Jörg Friedrich


Die deutsche Zwei-Klassen-Medizin

02. April 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Gestern machte die Nachricht Schlagzeilen, dass privat-versicherte Patienten von niedergelassenen Ärzten in Deutschland bevorzugt behandelt werden. Insbesondere hinsichtlich der Terminvergabe für Spezialbehandlungen soll es zwischen Privat- und Kassenpatienten erhebliche Unterschiede geben.

Die Studie ist bereits vom Sommer 2007, sie wurde im Januar diesen Jahres veröffentlicht und ist nun in allen Medien angekommen. Ihre Inhalte mögen den Vermutungen und Erfahrungen vieler Kassenpatienten entsprechen, während Privatpatienten die Ergebnisse aus eigener Erfahrung ehren nicht bestätigen werden. Persönliche Wahrnehmung ist immer subjektiv gefärbt. Nehmen wir das Dokument, da es von einem seriösen Institut gefertigt wurde, einfach als Tatsachenbeschreibung.

Wie kann es zu einer solchen Ungleichbehandlung kommen – und was ist daraus zu folgern?

Zunächst muss man sich klarmachen, dass die niedergelassenen Ärzte im Wesentlichen von den Honoraren der Privatpatienten leben – mit deren Rechnungen werden die Behandlungen, welche mit den Krankenkassen abgerechnet werden, subventioniert. Für die gleiche Behandlung bekommt der Arzt bei einem privat versicherten Patienten oft die doppelte Vergütung oder mehr. Dringende Investitionen, die allen Patienten zu Gute kommen, können die Mediziner in ihren Praxen nur in Angriff nehmen, weil privat Vesicherte die Kosten teurer Behandlungen tragen. Diese Investitionen zahlen sich jedoch auch für die Kassenpatienten aus.

Für die Rentabilität der gesammten Praxis eines Arztes sind die Privatpatienten unerlässlich. Dem Arzt bleibt letztlich nichts anderes übrig, als – wenn es medizinisch verantwortbar ist – den Privatpatienten bevorzugt zu behandeln. Es können im Einzelfalle weitere Gründe dazu kommen – die Terminsituation eines Privatpatienten ist möglicherweise angespannter, vielleicht gehen Privatpatienten auch im Schnitt erst später zum Arzt, sodass Spezial-Termine eiliger sind. Das alles kann dahingestellt bleiben angesichts der Tatsache, dass eine gewisse Bevorzugung der Privatpatienten eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit ist.

Letztlich wäre das auch kein Problem – wenn allgemein akzeptiert wäre, dass die Mischkalkulation des Arztes letztlich auch eine bessere Versorgung der gesetzlich versicherten Patienten ermöglicht. Würden die Privatpatienten nicht zum gleichen Hausarzt gehen wie alle anderen, wäre die medizinische Versorgung vieler Menschen erst wirklich gefährdet.

Die deutsche Zwei-Klassen-Medizin gibt es wirklich – aber sie ist ein Mechanismus zum sozialen Ausgleich. Vielleicht werden Privatpatienten hin und wieder tatsächlich bevorzugt, aber die daraus resultierenden Mehreinnahmen kommen allen Patienten zu Gute.


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Ein Kommentar to “ Die deutsche Zwei-Klassen-Medizin ”

  1. # 1 Vogel schreibt:

    Hi Jörg,
    was soll ich sagen: Volltreffer! (hab‘ ca. 30 Jahre als Lieferant im Bereich Zahnmed./Zahntech. gearbeitet, kenn‘ mich im Thema ‚n bisschen aus).

    Und da gibt’s noch immer Menschen, die da ums Thema rumschwuchteln! Natürlich iss es so, wie Du’s darstellst – plus (natürlich) der Drang zum Mammon allgemein. Aber das iss ja natürlich!

    Beste Grüße
    Vogel

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