Jörg Friedrich


Wieder einmal: Freier Wille abgeschafft

16. April 2008 Kategorie: Philosophie |

Neuro-Wissenschaftler berichten wieder einmal, dass sie Hinweise darauf gefunden hätten, dass wir Menschen keinen freien Willen hätten, sondern dass das, was wir als freie Willensentscheidung empfänden, nur eine Täuschung unseres Gehirns sei. In einer Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft heißt es:

Schon etliche Sekunden bevor wir eine Entscheidung bewusst treffen, können erste Anzeichen der Absicht aus dem Gehirn ausgelesen werden.

Weiter unten schlussfolgern die Wissenschaftler um Prof. Dr. John-Dylan Haynes vom Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience Berlin:

Einen endgültigen Beweis gegen die Existenz eines freien Willens sehen sie darin noch nicht.

wobei die Betonung wohl auf dem „noch“ liegt. Aber betreffen die Experimente überhaupt das, was wir normalerweise „Entscheidungsfreiheit“ und „freien Willen“ nennen?

Im Experiment wurden Probanden gebeten, sich frei zu entscheiden, ob sie den linken oder den rechten von zwei Knöpfen drücken wollen. Gleichzeitig wurde ihnen eine Buchstabenfolge gezeigt und sie sollten sich merken, bei welchem Buchstaben sie ihre Entscheidung getroffen hatten. Die Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass sie die Entscheidung der testperson überdurchschnittlich oft richtig vorhersagen konnten, und zwar bis zu 10 Sekunden vor dem Zeitpunkt, an dem die Testperson glaubte, ihre Entscheidung getroffen zu haben.

Hier sollen weder die Versuchsanordung kritisiert, noch sollen mögliche alternative Interpretationen der Ergebnisse versucht werden. Es ist anzunehmen, dass die Wissenschaftler in diesen Fragen sorgfältig, ausführlich und kritisch alle Möglichkeiten in Betracht gezogen haben. Die Frage, die hier interessiert, ist: Ist das, was dort untersucht wurde, überhaupt eine Entscheidung?

Wenn ein Mensch gebeten wird, sich frei zwischen einem linken und einem rechten Knopf zu entscheiden, wird er außerhalb eines wissenschaftlichen Versuchslabors wahrscheinlich sagen, dass er diese Entscheidung gar nicht treffen kann. In unserem normalen Leben gibt es keine Entscheidung ohne rechtfertigende Gründe. „Ich habe mich entschieden“ das bedeutet: Ich habe die mir bekannten Bedingungen für eine Entscheidung geprüft und bin auf dieser Basis zu dem Ergebnis gekommen, dass die Handlung, die ich jetzt ausführen werde, die richtige ist. Dabei kann es dahingestellt bleiben, ob das Verfahren der Entscheidung rational oder emotional ist.

Entscheidungen aus freiem Willen sind begründete, gerechtfertigte Handlungsvorgaben.

Die Entscheidung zwischen dem linken und dem rechten Knopf des Experimentators aber gleicht der von Buridans Esel, der zwischen zwei gleich großen Heuhaufen verhungerte, da er sich nicht entscheiden konnte. Schon Aristoteles beschrieb dieses Dilemma und machte damit deutlich, dass es eben keine Entscheidung im eigentlichen Sinne des Wortgebrauches ist, wenn der Esel sich letztlich doch über einen der beiden Futterberge hermacht.

So ist es auch mit der Testperson der Wissenschaftler. Sie drücken zwar einen Knopf, aber sie trafen keine Entscheidung. Dass hier das „Gehirn“ und nicht das „Ich“ „entscheidet“, wie manch ein Neurowissenschaftler zugespitzt formuliert, ist den Philosophen schon seit über 2.000 Jahren bekannt, und sie brauchten zu dieser Erkenntnis keine komplizierten Geräte.

Was die Wissenschaftler untersucht haben, waren keine Entscheidungen, dazu hätten sie den Probanden verschiedene Gründe geben müssen, den einen oder anderen Knopf zu drücken. In Ermangelung solcher Gründe haben die beobachteten Personen sich trotzdem auf eine Handlung festgelegt, und man mag auch dieses Verhalten, welches in der Realität sicherlich auch vorkommt, eine „Entscheidung“ nennen – auch wenn es mit den Entscheidungen, die wir aus freiem Willen treffen, nicht viel zu tun hat.


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3 Kommentare to “ Wieder einmal: Freier Wille abgeschafft ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Ich bin völlig einer Meinung mit dir. Es ist auch nichts neues, dass viele unserer Handlungen im Unterbewusstsein vorbereitet werden, automatisiert sind oder über Reflexe oder gar Instinkte gesteuert werden. All das taugt aber auch noch nicht zum Beweis, dass es keinen freien Willen gibt. Es reicht zu zeigen, dass ein einziger Mensch jemals eine einzige freie Entscheidung getroffen hat, um den freien Willen zu beweisen. Ich bezweifle aber, dass jemals Beweis oder Gegenbeweis erbracht werden.

  2. # 2 Vogel schreibt:

    Jörg
    ich schick‘ Dir auf anderem Weg einen Scann aus dem KStA zu, vielleicht kannst Du den irgendwie reinbasteln, dann können wir das noch‘mal aufgreifen, okay?!

    Beste Grüße
    Vogel

  3. # 3 Hannah schreibt:

    Die armen Schweine (vulgo: Probanden) bei Haynes et al. waren ja wirklich nicht „frei“:

    Erstens hatten sie nur die (enge) Wahl zwischen „addieren“ und „subtrahieren“…

    Zweitens wurden sie für ihre „Leistungen“ auch noch bezahlt (waren also in einer absolut „unfreien“ „Geldsituation“).

    Kein Wunder dass „man“ dann einen „unfreien Willen“ konstatiert…

    Wie immer: alle Kartierungen und Karten sind hochgradig selektiv, lokal und „methodically biased“…

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