Wie hoch muss die Rente sein?
Die Diskussion um die richtige Höhe der Renten erreichte in der vergangenen Woche wiedereinmal einen Höhepunkt. Es wird wohl nicht der letzte gewesen sein und es grenzt nicht gerade an Hellseherei wenn man vorhersagt, dass dieses Thema zum größten innergesellschaftlichen Streitpunkt der nächsten Jahrzehnte werden könnte.
Das ist der richtige Moment, um möglichst sachlich über die verschiedenen Aspekte des Problems nachzudenken.

Klar und unbestritten ist, dass sich jeder Mensch durch die Beteiligung an der Finanzierung der Renten während seiner eigenen Erwerbstätigkeit einen Anspruch darauf erwirbt, im Alter selbst von den dann Erwerbstätigen eine Rente finanziert zu bekommen. Es ist aber wohl nirgends festgelegt worden, auf welchen Lebensstandard man als Rentner Anspruch hat – und darüber gibt es wohl auch keinen allgemeinen Konsens. Welche Abstriche am Konsum müssen von Rentnern hingenommen werden und ist es zumutbar, dass diese Möglichkeiten nach aktueller Kassenlage oder sogar aufgrund prognostizierter zukünftiger Finanzierungsprobleme Stück für Stück eingeschränkt werden?
Die Frage, wieviel Verlust an Kaufkraft und Lebensqualität mit dem Erreichen der Rente verbunden sein darf, ist ein Tabu – aber ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens zu dieser Frage wäre ein erster Schritt, um den Frieden unter den Generationen zu sichern.
Die nächste Frage ist, wonach sich die Höhe der Rente überhaupt berechnen lassen soll, und zwar nicht kurzfristig, sondern vor allem über die ganze Zeit der zu erwartenden Rentendauer. Auch wenn inzwischen allgemein bekannt ist, dass das Rentensystem nicht wie eine kapitalbildende Lebensversicherung funktioniert, ist doch die Ansicht weit verbreitet, dass der, der viel in die Rentenkassen eingezahlt hat, auch viel Rente bekommen sollte – getreu dem Gedanken: Ich habe, als ich jung war, viel für die Rentner getan, nun sollen die, die heute jung sind, auch viel für mich tun.
Das ist an sich ein guter Grundgedanke, der allerdings außen vor lässt, dass dieser heutige Rentner viel länger leben wird als die, für die er seinerzeit gezahlt hat, dass also die heutigen Jungen für mehr Rentner aufkommen müssen als er es damals tat. Eine logische Konsequenz daraus müsste die ganz selbstverständliche Anhebung des Rentenalters sein. Rente ist ja als Absicherung für die Zeit gedacht gewesen, in der man selbst aus Altersgründen nicht mehr arbeiten kann, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Wir werden aber nicht nur älter als früher, wir bleiben auch länger fitt.
Wenn wir aber nicht später in Rente gehen wollen, muss der gleiche Rentenbeitrag unter mehr Rentnern verteilt werden – das hätte automatisch geringere Renten zur Folge.
Natürlich gibt es auch eine dritte Lösung: Die Beitragszahler zahlen mehr in die Rentenkassen ein. Auch darüber könnte man einen Konsens erzielen, etwa nach der folgenden Argumentation: Keiner möchte im Alter auf mehr als nötig verzichten, also zahlen auch wir Jungen heute so viel in die Kassen ein, dass die Rentner nicht verzichten müssen, in der Hoffnung, dass auch dann, wenn wir Rentner sind, die Jungen entsprechende Zahlungen leisten werden. Dann würden wir manch einen Konsum-Wunsch einfach verschieben auf die Zeit, in der wir Rentner sind.
Ein solcher Konsens würde allerdings ein großes Vertrauen in die gesellschftlichen Institutionen und in die nachfolgenden Generationen voraussetzen und es ist im Moment nicht erkennbar, wo dieses Vertrauen her kommen soll. Eine Generation, die sich selbst nicht einmal mehr zutraut, Kinder in die Welt zu setzen und großzuziehen, wird kaum Vertrauen in eben diese schwache Folgegeneration setzen.
Und damit wird auch das größte Problem, dass die Generationen in Deutschland miteinander haben, deutlich: Die heutigen Rentner haben die Baby-Boom-Generation gezeugt, sie haben dafür gesorgt, dass mit den jetzt 45jährigen so viele Beitragszahler wie nie da waren. Diese Rentner haben – sagen wir es ganz offen – natürlich kein Verständnis dafür, dass ihre Kinder es weder schaffen, für die heutigen Renten aufzukommen, noch genügend Kinder in die Welt zu setzen, damit auch in zwei bis drei Jahrzehnten noch Renten gezahlt werden können.
