Wann schrumpft die Mittelschicht? Eine einfache Rechnung
In den Medien wird wieder einmal ein sorgenvolles Zukunftsbild gemalt: Die Mittelschicht schrumpft! Aber was bedeutet das überhaupt? Und wie wirkt sich das aus?
Ich habe einmal Ein Excel-Schema aufgemacht und verschiedene Szenarien durchgespielt, um das Problem transparent zu machen. Meine Beispiel-Gesellschaft besteht nur aus 10 Menschen, die im Jahr 2000 folgende Einkommen haben: Anton 10.000 €, Berta 15.000 €, Carl 20.000 €, Doris 25.000 €, Emil 30.000 €, Fritz 35.000 €, Gabi 40.000 €, Hanna 45.000 €, Igor 50.000 €, Johanna 55.000 €.
Das mittlere Einkommen beträgt dann 32.500 €, die Armutsgrenze (50 % des mittleren Einkommens) liegt bei 16.250 €, zur Mittelschicht gehört, wer zwischen 22.750 € (70 % des mittleren Einkommens)und 48.750 € (150 % des mittleren Einkommens) verdient.
Im Jahr 2000 sind in dieser Gesellschaft Anton und Berta arm, Doris, Emil, Fritz, Gabi und Hanna gehören zur Mittelschicht.
Was passiert nun, wenn sich das Einkommen jedes Menschen in dieser Gesellschaft alle 10 Jahre um 5.000 € erhöht?

In einem solchen Szenario wird die Einkommensverteilung immer ausgeglichener, was dazu führt, dass schon nach 30 Jahren keiner mehr arm ist und selbst die reiche Johanna zur Mittelschicht gehören würde.
Im nächsten Szenario nehme ich an, dass für jeden Mitbürger das Einkommen aller 10 Jahre um 50% steigt. Das sind in den ersten zehn Jahren für den armen Anton auch 5.000 €, für Johanna allerdings 27.500 €.

Nach 40 Jahren hätte es Anton immerhin auf über 50.000 € gebracht, weit mehr als im ersten Szenario. Aber er wäre immer noch arm, genau wie Berta. Auch sonst wäre alles beim alten: Die Mittelschicht besteht immer noch aus 50% der Bevölkerung.
Letztlich ist die gesellschaftliche Schichtung also stabil, wenn der prozentuale Zuwachs des Einkommens in allen Schichten gleich ist, und dann ist auch der absolute Einkommenszuwachs hoch (Das gilt auch mit anderen Zahlen, langfristig ist eine proportionale Steigerung immer besse als eine lineare)
Im dritten Szenario nehme ich an, dass das Einkommen zwar für alle Schichten proportional wächst, aber mit einem unterschiedlichen Faktor. Während Anton alle 10 Jahre 50 % mehr Einkommen hat, sind es bei Franz schon 100% und bei Johanna 150% Steigerung.

