Tibet und Europa
Wir wissen wenig über das, was wirklich in Tibet passiert ist. Die wenigen Fakten, die wenigen Bilder und Filmschnipsel, die wir kennen, sagen fast nichts über die Situation der Menschen in Tibet, über das Verhältnis zwischen Mönchen, den übrigen Tibetern und den Chinesen. Selbst die Bezeichnungen Mönche, Tibeter, Chinesen, gebrauche ich hier mit Unsicherheit, ich weiß nicht, wodurch sie sich voneinander unterscheiden, wie sie sich voneinander abgrenzen – und ich denke, dass es vielen Europäern ähnlich geht.
Jede neue Nachricht, jeder weitere Bericht, zeigt nur noch mehr, wie vage unser Bild von den Menschen in Tibet und in China überhaupt ist.

Seit Jahrzehnten sind für uns Europäer zwei Dinge ziemlich klar: Die chinesische Kommunistische Partei unterdrückt das größte Volk der Welt, wenn es sein muss,mit Gewalt, verwehrt den Menschen die Freiheit – das höchste Gut des Menschen. Und: Der Buddhismus ist die ideale Religion der friedliche Pazifisten.
Damit ist der Tibet-Konflikt für die meisten von uns nur in einem Schema denkbar: Die bösen Chinesen verwehren den friedlichen Tibetern mit Gewalt die Freiheit. Wir können uns gewalttätige Tibeter so wenig vorstellen wie auf Frieden und Ausgleich bedachte chinesische Machthaber.
Stelle wir uns die uniformen, kahrgeschorenen Mönche aus Tibet einmal mitten in Europa vor. Nicht den freundlich lächelnden einzelnen älteren Herrn, sondern eine ganze große Gruppe, eine ganze Organisation uniformer, gleich aussehender Mönche, verteilt auf eine Vielzahl von straff organisierten Klöster. Stellen wir uns vor, diese Organisation von Mönchen hat ein Oberhaupt, welches von den Mönchen und von vielen weiteren Menschen nicht nur als religiöses Oberhaupt, sondern auch in weltlichen Dingen als oberste Autorität angesehen wird. Stellen wir uns weiter vor: Dieses Oberhaupt wird nicht gewählt, ist nicht abwählbar, ist durch keinerlei demokratische Mechanismen autorisiert, kontrolliert oder legitimiert.
Wir würden diese Organisation bekämpfen, ganz zu schweigen davon, dass ihr Anspruch durch das Grundgesetz unmöglich gemacht wäre. Wir würden die Mönche für anachronistisch halten, so wie wir die katholischen Mönche und Nonnen heute für anachronistisch halten.
Dieses Gedankenexperiment zeigt unser ganzes europäisches Dilemma hinsichtlich fremder Kulturen: Wir sind zwar bereit, unter dem Etikett „exotisch“ in fernen fremden Gegenden Strukturen zu akzeptieren, ja sogar zu bewundern, die wir hier in der Heimat ablehnen würden, aber damit uns das gelingt machen wir diese Kulturen auf irgendeine Weise kompatibel mit unserem eigenen Wertesystem, welches wir als universell gültig betrachten.
Die Tibetischen Mönche sind eine uniforme, hierarchische Männergesellschaft, die Individualität des Einzelnen wird auf das biologisch Unvermedbare reduziert, nie wurde in den Reihen der Mönche eine Frau gesehen. All die Phänomene, die wir an den europäischen Religionen kritisieren und wegen denen wir ihren Einfluss auf die Gesellschaft inzwischen recht erfolgreich zurückgedrängt haben, akzeptieren wir bei den Mönchen in der Ferne. Damit das gelingt, schreiben wir ihnen alle positiven Eigenschaften zu, an denen es uns selbst mangelt: Friedfertigkeit, Ruhe, Ausgeglichenheit, Weisheit. Aber so wie diese Eigenschaften vor allem aus den alten Schriften der buddhistischen Religion entnommen werden, könnten wir sie auch aus den Schriften des Christentums entnehmen.
Die Tatsache, dass wir in der Ferne bewundern, was wir in der Nähe ablehnen und zurückdrängen, sollte uns zunächst zu der Einsicht bringen, dass die dortige Gesellschaft uns weitgehend unbekannt ist, und zwar nicht nur hinsichtlich des täglichen Lebens und des historischen Verlaufs der Ereignisse, sondern vor allem hinsichtlich der kulturellen und moralischen Inhalte und Werte.
Wir wissen wenig über Tibet, aber unsere Stellungnahmen und Urteile zu den dortigen Ereignissen, unsere spontanen Reaktionen und unsere harten Urteile können uns vielleicht einiges über uns selbst und unseren eigenen Blick auf die Welt, die eigene und die fremde, zeigen. Dieser Nach-Denk-Prozess ist sicherlich notwendig, denn der Zusammenstoß und die zähe Vermischung der unterschiedlichen Traditionen, Werte und Kulturen hat ja gerade erst begonnen.
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http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/03/30/tibet-und-europa/
am 31. März 2008 um 07:44
Mit deinem Gedankenexperiment hast du in der Tat einen Treffer gelandet. Da muss ich jetzt selber erst mal wieder etwas nachdenken.
am 31. März 2008 um 12:32
Ein sehr interessantes Gedankenexperiment und ein angenehm zurückhaltender Artikel zu diesem Thema.
Nur zwei Anmerkungen, der Dalai Lama hat schon vor Jahren angekündigt, dass er im Falle einer Rückkehr nach Tibet sofort alle weltlichen Ämter niederlegen würde. Denn die Tibeter haben sich seit 1950 weiterentwickelt und keiner der früheren Machthaber strebt nach dem Zustand in Tibet, der damals herrschte. Viel mehr sucht man seit Jahren den Dialog mit China, der aber konsequent geblockt wurde und wird von der chinesischen Seite, um ein modernes und autonomes Tibet aufzubauen, auch als Teil der „Volksrepublik“ China.
Zweitens gibt es natürlich auch Nonnen in Tibet und die tibetische Gesellschaft war in Sachen Emanzipation vielen westlichen Gesellschaftsformen damals schon einige Schritte voraus. Auch wenn man das angesichts der sonstigen Umstände (Feudalsystem usw.) vielleicht schwer glauben mag.
am 31. März 2008 um 20:46
Tibetern ist Chinesen.
Es gibt 56 National in China.
zusammen ist Chinesen.
Alles nicht gleich.
Das ist Trick von Media der Lügner und Intrigant.
am 2. April 2008 um 10:49
Hallo Jörg,
ich finde dein „Perspektivenwechsel“ bietet eine wichtige Anregung
zu diesem Thema und deinem Schlußsatz:
„Dieser Nach-Denk-Prozess ist sicherlich notwendig, denn der Zusammenstoß und die zähe Vermischung der unterschiedlichen Traditionen, Werte und Kulturen hat ja gerade erst begonnen.“,
kann ich nur zustimmen.
am 8. April 2008 um 21:29
Nur ein Wort: Klasse!
Beste Grüße
Vogel
am 14. April 2008 um 11:35
Wenn es dich wirklich interessiert, wie die tibetische Regierung im Exil aufgebaut ist, dann besuche die Internet Seite http://www.tibet.net (momentan wegen Hackerattacken ausser Betrieb). Dass der 13. Dalai Lama und der jetzige 14. Dala Lama die Modernisierung der tibetischen Gesellschaft anstrebten/anstreben ist auch nicht unbekannt (unter den Tibet-Kennern). Kritisches Hinterfragen ist einer der Hauptpfeiler der buddhistischen Lehre; willkommen im Klub