Wann ist Religion?
Religiöse Äußerungen sind Grund zur Sorge und Anlass für Faszination, aus religiösen Motiven heraus wird die Freiheit unterdrückt und für die Freiheit gekämpft. Wir wissen nicht, wie wir uns zur Religion stellen sollen, gerade wenn wir nicht religiös sind: wir glauben, sie ist mit der Wissenschaft überholt und anachronistisch und bewundern die, die aus ihrer Religion Kraft für einen praktischen Humanismus schöpfen, zu der wir selbst nicht fähig sind.
Die Außeinandersetzung mit dieser Ambivalenz scheitert oft schon daran, dass wir auf die Frage, was Religion ist oder wann wir ein Verhalten als religiös oder religiös motiviert bezeichnen, keine klare Antwort wissen. Der Frage, wann wir etwas als Religion ansehen, will ich hier nachgehen.

Was ist allen Religionen gemeinsam?
Kaum ein Charakteristikum, mit welchem wir eine Religion beschreiben, finden wir auch in anderen Religionen in gleicher oder in ähnlicher Form wieder. Christentum, Islam und Judentum sind mit dem Glauben an einen Gott verbunden, was beim Buddhismus und beim Hinduismus nicht der Fall ist. Einige Religionen verfügen über heilige Schriften, andere haben besondere Kultstätten. Manch eine Religion schreibt strenge Regeln für die tägliche Lebensführung vor, andere nicht.
Um den Begriff der Religion genauer zu verstehen, m�ssen wir uns wohl fragen, in welchen Situationen uns Religion begegnet, wann wir ein Verhalten als religiös oder als religiös motiviert ansehen. Wir können nicht genau sagen, was Religion ist, abder vielleicht wann (ähnlich wie Nelson Goodman, der gefragt hat Wann ist Kunst?
Es ist etwas im Verhalten von Menschen, das wir als religiös betrachten, und hinsichtlich des Verhaltens können wir nach der spezifischen Art der religiösen Handlungen (die allerdings so vielfältig sind wie die Religionen selbst) nach den Gründen (den Be-Gründungen für das Verhalten) und nach den Zielen und Absichten der religiösen Handlungen fragen.
Be-Gründungen religiösen Handelns
Im Gegensatz zu rationalem, wissenschaftlich fundiertem Handeln gründet religiöses Tun nicht in erster Linie auf Argumenten und plausiblen, nachvollziehbaren und auch einem Außenstehenden Fakten und Schlussfolgerungen erklärbaren Überlegungen, sondern auf Überlieferungen, die entweder in grundlegenden Schriften vorgefunden werden (Thora, Neues und Altes Testament, Koran) oder mündlich von Autoritäten an die gemeinschaft weiter gegeben werden.
Wir sind tatsächlich bei Lessings „Ringparabel“ angekommen, wenn wir nach den Begründungen von Religion suchen
Denn gründen sie nicht alle auf Geschichte
geschrieben oder überliefert?
Handlungsbegründungen, die auf Überlieferungen basieren, sind die natürlichen, ursprünglichen Anleitungen für den Menschen. Jeder Mensch wächst damit auf, dass er von seinen Eltern normative Handlungsvorgaben erhält, die durch nichts anderes begründet sind, als durch die Autorität der Vorfahren.
Wir müssen uns klar machen, dass Überlieferung ein hoch effizientes und plausibles Instrument zur Ausrichtung des eigenen Handelns ist. Überlieferung ist die kulturelle Form der biologischen Vererbung – es wird das Wissen überliefert, das sich bewährt hat, deshalb ist auf Überlieferung im Allgemeinen auch Verlass.
Gleichzeitig zeigt sich auch, dass in der Begründung religiösen Tuns durch Überlieferung auch ihr großes Konfliktpotenzial liegt, wenn unterschiedliche Religionen aufeinandertreffen. Auch hier gibt uns schon Lessing den entscheindenden Hinweis:
Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? – Nicht? -
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war? -
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.