In diesem Falle tritt der in den Medien beschriebene Effekt auf: Nach 40 Jahren sind nicht nur Anton und Betra arm, sondern auch Carl und Doris, während nur noch Franz und Gabi zur Mittelschicht gehören. Aber auch in der Oberschicht hat sich etwas getan: zu den Reichen (Igor und Johanna) hat sich noch Hanna gesellt, die nun auch mehr als 150% des Durchschnittseinkommens verdient.
Absolut gesehen geht es auch in diesem Szenarion allen viel besser als im ersten Fall. Aber die Schere ist weit auseinander gegangen, und damit würden sich wohl, trotz allgemeinem Wohlstandsgewinn, auch die Spannungen in der Gesellschaft erhöhen.
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am 6. Mai 2008 um 09:18
Menschen beurteilen ihre Lage in der Tat meist im Vergleich zu anderen. Ich halte dein Modell aber für unzureichend, weil du davon ausgehst, dass die Einkommensverhältnisse wenn auch ungleichmässig, so doch ständig steigen. Für grosse Bevölkerungsteile gilt dies aber nicht. Es gibt Stagnation oder auch Rückgang bei gleichzeitig steigenden Lebenshaltungskosten. Vor allem das Gefühl, nach unten durchgereicht zu werden in Folge von Arbeitslosigkeit, ist eine grosse Hypothek für die gesamte Gesellschaft.
am 6. Mai 2008 um 10:46
Hallo Fragezeichner,
du hast natürlich recht. Worum es mir ging: Ich wollte erst einmal klären, was überhaupt „Schrumpfen der Mittelschicht“ oder auch „Zunahme der Armut“ bedeuten und habe deshalb bewusst einen Fall ausgewählt, bei dem alle mehr Geld bekommen und trotzdem die Armut laut Definition zunimmt und die Mittelschicht (lt. Definition) schrumpft.
Ich glaube, dass das Problem von sozialen Spannungen oder Stabilität tatsächlich aber unabhängig von der Frage ist, ob das Einkommen steigt oder fällt. Wenn, z.B. nach einem Krieg, alle weniger Einkommen haben, wird das für die Stabilität der Gesellschaft kein Problem sein, wenn sich die Lage aller ungefähr gleichmäßig (proportional) entwickelt, auch nicht (Szenario 2).
Aber es wird ein Problem in Szenario 1 und 3. In Szenario 1 wird die Oberschicht abhauen (Leistungsträger, Eliten) und die materielle Motivation lässt allgemein nach, in Szenario 3 wird Neid und Missgunst sowie Abgrenzung geschürt.
am 6. Mai 2008 um 14:35
Ja, es könnte durchaus sein, dass es ein Optimum in der Einkommensverteilung gibt, das möglicherweise auch kulturell bedingt ist. In den USA werden grössere Einkommensunterschiede eher toleriert als in Deutschland. Gleichzeitig sind Schweden bereit, zum sozialen Ausgleich höhere Steuern zu zahlen.
am 7. Mai 2008 um 15:12
Diese Aussage lässt sich aus den Zahlen nicht entnehmen, denn Du gehst ja lediglich von Nominalerhöhungen des Einkommens aus.
Was meinst Du, was Dir eine solche Einkommenserhöhung in Zimbabwe mit einer Inflationsrate von 150.000% bringen würde?
Lediglich wenn diese Zahlen allein durch entsprechendes reales Wachstum gedeckt sind und die Inflationsrate bei 0 liegt ist die Aussage richtig.
Nur sollte man dann einmal nachrechnen, wie sich die Produktivitätsrate entwickeln muss, um ein solches Szenario realistisch erscheinen zu lassen.
am 7. Mai 2008 um 15:27
Du hast natürlich recht, in meiner kleinen Beispielgesellschaft gibt es keine Inflation. Allerdings ist die auch bei der konstanten Einkommenserhöhung nicht berücksichtigt. Aber folgendes ist sicher:
Wenn die Realeinkommen eines Menschen über einen langen Zeitraum um einen konstanten Prozentsatz pro Jahr wächst, dann ist das Einkommen dieses Menschen irgendwann höher als wenn es nur (real) pro Zeiteinheit um einen konstanten Betrag wächst. Prozentuale Steigerung ist langfristig immer besser als absolut gleichbleibende Steigerung.
Und: Bei gleicher prozentualer Steigerung über alle Einkommen bleibt die Schichtung der Gesellschft (wie viele sind arm, wie viele gehören zur Mittelschicht) auch gleich, unabhängig von der Inflation, die ja auch jeden trifft.
am 7. Mai 2008 um 15:41
Wenn das Realeinkommen prozentual wachen soll, muss das Wirtschaftswachstum exponential ausfallen und zwar gleichbleibend exponential.
Und dann ist natürlich die Frage, welche Verteilung des Realwachstums für welche Schicht denn besser wäre.
Nähmen wir einmal der Einfachheit halber an, das Wirtschaftswachstum betrüge in einem Jahr 80 Milliarden €. Auf jeden Kopf verteilt könnte als das Einkommen um 1.000 € pro Jahr erhöht werden. Würdest Du es jetzt prozentual auf das schon vorhandene Einkommen aufteilen, so würde eine betragsmäßige Gleichverteilung natürlich den geringer Verdienenden mehr nutzen als eine prozentuale Verteilung.
Denn wenn dann das reale Wachstum auch exponential ausfiele, würde sich der zu verteilende Betrag ja exponential erhöhen.
am 7. Mai 2008 um 18:19
Meine Erklärung ist übrigens eine andere: Die äusserlich erkennbaren Symbole der Mittelschicht verschwinden im Zeitalter der Globalisierung. Und das ist auch logisch nachvollziehbar:
Nehmen wir als Beispiel einen Bäcker, der 100.000€ zurück gelegt hat und nun entscheiden will, wie er das Geld am sinnvollsten anlegt.
Für gewöhnlich sollten wir von einem braven, mittelständischen Bäcker erwarten, dass er seinen Betrieb vergrößert.
Wenn er nun aber vollständig rational handelt, so könnte er zum Beispiel zwischen den Alternativen entscheiden, eine neue Bäckerei in China zu eröffnen (resp. zu finanzieren) oder eben seine eigene Bäckerei zu erweitern. Da er in China von einem Wirtschaftswachstum profitieren kann, das ihm der Ort, in dem seine Bäckerei sich befindet, nicht bieten kann, entscheidet er sich also für die Bäckerei in China.
Das Problem stellt sich eher umgekehrt dar:
Wenn er Geld von einem Kapitalmarkt erwartet, dann konkurriert er auch mit dem chinesischen Markt, obgleich er normalerweise nicht so schnell wachsen kann.
Eine andere Alternative wäre, seine Bäckerei an einen Investor zu verkaufen, der sie entweder als Diversifikationsobjekt ansieht oder der zentral seine Brötchen erzeugen lässt und damit eigenes Wachstum zumindest kurzfristig verstärkt oder auch nur simuliert.
Das zumindest wäre meine Erklärung dafür, dass immer mehr Häuser in Deutschland an internationale Fonds verkauft werden und sich auch immer mehr Bäckereiketten ausbreiten. Und gerade Läden, die eben noch eine individuelle Beschriftung hatten und nun vereinheitlicht werden, sind Zeichen für eine zerfallende Mittelschicht.