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Jörg Friedrich


Wer will wissen, wie warm es ist?

02. Mai 2008 Kategorie: Philosophie |

Wenn ich weiß, welche Temperatur, gemessen in Grad Celsius z.B., die Luft da draußen hat, weiß ich dann, wie warm es ist? Jeder, der schon einmal an einem klaren Februartag an einem geschützten Ort in der Sonne saß, weiß, dass er das als wärmer empfand als wenn er zwei Monate später durch einen Regenschauer lief – den kalten Wind im Gesicht.

Warm und kalt, das sind Wahrnehmungen, sie sind zwar nicht subjektiv, denn wir können darüber sprechen und schreiben und uns verständlich machen. Sie sind aber auch nicht objektiv, wie es (vielleicht) die Temperatur ist.

Ich kann vor dem Joggen prüfend vor’s Haus treten und mit den Worten zurückkehren „Du brauchst keine Jacke, es ist warm“ und meine Lauf-Partnerin versteht mich, kleidet sich entsprechend und wird nicht enttäuscht. „Warm“ – das ist in unserer Kommunikation viel hilfreicher als „10 °C“, denn es schließt den Sonnenschein, die Windstille und die Trockenheit mit ein.

Die genaue Temperatur-Angabe hingegen ist etwas sehr abstraktes. Wir können sie zwar scheinbar genau bestimmen, indem wir eine Zahl am Termometer ablesen, aber wir haben keinen Nutzen davon. Wir wissen, dass die Anzeige von einigem, was uns interessiert, auch abhängt, ein Thermometer in der Sonne zeigt auch im Winter schnell einmal 30 °C an – trotzdem kämen wir nicht auf die Idee, in kurzen Hosen vor die Tür zu treten.

Die Wissenschaftler haben deshalb die Situation, in der sie die Temperatur messen, gut standardisiert. Sie sperren ihre Thermometer in weiß gestrichene, gut belüftete Häusschen ein – und das, was sie da messen, nennen sie die Lufttemperatur. Wenn wir uns immer in weiß gestrichenen, gut belüfteten Häusern aufhielten, wäre das, was der Wetterbericht über die Temperatur sagt, wirklich nützlich.

Das Problem, das wir haben, wenn wir uns mit dem, was die Wissenschaftler uns erzählen, beschäftigen, ist, dass sie über Dinge reden, die uns eigentlich nicht interessieren. Wir wollen wissen, was wir anziehen sollen, und sie erzählen uns etwas über Temperaturen, letztlich also über die Geschwindigkeit, mit der die Luftmoleküle gegen die Thermometerwände fliegen.

Wir haben uns in den letzten paar hundert Jahren einzureden versucht, dass die Art, wie Wissenschaftler die Welt sehen, die richtige ist. Sie soll alles planbar und vorhersehbar machen. Aber die Welt der Wissenschaft ist gar nicht unsere Welt. Es mag sein, dass sie die Temperatur vorhersagen können, die von morgen und die in 50 Jahren. Aber sie können uns nicht sagen, was wir tun sollen, denn das hängt zwar auch von der temperatur ab, aber außerdem noch von vielem anderen, vor allem davon, ob wir joggen oder stille sitzen wollen.


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6 Kommentare to “ Wer will wissen, wie warm es ist? ”

  1. # 1 Kaa schreibt:

    „Die richtige Art, die Welt zu sehen“, „planbar und vorhersehbar“ und „was wir tun sollen“ sind Aussagen aus drei vollkommen unterschiedlichen Bereichen.
    Mit „die richtige Art“ vermute ich, referrieren Sie auf Wahrheit.
    Mit „Planbar und vorhersehbar“ auf Technik.
    Und mit „Was wir tun sollen“ sprechen sie die Ethik an.

    Die Welt wird nicht einfacher, wenn man älter wird. Höchstens, wenn man weise wird :-) .