Das ist der Grund, weshalb sich im Zuge der Aufklärung und mit dem Erstarken des wissenschaftlichen Wissens eine Abkehr von religiösen Begründungen abzuzeichnen begann. Gegen die Begründung durch Überlieferung sollte die Begründung durch Argumentation gesetzt werden.
Heute müssen wir konstatieren, dass dieses Projekt gescheitert ist. Auch in westlichen Demokratien, die das Ziel der Aufklärung seit über 200 Jahren verfolgen, sind verschiedene religiöse Traditionen auf dem Vormarsch, und wenn wir Europäer auch unsere eigenen religiösen Wurzeln von uns abgeschnitten haben, sehnen wir uns umso mehr nach fremden Religionen.
Religion gibt Orientierung
Der Grund dafür liegt in der niederschmetternden Eerkenntnis, dass uns das wissenschaftlich-rationale Denken zwar etwas darüber sagen kann,wie die Welt ist, vielleicht auch wie sie sein wird aber nicht, wie sie sein soll. Anders gesagt, Wissenschaft kann uns vielleicht helfen, die Wege zu finden, ein Ziel zu erreichen, aber nicht, das Ziel zu finden.
Die Wissenschaft sagt uns vielleicht, was wir können, aber nicht, was wir sollen und was wir wollen. Gründe für unsere Ziele können wir vielleicht in den Traditionen, in den Normen unserer Vorfahren finden – oder in den Normen fremder Kulturen. Hier bieten uns Religionen einen Halt.
Religion ist immer dann, wenn wir wissen, was wir tun sollen. Dieses Wissen kann nicht wissenschaftlich begründet werden, es kann nur aus Regeln einer Gemeinschaft folgen, und diese Regeln sind durch nichts als Traditionen begründet. Das bedeutet, in diesem Sinne gibt es viel mehr Religionen als nur die, für die wir Namen haben. Der Unterschied zwischen Ideologien und Religionen ist schon längst unsichtbar geworden – aber auch der Unterschied zwischen Religion und anderen strengen ethischen Systemen, die auf Traditionen basieren, wie Standesnormen u.ä., verschwimmt.
Wir kommen ohne solche Regelwerke nicht aus, ob sie uns bewusst sind, ob wir sie benennen können, oder nicht. Gleichzeitig dürfen wir die Gefahr nicht aus den Augen verlieren, die sich aus der Tatsache ergibt, dass die Autorität der Überlieferung kaum zu überbieten ist, und dass aus ihr für jeden religiösen Menschen ein universeller Anspruch des eigenen Regelwerks entspringt.
Ist es möglich, in Traditionen zu leben, ihre normative Kraft für das Sollen und Wollen zu nutzen, und gleichzeitig eine selbst-kritische refexion darüber zu beginnen und anderen solchen Systemen gegenüber tolerant und offen zu sein. Das dürfte ein schwiereiger Balanceakt werden, aber versuchen sollten wir es.
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am 2. April 2008 um 08:47
Sind religiös begründete „Regelwerke“ stabiler oder wirksamer als wissenschaftlich begründete?
am 2. April 2008 um 12:02
Na ja, ich mach da schon Unterschiede: wenn ich drüber nachdenke, jemanden von der Klippe zu stoßen – oder nicht. Dann treffen die historisch bedingten und durch Religion beeinflussten Regeln. Aber wird Religion im Glaubenssinne für die Weiterentwicklung gebraucht? Eigentlich brauchen wir keine neuen Regeln -die bestehenden reichen vollkommen aus.
Wenn ich vor meiner Arbeit sitze weiß ich einfach, was fachlich nun dran ist. Da brauche ich keine Traditionen und Regeln.
am 2. April 2008 um 18:54
@Fragezeichner: Das kann man so gar nicht sagen: Wissenschaftliche Regelwerke können dir nie sagen, was du tun sollst, höchstens, was passiert, wenn du dich so oder so entscheidest. Ob du das Ergebnis wünschenswert findest, anstrebst oder ablehnst, und warum du das tust, dazu schweigt die Wissenschaft. Religiöse Regeln geben aber genau darüber auskunft. Deshalb sind die wissenschaftlichen und die religiösen Regeln nicht vergleichbar. Das ist ja genau das Problem unserer wissenschaftsorientierten und a-religiösen Welt: Wir wissen, was wir können, aber nicht, was wir sollen.
am 3. April 2008 um 09:44
@Jörg: warum sollten wissenschaftlich begründete Regelwerke dir weniger sagen können, was du tun sollst, als religiös begründete? Liegt es nicht im Auge des Einzelnen, ob er akzeptiert, dass ein (wie auch immer begründetes) Regelwerk ihm sagt, was er machen sollte? Was ist der substantielle Unterschied?
