Die Kultur: natürlich künstlich
Stünd‘ ich, Natur, vor dir ein Mann allein,
Da wär’s der Mühe wert, ein Mensch zu sein.
lässt Goethe seinen Faust in einem der großen Schlussmonologe sagen. Faust ist deshalb so verzweifelt, weil er der Natur unmittelbar gar nicht mehr begegnen kann – und das ist ausgerechnet das Resultat seines unermütlichen Strebens und Schaffens. Aber was ist die Natur, der Faust so gern unmittelbar begegnen will, eine Sehnsucht, die wir heutigen kennen und die heute einen vielfältigen Wiederhall findet?
Wir sagen, wenn uns etwas besonders unverfälscht und in seiner ursprünglichen Art begegnet, es sei natürlich. Aber wir verwenden die Zuschreibung von „natürlich“ auch anders: So können wir über eine besonders unverwüstlichen „Pflanze“ im Restaurant sagen, „natürlich ist die künstlich!“. Es gibt also zwei verschiedene Bedeutungen: Natur und Natürlichkeit wird entweder als Verweis auf Urspünglichkeit oder auf Selbstverständlichkeit verwendet.

Es wird eine Zeit gegeben haben, in der beides die gleiche Bedeutung hatte, in der das Ursprüngliche noch das Selbstverständliche war. Es gibt keinen Grund sich nach diesen Zuständen zurück zu sehnen, denn dieses Ursprüngliche, das die Menschen umgab, war sicherlich im Normalfalle abweisend und gefährlich, es war die Wildnis.
Wenn wir uns heute nach Natürlichkeit als Ursprünglichkeit sehnen, meinen wir aber gar nicht die Wildnis, wenn wir „Natur“ sagen, meinen wir meistens schon etwas von Menschen erzeugtes, etwas kulturelles. Die Landschaften, an denen wir uns erfreuen und die wir als Natur bezeichnen, sind von Menschen geformt, sie sind Kulturerzeugnisse.
Aus dem Gegensatz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit ist also ein Spektrum geworden, das durch wenigstens vier Begriffe beschrieben werden muss: Wildnis – Natürlichkeit- Kultur – Künstlichkeit. Wenn wir die Bedeutungsdifferenzen zwischen diesen Begriffen ergründen, können wir zu einer klareren Vorstellung darüber kommen, wonach wir wirklich streben, wenn wir von der Natur sprechen. Wollte Faust wie Christopher McCandless „In die Wildnis“? Und was meint der Ruf „Zurück zur Natur“?
Die Wildnis – das ist die vom Menschen unberührte, wirklich ursprüngliche Natur. Fausts Sehnsucht bezieht sich zwar möglicherweise auf diesen Zustand der unbändigen und ungebändigten Natur, aber nur, weil er in ihm das Material für seine – menschliche – kulturstiftende Tätigkeit sieht. Er will zur Wildnis zurück, um sie sich anzueignen – insofern hat er immer schon eine vom Menschen veränderte, kultivierte Natur im Blick.
Wenn wir von Natur sprechen, dann denken wir tatsächlich meist an eine vom Menschen wenigstens geprägte, überhaupt zugänglich gemachte Wildnis. Sie soll die Spuren des meschlichen Eingriffs nicht zeigen, aber wir wollen in ihr zurechtkommen, und da wir selbst keine Wilden mehr sind, kann die Natur, die wir suchen, auch nicht wild sein.
Das betrifft nicht nur die uns umgebende Welt, das gilt genauso für das menschliche Verhalten selbst: Wenn wir an jemandem das „natürliche Verhalten“ schätzen, dann meinen wir kaum, dass er sich „wie ein Wilder“ benimmt. Wir erwarten Freundlichkeit, Verbindlichkeit und Vorhersehbarkeit. Natürlichkeit ist eine kulturell geprägte Art, angenehm zu sein, aber gleichzeitig unverwechselbar, interessant und einzigartig.
Geht die Prägung durch die menschliche Tätigkeit so weit, dass die Unverwechselbarkeit ganz verschwindet und die gesammte Erscheinung einer Landschaft, einer Pflanze, eines Menschen durch bekannte Regeln bestimmt werden kann, dann sprechen wir von Kultur. So gesehen kann man sagen, dass das, was wir als Natur oder als Natürlichkeit ansehen, im Alltag eine Art kulturell gebändigte Wildnis ist – und das ist dann ja auch wieder das Selbstverständliche, hier trifft sich dann auch für uns wieder Selbstverständliches und Natürliches.
Wenn durch ein Individuum, sei es ein Mensch, ein anderes Lebewesen oder eine Landschaft, eine bestimmte Menge kultureller Regeln überbetont werden, sodass alle anderen Verhaltensweisen unterdrückt oder verdeckt werden, dann sprechen wir von Künstlichkeit oder gekünsteltem Verhalten. Künstlichkeit steht also am anderen Ende eines Spektrums, an dessen einer Seite die Wildnis steht und welches die Möglichkeiten der Prägung einer Erscheinung oder eines Verhaltens durch die menschliche Gesellschaft beschreibt. Erstaunlich ist bei diesem Befund, dass Natur und Kultur sich hier offenbar in großer Nähe zueinander befinden. Sie beschreiben die Zone, in der der Mensch sich einrichten kann, während es an den beiden Rändern unwirtlich, ja unmenschlich und unerträglich für ihn ist.
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