  2. # 2 Jörg schreibt:

    Von einem gewissen Standpunkt aus hängen die drei Aspekte sehr eng miteinander zusammen. Die Wahrheit erkennen wir, wenn wir Abläufe vorhersehen können, wird der Wissenschaftler sagen. Und das, was wir tun sollen (nicht im ethischen Sinn, ich bin kein Kantianer, ich glaube nicht, dass die Ethik mehr mit dem Sollen zu tun hat als die Erkenntnistheorie), ist das, was in Übeeinstimmung mit den erkannten Wahrheiten, den vorhersagbaren Abläufen, unseren Zielen entspricht.

  3. # 3 Kaa schreibt:

    Damit sprechen Sie mir das Menschsein ab. Und für mich klingt es so, als tun Sie das nur, um Recht zu haben.

  4. # 4 Jörg schreibt:

    Hallo Kaa, das verstehe ich nicht. Ich will nicht mal behaupten, dass ich diesen Standpunkt der Wissenschaftler teile. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass diese drei Bereiche ja eng zusammen gehören, für die einen mehr, für die anderen weniger.

  5. # 5 Kaa schreibt:

    Ich kanns nicht erklären. Es ist für mich wesentlich, daß die drei Sachen nicht zusammenhängen. Vielleicht in Wirklichkeit, aber nicht für meine Erkenntnis. Und ich glaube auch nicht für Ihre, oder die der meisten Menschen.

    Und so geht ja auch Ihr ursprünglicher Artikel. Wahrheit und Wissenschaft ist ein Riesenunterschied, haben Sie pointiert zusammengefasst geschrieben.

    Nun bin ich vom Typ her ein Widersprecher. Eigentlich hätte ich auch sagen können: Ja, da bin ich Ihrer Meinung, die Wissenschaft kann viel, sie kann uns eventuell sogar die Welt erklären – doch wie wir leben sollen, kann sie uns nicht sagen – und wie wir glücklich werden auch nicht.

    Nur, was eben auch verkehrt ist, ist die Wissenschaft für ihre Überbeanspruchung wesentlich verantwortlich zu machen. Und als Widersprecher habe ich mich darauf konzentriert.

  6. # 6 Patrick schreibt:

    Als Wissenschaftler in spe sehe ich wie auch viele meiner Kommilitonen und Kollegen die Aufgabe der Wissenschaft nicht darin, uns zu sagen, wie wir leben und handeln sollen. Entscheidungen des persönlichen Lebens können zwar von wissenschaftlicher Erkenntnis profitieren, sollten (müssen?) letztlich aber immer auf unmittelbarer persönlicher Erfahrung, auf zwischenmenschlicher Kommunikation und Abwägung durch den „gesunden Menschenverstand“ aufbauen.
    Präzise gemessene Temperaturen sind für wissenschaftliche Experimente unabdingbar, für die Tagesplanung aber völllig nebensächlich. Ich behaupte, (gerade in Münster) kommt man ohne Kenntnis des Wetterberichts genauso gut durch den Tag wie mit. Ein weiteres Beispiel: Die Wissenschaft mag uns die perfekte Mahlzeit entwickeln und vergisst dabei, dass es nicht nur auf Nährwert sondern auch und gerade auf das Geschmackserlebnis ankommt. Nicht ohne Grund speisen wir dort, wo Ambiente und Geschmack stimmen, und konsumieren bereitwillig Giftstoffe, wenn sie nur unser kulinarisches Verlangen befriedigen.

    Sicher spreche ich nicht nur für mich, wenn ich sage, dass die Motivation der meisten Wissenschaftler der Drang nach Erkenntnis und die Freude am Erlangen und Teilen eben dieser ist. Die Anwendung der gewonnen Erkenntnis kann – Brecht würde sagen muss – das Ziel haben, unser Leben angenehmer, besser und einfacher zu gestalten. Die Entscheidung aber, wie wir dieses Wissen anwenden und wie wir leben wollen, liegt einzig und allein bei uns selbst.
    Leider hat sich diese Ansicht in der Gesellschaft bisher nicht durchgesetzt und viele Menschen versuchen tagtäglich ihre eigene Entscheidungsverantwortung blind an die Wissenschaft abzugeben.

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