Ich sehe zwei Unterschiede:
Einmal, dass für wissenschaftlich begründete ein Zwischenschritt nötig ist – nämlich Schlussfolgerungen aus wissenschaftlichen Ergebnissen zu ziehen und diese in ein Regelwerk umzuwandeln, während Religionen dieses Regelwerk sozusagen ohne „Umwege“ erstellen.
Zweitens, dass wissenschaftlich begründete Wertesysteme oder Regelwerke der ständigen Überprüfung bedürfen, um sich an den wissenschaftlichen Fortschritt anzupassen.
am 3. April 2008 um 17:22
Es ist eine der wesentlichen Erkenntnisse der Philosophen, über die sie sich erstaunlicherweise auch einig sind, die sich aber scheinbar nicht außerhalb der philosophischen Diskussion herumgesprochen hat, dass man nicht vom „Sein“ auf das „Sollen“ schließen kann. Wissenschft kann uns sagen, wie die Welt ist, aber nicht, wie sie sein sollte, oder was wir tun sollen. Um diese Frage beantworten zu können, muss immer noch eine Zwecksetzung oder ein Normensystem dazu kommen, die die Wissenschaft nicht liefern kann.
Das betrifft auch Lisas Argumentation. Ich werde das noch einmal ausführlicher aufschreiben.
am 4. April 2008 um 09:30
Hallo Jörg,
ich will deine Aussage: „Religion ist immer dann, wenn wir wissen, was wir tun sollen.“ noch mal kritisch hinterfragen. Wenn diese zutreffend wäre, müsste doch auch der Umkehrschluss gelten: „Immer dann, wenn wir wissen, was wir tun sollen, ist es (handelt es sich um) Religion.“ Dies stimmt aber m.E. so nicht. Nicht nur dass es Religionen gab und gibt, deren Kern z.B. eher in der rituellen Herbeirufung positiver Zustände, wie Regen, guter Ernte, Kriegsglück etc, durch Schamanen oder Priester besteht; auf der anderen Seite gibt es genauso auch ethische Systeme, wie z.B. den Konfuzianismus, der ebenfalls klare und ethisch hoch stehende Verhaltensregeln lehrt. So gilt z.B. das: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu!“ als eine „goldene Regel“ innerhalb der fünf Tugenden des Konfuzianismus. Bei einer Argumentationsweise, dass die Religion uns sage, was wir tun sollen, besteht meiner Meinung nach auch die Gefahr, dass diese auch von Fundamentalisten (z.B. christlich/evangelikale oder islamische) ins Feld geführt werden kann.
Auch ist es wohl so, dass die grundlegenden ethischen Verhaltensweisen dem Menschen (und anscheinend nicht nur dem Menschen, wie neue Forschungen gezeigt haben) als sozialem Wesen, zumindest als Disposition, angeboren sind und nicht erst durch die Religion in die Welt kamen. (Trotzdem ist es bestimmt nicht von Schaden, wenn man auch durch kulturelle und soziale Regeln immer mal daran erinnert wird, sich tatsächlich so zu verhalten, wie dies einem auch das Gewissen sagt).
Religionen scheinen aber Gemeinschaften zu festigen, bzw. sogar neu zu begründen. Und dies stärker als andere Institutionen. Im Zusammenhang mit der Ethik liegt dann eine Leistung der Religionen vielleicht eher in der Übertragung der angeborenen ethischen Verhaltensweisen auf eine größere Gruppe – über die unmittelbare Familie und Sippe hinaus. Dieser Prozeß, den Sloterdijk einmal „Globalisierung des Mitgefühls“ genannt hat, dauert immer noch an und läuft, einmal religiös („Liebe deine Feinde, wie dich selbst“) angestoßen, anscheinend jetzt von alleine weiter.
