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Jörg Friedrich


Warum die nicht-rationale Entscheidung die richtige ist

10. April 2008 Kategorie: Philosophie |

Sind wir irrational in unseren Entscheidungen, ohne es zu wissen, und schadet uns das? Der Fragezeichner hat das Beispiel aus einem NewsWeek-Artikel aufgegriffen um die Frage zu stellen, warum wir irrational entscheiden, obwohl wir glauben, rational gehandelt zu haben.

Im Beispiel (man sehe sich das Zahlenbeispiel beim Fragezeichner an) stehen drei Wohnungen zur Wahl, die alle den gleichen Mietpreis haben. Die erste (in Billerbeck) ist groß, dafür aber weit von der Arbeitsstelle entfernt, die zweite klein (in Havixbeck), dafür nahe an der Arbeitsstelle. Die dritte (in Nottuln) ist noch kleiner als die zweite, und etwas weiter von der Arbeitsstelle entfernt als diese. Unter diesen Umständen scheint den meisten die zweite Wohnung die richtige Wahl, was aber nicht wirklich rational ist.

Beachtet man nämlich, dass die Wohnung in Nottoln (am kleinsten, und zudem weiter weg als die in Havixbeck) auf jeden Fall ausscheidet, und bezieht sie nicht mehr in die Wahl mit ein, kann gar keine klare Entscheidung zwischen der Billerbeck und Havixbeck getroffen werden. Die Entscheidung für Havixbeck kam nur durch die Vergleichbarkeit mit Nottuln zustande, obwohl diese Wahl eh schon ausgeschlossen war.

Forscher nutzen solche Experimente zur Begründung der Aussage, dass wir irrational entscheiden würden und dass wir deshalb die falschen Entscheidungen treffen würden. Aber das kann aus dem vorliegenden Beispiel auf keinen Fall abgeleitet werden.

Echte Entscheidungen sehen anders aus

Die Wohnungswahl, wie sie hier dargestellt wurde, kann allenfalls als Gedankenexperiment angesehen werden. Im wirklichen Leben treffen wir unsere Entscheidungen nicht aufgrund von zwei Angaben (Wohnungsgröße und Nähe zur Arbeit) – es sei denn, es gäbe eine wesentliche Eigenschaft, die die anderen ohnehin überdeckt. Eine junge Familie wird in unserem Fall immer nach Billerbeck ziehen, jemand, der keinen Führerschein hat und aufs Fahrrad angewiesen ist, wird immer Haxixbeck bevorzugen. Alle anderen werden sich alle drei Wohnungen ansehen und viele weitere Bedingungen berücksichtigen.

Das Gedankenexperiment sagt uns nichts über unser tatsächliches Entscheidungsverhalten, sondern über unsere Vermutungen über eine abstrakte, nicht reale Situation. Schon deshalb kann aus diesem Test wenig über die rationalität von Entscheidungen gesagt werden.

Komplexe Entscheidungen können nicht rational sein

Umso mehr Bedingungen wir aber berücksichtigen, desto weniger ist es möglich, rational eine Lösung auszuwählen. Der rationale Entscheider wird letztlich gar keine Entscheidung treffen können. Nicht alle Faktoren können klar bewertet und gegeneinander abgewogen werden, außerdem sind nie alle Informationen, die man eigentlich benötigen würde, bekannt, wenn die Wahl getroffen werden muss.

Nicht-rationales Entscheiden ist deshalb ein effizientes Verfahren, überhaupt zu einer Lösung zu kommen. Menschen, die ganz rational handeln wollen, sind oft von der Komplexität der Aufgabe gelähmt und tun gar nichts – und das ist in den seltensten Fällen die richtige Entscheidung.

Deshalb können wir froh sein, dass wir nicht ganz rationale Wesen sind. Die Fähigkeit zur spontanen, emotionalen Wahl macht uns erfolgreich, auch wenn wir irren können. Meistens können wir mit solchen Entscheidungen „ganz gut leben“ – und das ist letztlich entscheidend.


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4 Kommentare to “ Warum die nicht-rationale Entscheidung die richtige ist ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Ich finde es erstrebenswert, seine Entscheidungen auch rational anzugehen, allein schon, um sie rechtfertigen und auch später noch verstehen zu können. Dass letztlich doch die Intuition das letzte Wort hat (hierzu ein Buchtipp: „Blink“ von M.Gladwell), heisst ja nicht, dass man die Entscheidungsfindung nicht zumindest mit einem rationalen Ansatz begleiteen sollte.
    Ausserdem kann das Wissen darüber, wie Entscheidungen fallen – wie das Beispiel aus Newsweek – helfen, sich nicht aufs Glatteis führen zu lassen. Du hast in dem konkreten Fall natürlich Recht, weil eine solche Entscheidung der Wohnungswahl nicht spontan getroffen wird. Es gibt aber viele Entscheidungen, auch Kaufentscheidungen im Supermarkt, wo genau solche Tricks eingesetzt werden, um Leute über den Tisch zu ziehen (z.B. wer das doppelt grosse Paket kauft, muss mehr als doppelt so viel dafür zahlen, Stern TV hatte da mal einen Bericht).

  2. # 2 romanmoeller schreibt:

    Ich glaube, die absolut rationale Entscheidung gibt es gar nicht. Wie du oben bereits beschrieben hast, würde die junge Familie anders entscheiden als eine einzelne Person mit Fahrrad. Jeder versucht für sich selbst die beste Entscheidung zu treffen, die dann für jemand anderen ganz irrational aussehen kann. Wenn wir den Standortvorteil mal beseite lassen – eine Person A könnte sich zum Beispiel auch für die Wohnung in Nottoln entscheiden, weil sie im Gegensatz zu den anderen Wohnungen eine Dusche hat, was einer Person B dann wieder ganz irrational vorkommt. Aber wenn für Person A eine Dusche die höchste Priorität hat, kann das für diese Person eben die richtige Entscheidung sein.

    Manchmal trifft man aber auch für sich selbst die falsche Entscheidung, was dann wieder ein anderes Thema ist. Und überhaupt: wenn alle Entscheidungen aus aller Sicht rational wären, würde unsere Welt eine bessere sein – aber allen kann man es eben sowieso nicht recht machen!

  3. # 3 Jörg schreibt:

    @Fragezeichner: Ich gebe dir in fast allem recht, nur nicht in der These, dass Rationalität in der Entscheidung zu ihrer Rechtfertigung besser taugt als nichtrationale Gründe. Ein Beispiel: Was rechtfertig die Entscheidung, eine bestimmte Frau geheiratet zu haben, besser?
    a) Sie ist klug, hat die gleichen politischen Ansichten wie ich (sodass ich gut mit ihr reden kann), kann gut mit Geld umgehen, ist ein wenig kleiner und ein wenig leichter als ich (so dass wir in Gesellschaft nicht ungewöhnlich wirken)
    b) ich liebe sie über alles.

    @romanmöller: So ist es.

  4. # 4 Fragezeichner schreibt:

    Touché!

    Hatte vor allem Entscheidungen innerhalb von Unternehmen im Sinn.

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