Das Problem unserer Gesellschaft liegt in dieser mittleren Generation. Aber dass sie so geworden ist, hat natürlich auch mit denen zu tun, die sie aufgezogen hat. Deshalb müssen Rentner und Erwerbstätige heute vernünftige Kompromisse finden, für sich selbst und für die Folgegenerationen. Das bedeutet nicht nur, dass alle verzichten müssen, damit das System sich langfristig stabilisiert. Vor allem müssen die Bedingungen dafür, dass die Gesellschft wieder kinderfreundlicher wird, verbessert werden – und auch das ist eine Aufgabe für alle Generationen.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/04/14/wie-hoch-muss-die-rente-sein/
am 14. April 2008 um 09:25
Junge Menschen entziehen sich dem Druck – sie sind nicht bereit, erwachsen zu werden. Die allgemeine Absicherung des Lebensstandards in unserem Land ist so hoch, dass junge Menschen keine Scheu haben, nie mit der Ausbildung fertig zu werden. Das ist zwar pauschal so nicht richtig, aber ich möchte meinen ersten Halb-Satz in den Ring der Diskussion werfen.
am 15. April 2008 um 08:33
Ich frage mich nach dem Lesen deines (ausgezeichneten) Artikels gerade, seit wann in Deutschland Renten gezahlt werden und wie hoch die Lebenserwartung damals war. Du schreibst:
„Rente ist ja als Absicherung für die Zeit gedacht gewesen, in der man selbst aus Altersgründen nicht mehr arbeiten kann, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.“
Das wirft bei mir den Gedanken auf, das die Rente früher (aufgrund evtl. niedrigerer Lebenserwartung) damals gar nicht zur regulären Auszahlung an alle im Alter, sondern nur zur Notfallabsicherung gedacht war, falls jemand auf Krankheitsgründen (heute BU-Rente) oder Altersgründen nicht mehr arbeiten konnte.
Wenn wir das auf heute projezieren, dann machst du genau den richtigen Schritt, indem du dich mit demoskopischen (Lebenserwartung, Einzahler, Empfänger) und gesellschaftlichen (Aktzeptanz, Vertrauen) Gesichtspunkten auseinandersetzt. Die einfachste Lösung wäre eine Kombination aus Erhöhung des Rentenalters und Erhöhung der Beiträge, was aber schon wieder aus gesellschaftlichen Gesichtspunkten schwer erscheint.
Aber wie hoch darf/muß die Rente nun sein? Wenn ich mal an mich selbst denke, möchte ich natürlich als regelmäßiger Einzahler auch eine Gegenleistung vom Staat und der Gesellschaft allgemein erhalten. Das die Renten allgemein als rückläufig betrachtet werden können und das jeder (auch ich) davon betroffen sein wird, ist mir klar – aber ich möchte zumindest nicht in Altersarmut enden. Wenn man sich darüber Gedanken macht, wird schnell klar, das es sehr schwer ist, jetzt einfach so einen monatlichen Betrag festzusetzen. Vielleicht muß der Beitrag am besten ein bestimmter Prozentsatz des Durchschnittseinkommens während der Einzahlzeit sein, ohne dabei einen gewissen Betrag (eine Art Renten-Grundsicherung) zu unterschreiten.
am 15. April 2008 um 08:55
Rente gibt es in Deutschland seit 1889, damals lag das Renteneintrittsalter bei 70 Jahren. Hier der passende Wikipedia-Link
am 18. April 2008 um 22:25
Hi Jörg,
Geht nich! (siehe, sinngemäß: „Warum die nicht-rationale Entscheidung die richtige ist“)
Tut gut, zu hören (lesen), Du bist tatsächlich recht sachlich. Grundmissverständnis, im Allgemeinen: „Ich hab‘ doch für meine Rente eingezahlt!“
Ohne auf weitere Details einzugehen: Ich habe (als Beitragszahler) durch meine Beiträge Anrechte erworben! Ich habe vergessen, darüberhinaus, Voraussetzungen zu schaffen, dass diese Ansprüche auch adäquat erfüllt werden können – vergleichbar mit dem Problem der jetzigen Generation für die Anspruchsinhaber zu zahlen und, gleichzeitig für sich selbst zu sparen.
Mit einer endlosen Diskussion über Kaufkraft, Vorleistung, aktuelle Belastung & Co. wird nur das Problem an sich verschüttet: Beides muss stimmen: (historischer) Anspruch und (aktuelle) Leistbarkeit (und Vorleistung für Leistbarkeit)!
Jeder Artikel zum Thema, jeder Kommentar zum Thema (auch der vorstehende) muss suboptimal bleiben! Einzige (mögliche) Lösung: 1. Eigenvorsorge – ca. 40% (spare in der Zeit … des eigenen Glückes Schmied … usw.), 2. Familie ca. 35% (meine Mutter [85] lebt bei uns!), 3. Staat ca. 25% (die Anderen den Rest für mich!) – das ist die Reihenfolge!!
Grüße
Vogel
PS.: Das „Drei-Säulen-Modell“ gibt es spätestens seit 1957 (Adenauer): Gesetzliche Rente + Betrieb (selten, und wenn: idR minimal) + Privat (im Durchschnitt zu wenig bis nix – lieber Lebensstandard! Huch!!) – kennt kaum ein Mensch! Aber, dass Presskopp die dickste Wurscht iss *grrpfftgrr* dat wissen’se alle!
am 18. April 2008 um 22:46
Ups, da hab‘ ich noch ‚was übersehen!
Wir (58 + 57) haben vier (28, 24, 22, 20) in die Welt gesetzt – die leisten nur für uns! Hand hoch wer mithalten kann! Wir haben denen natürlich verboten für andere zu leisten – nur dass das klar iss!!
Grüße
Vogel
PS.: Ausreden werden nicht akzeptiert!