Wenn Religion mit der Festigung sozialer Gruppen zusammenhängt, müsste das Bedürfnis nach Religion bei anwachsendem Individualismus abnehmen – und genau dies konnte man ja auch im letzten Jahrhundert beobachten: Eine Befreiung, Emanzipation sowohl aus den Zwängen zu enger Gemeinschaft und zugleich ein Trend weg vom Religiösen. Umgekehrt hat die Globalisierung mit der Verunsicherung des Einzelnen und den damit verbundenen individuellen und kollektiven Identitätskrisen, sowohl das Bedürfnis nach Zusammenhalt als auch nach Religion wieder ansteigen lassen.
Aber auch dies kann m.M.n. nicht erklären, warum jemand religiös ist oder geworden ist. Einem individuellen Weg zum Glauben können solche allgemeinen Überlegungen niemals gerecht werden. Haben diese ganz persönlichen Entscheidungen vielleicht z.B. eher mit der Erfahrung zu tun, dass das Leben doch nicht in dem Maße planbar ist, wie uns dies die Moderne suggeriert, sondern eben auch teilweise von „schicksalshaften Kräften“ bestimmt wird?
am 8. April 2008 um 21:56
Hi Jörg und Aki,
)! Hoffe, Ihr könnt mich da aufklären!
ich bin immer noch begriffsstutzig (oder doof): Ich kann an Religion nix finden, nix damit anfangen (trotz Jörgs Behauptung [?], sinngemäß „… ist immer dann, wenn’s um’s Sollen geht …“ – was ich soll sagt mir meine Frau
Beste Grüße
Vogel
PS.: An Aki: Konfuzius als Religionsstifter? Hab‘ ich so noch nich gesehen!
Damit kann ich ‚was anfangen! Weitere Frage: Wie ist der Einfluss der Bildung? Da denk‘ ich mir auch meinen Teil …
am 9. April 2008 um 13:41
@Vogel:
Konfuzius wurde von mir ja gerade nicht als Religionsstifter, sondern als Begründer einer ethischen Lehre charakterisiert („auf der anderen Seite gibt es genauso auch e t h i s c h e Systeme, wie z.B. den Konfuzianismus…“). Aus dem gleichen Grund auch der von mir verwendete Begriff „System“, statt Glaubensrichtung.
Die Existenz eines bereits sehr lang bestehenden nichtreligiösen-ethischen Systems (wie der Konfuzianismus) ist für mich ja gerade der Beleg zur Widerlegung der These von Jörg Friedrich, dass „Religion immer dann (ist), wenn wir wissen, was wir tun sollen.“
D.h. ich bezweifele nicht nur, dass Religion zur Begründung einer allgemeinverbindlichen Ethik notwendig ist (denn in China hat dazu der Konfuzianismus, der allgemein und auch von mir für keine Religion gehalten wird, vollkommen genügt), ich halte darüber hinaus die These von Jörg Friedrich, dass „Religion immer dann (ist), wenn wir wissen, was wir tun sollen.“ für „gefährlich“, weil sie in gleicher Weise auch zur religiösen Rechtfertigung z.B. fundamentalistischer Handlungen benutzt werden kann („Bei einer Argumentationsweise, dass die Religion uns sage, was wir tun sollen, besteht meiner Meinung nach auch die Gefahr, dass diese auch von Fundamentalisten ins Feld geführt werden kann.“).
am 9. April 2008 um 13:46
Hallo Aki Arik,
ich muss gestehen, dass ich noch nicht auf deine Kritik reagiert habe, weil ich noch darüber nachdenke, ob das System des Konfuzius tatsächlich nicht-religiös genannt werden kann, aber da brauche ich weitere Informationen, die ich mir noch nicht aneignen konnte. Was unterscheidet den Konfuzianismus strukturell vom Buddhismus?
Meine Behauptung wäre (als Arbeitsthese) dass stabile ethische Systeme immer durch Autorität einer Überlieferung gestützt werden. Das ist das religiöse an ihnen.