Jörg Friedrich


Meinungen und Überzeugungen

02. Mai 2008 Kategorie: Philosophie |

Oft diskutiert man abendelang heiß um ein Thema und wundert sich, dass der Diskussionspartner nicht bereit ist, seine merkwürdigen Meinungen durch die eigenen, plausiblen und wohl-begründeten Überzeugungen zu ersetzen. Auch in der öffentlichen Debatte ist man immer wieder erstaunt, wie starr andere auf ihren Ansichten beharren, wie wenig sie von den vorgebrachten Argumenten beeindruckt sind, und man ist manches mal beleidigt, weil einen der andere dann auch noch für einen uneinsichtigen Starrkopf hält.

Charles Sanders Peirce hat sich vor über 130 Jahren in seiner immer noch unterhaltsamen und lesenswerten Schrift „Die Festigung der Überzeugungen“ (z.B. in Pragmatismus (Reclam Universal-Bibliothek)) behauptet, dass es vier Methoden gibt, Überzeugungen zu festigen.

Dabei ging Peirce davon aus, dass wir feste Überzeugungen brauchen, um praktisch handeln zu können. „Unsere Überzeugungen leiten unsere Wünsche und formen unsere Handlungen“. Wenn wir zweifeln, fühlen wir uns unwohl:

Die Erregung des Zweifels verursacht einen Kampf, der zur Überzeugung führt. … Der Kampf beginnt also mit dem Zweifel und endet mit dem Aufhören des Zweifels.

Wenn wir sichere Überzeugungen gefunden haben, fühlen wir uns wohl, wir wissen, wie wir handeln müssen, wir sind nicht im Zweifel.
Die erste Methode, eine Überzeugung zu festigen, ist nach Peirce die des Beharrens. Sobald wir eine plausible Überzeugung haben, werden wir an ihr festhalten, indem wir z.B. Informationen, die uns zum Zweifeln bringen könnten, gar nicht zur Kenntnis nehmen. Auch der Alltag zeigt, dass diese Methode immer noch weit verbreitet ist. Peirces Optimismus, dass jeder Mensch irgendwann feststellen muss, dass andere Menschen andere Überzeugungen haben und dass deshalb die Methode des Beharrens nicht richtig sein kann, hat sich bisher als unbegründet erwiesen. Das dürfte wohl vor allem daran liegen, dass die Vielfalt der Welt immer wieder Argumente liefert, die die eigenen Überzeugungen stützt und die der anderen als pure Meinungen beseite schieben lässt.

Es gibt allerdings weitere Möglichkeiten der Festigung von Überzeugungen bei Peirce. Zwei miteinander verwandte Methoden sind die autoritäre und die apriorische Methode, die bestimmte unbezweifelbare Instanzen (entweder eine Institution wie die Kirche oder den Staat oder grundlegende metaphysische Überzeugungen) als Grund für alle Überzeugungen ansehen.

Auch hinsichtlich dieser Methoden war Peirce leider zu optimistisch: Er glaubte, dass wenigstens die autoritäre Methode bereits zu seinen Lebzeiten der Vergangenheit angehörte, wer aber heute seine Beschreibungen dieser Methode liest, glaubt, eine Zusammenfassung der Funktionsprinzipien der totalitären Staaten des 20 Jahrhunderts vor sich zu haben.

Den drei unvollkommenen Methoden der Festigung von Überzeugungen stellt Peirce die wissenschaftliche gegenüber. Er glaubt, in der Annahme, dass es reale Dinge gibt, die nach festen, erkennbaren Gesetzen aufeinander einwirken, die beste Methode gefunden zu haben, Überzeugungenherauszubilden, nach denen der Mensch erfolgreich handeln kann.

130 Jahre später fragt man sich, ob Peirce nicht auch hier zu optimistisch war. Zwar hat die Wissenschaftliche Methode große Erfolge gefeiert, sie hat uns aber auch Probleme beschert, die uns bei der Methode der Beharrlichkeit und der Autorität sicher erspart geblieben wären. Ist die wissenschaftliche Methode damit wirklich besser.

Auf jeden Fall hat Peirce sehr schön die veschiedenen Möglichkeiten gezeigt, wie aus Zweifel sichere Überzeugnung wird. Jeder Mensch hat sicherlich seine eigene Methode, die eine Mischung aus den vier genannten Methoden ist. Mal ist man beharrlich, mal glaubt man an Autoritäten, und manchmal wird man nach wissenschaftlicher Begründung suchen, um den Zweifel zu bekämpfen.

Eine Überzeugung, die man durch wissenschaftliche Arbeit gewonnen hat, wird man vielleicht mit Beharrlichkeit verteidigen auch wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse dem längst widersprechen. und gegen Überzeugungen, die von einer anerkannten Autorität vermittelt wurden, können wissenschaftliche Methoden wenig ausrichten.

Wenn Überzeugungen einmal gefestigt sind, hat es einer, der andere Überzeugungen hat, schwer, diese voranzubringen, sei es mit der wissenschaftlichen oder mit der autoritären Methode, mit der des Beharrens schon gar nicht. Denn eine Überzeugung verändert man nicht, weil jemand anders eine andere Überzeugung hat, sondern weil man zweifelt. Überzeugen beginnt also nicht beim Argument, sondern, indem man Zweifel säht.


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2 Kommentare to “ Meinungen und Überzeugungen ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Es stimmt: jeder Versuch, einem anderen zu zeigen, dass seine Meinung falsch ist (und das tut man bei jedem Versuch, jemanden zu überzeugen), errichtet vor allem erst mal eine Mauer. Überzeugung brechen durch Zweifel auf, vor allem, wenn sie vom „eigenen Lager“ gestreut werden, dort wo man keine Manipulation oder finstere Absichten vermutet.

  2. # 2 Michael Kostic schreibt:

    Hallo,

    ein interessant beschriebenes alltägliches Problem :-)

    Was jedoch auch Du bei dieser deiner Analyse gänzlich aussen vor lässt, ist der Umstand, wo bzw. wie Charles Sanders Peirce gelebt hat. Und weit wichtiger noch, von wann bis wann er lebte. 1839 bis 1914! In welcher Welt / Gesellschaft hat er gewirkt? Was waren seine informationellen Hintergründe? Was konnte er tatsächlich wissen, was vermuten, was erahnen? Was hätte er gesagt, wenn wir ihm zu seinen Lebzeiten gesagt hätten:

    „Herr Peirce es wird eine Zeit kommen, da werden wir alle miteinander kommunizieren können, unerheblich unseres Standes, unserer Herkunft etc. pp.!“

    Hätte er nicht u.U. schallend aufgelacht und festgestellt:

    „You are Crazy!“

    Weise ist der welcher die Aussagen von verstorbenen mit deren ganz direkten Lebensumständen und auch ihrer Existenzzeit in Übereinstimmung bringt.

    Welche Auswirkungen hätte z.B. die Kenntnis der modernen Schifffahrt auf die Theorien eines Adam Smith gehabt?

    ;-)

    Wenn ich mit Menschen kommuniziere frage ich grundsätzlich nach den Quellen ihrer Information. Sind diese im o.g. Sinn sehr alt und längst vergangen frage ich:

    „Woher willst Du wissen wie deine Quelle sich heute äußern würde?“

    Bin ich nun ein Bewahrer oder ein Generalskeptiker?

    Gruß

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