wollen damit Bedingungen schaffen, wie sie ihren Vermutungen nach kurz nach dem Urknall im Universum bestanden haben. Dann werden sie vielleicht herausfinden, warum die Materie eine Masse hat, und woraus Antimaterie besteht.

Die Beantwortung dieser Fragen lassen sich die beteiligten Länder insgesamt 1.9 Milliarden Euro kosten.

Grundlagenforschung. Man könnte es auch als Hobby bezeichnen, das die Gesellschaft sich leistet: Eine Tätigkeit, bei der nur dann vielleicht ein Nutzen entsteht, wenn man nicht nach dem Nutzen fragt.

Es ist wie beim Sport, oder wie bei der Kunst. Wir wolles es, weil wir es irgendwie brauchen, und deshalb leisten wir es uns. Aber wer ist dieses „wir“?

Der Bürgerentscheid um die Musikhalle in Münster zeigt, dass „wir“ im Moment vor allem sparen wollen. Wie würde ein Bürgerentscheid zum Teilchenbeschleuniger des CERN ausgehen? Ich bin sicher, die Bürger würden sich gegen Crashtests für Protonen entscheiden. Aber sie wurden nicht gefragt, die Entscheidung erfolgt in komplizierten Prozessen von Beamtenvorlagen, Gesetzentwürfen, Parlamentsentscheidungen und Arbeitsgruppentagungen. Letztlich demokratisch legitimiert, aber nicht basisdemokratisch autorisiert.

Und das ist gut so. Niemand weiß, wieviel Grundlagenforschung unsere Gesellschaft braucht, und die konkreten Investitionen sind dem einzelnen Bürger immer schwer zu vermitteln. Aber ohne Grundlagenforschung würde unsere Gesellschaft nicht die Lebensqualität bieten, die wir heute haben. Der Souverän einer basisdemokratischen Alles-oder-Nichts-Abstimmung wird aber, je größer das Projekt ist, desto sicherer – meist für das Nichts plädieren.


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4 Kommentare to “ Crashtest für Protonen ”

  1. # 1 Kaa schreibt:

    Ein ja von Herzen!

  2. # 2 (Grundlagen)forschung zwischen Hunger und Luxus | herzhirnhand.de schreibt:

    […] schreibt in seinem Blogeintrag “Crashtest für Protonen”, dass Milliardenprojekte zur Grundlagenforschung in einer Basisdemokratie unmöglich wären. […]

  3. # 3 der Nachbar schreibt:

    Ich halte speziell diese Grundlagenforschung für hoch gefährlich. Vielleicht gibt es uns im Spätsommer nicht mehr, weil uns das kleine Schwarze Loch grad eben verschluckt hat? Wissen die eigentlich ganz genau was sie tun?

  4. # 4 Patrick schreibt:

    Ich bin zwar kein Kern- oder Teilchenphysiker, habe aber genug Kentnisse in diesem Bereich, um entsprechende Fachpublikationen zu lesen und zu verstehen. Und ich kann guten Gewissens behaupten, dass „sie wissen, was sie tun“ in dem Sinne, dass mögliche Risiken ausführlich diskutiert und abgewogen wurden.
    Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas von physikalischer Seite schief geht, ist verschwindend gering. Da muss man deutlich mehr Angst vor globalen (kosmischen) Katastrophen natürlichen Ursprungs und dem allgegenwärtigen menschlichen Versagen haben.
    Die in den Medien geführte Diskussion über „kleine schwarze Löcher“, die die Erde auffressen, und „strange matter“, die den ganzen Planeten infektionsartig in eine andere Art von Materie verwandelt, geht ziemlich an der physikalischen Realität vorbei. Dabei wird ein Aspekt des Theoriegebäudes herausgepickt und isoliert betrachtet. Auf diese Weise kann man natürlich alle positiven oder negativen Effekte „beweisen“.

    Ich denke, von „dieser Grundlagenforschung“ an sich geht keine nennenswerte Gefahr aus. Man muss sich eher Sorgen darüber machen, was in der Anwendung daraus werden kann. In der Vergangenheit hat die Menschheit schließlich stets größte Kreativität bewiesen, jede wissenschaftliche Erkenntnis zur Schaffung noch „effektiverer“ Vernichtungswaffen zu nutzen.

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