Jörg Friedrich


Worte und Begriffe

27. März 2008 Kategorie: Philosophie |

„Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ ließ Goethe seinen Mephistopheles zu Faust sagen. Was unterscheidet eigentlich ein Wort von einem Begriff? Die Frage ist eigentlich gar nicht zu beantworten, weil wir einen Begriff vom „Wort“ und vom „Begriff“ haben müssten, um diese Unterscheidung treffen zu können. Das klingt nach Anstrengung, nach verwirrenden Überlegungen, und bevor man dazu bereit ist, muss man sich erst mal fragen, wozu man sich die Mühe überhaupt machen sollte.

Es ist wieder einmal eine dieser fruchtlosen Diskussionen über den „Neoliberalismus“ gewesen, die mich darauf gebracht hat, diese Gedanken aufzuschreiben. Wie oft reden wir aneinander vorbei, weil wir das gleiche sagen, aber etwas unterschiedliches meinen? Woran liegt das? Und gibt es eine Möglichkeit, dem zu entgehen?

Das sind die Fragen, die ganz selbstverständlich zu der Unterscheidung von Wort und Begriff führen. Was ein Wort ist, wissen wir ja so ungefähr: Fast jede Klang- oder Buchstabenfolge, nach der wir eine Pause machen können und die von anderen als Einheit erkannt wird, ist ein Wort.

Worte können etwas Konkretes benennen (Namen) oder eine allgemeine Bedeutung haben, das gilt nicht nur für Substantive, sondern auch für Verben und Adjektive.

Ein Begriff ist ein Wort, das eine allgemeine Bedeutung hat, oder, noch genauer, er ist die allgemeine Bedeutung eines Wortes. So eine Vorstellung vom Begriff setzt voraus, dass die Bedeutung eines Wortes nicht für jeden Menschen eine andere ist, dass sich Menschen über die Bedeutung eines Wortes einigen können, dass man die Bedeutung eines Wortes festlegen und lehren kann.

Diese Idee stößt auf viele Schwierigkeiten, und das sind die Schwierigkeiten, die dazu führen, dass wir so oft aneinander vorbeireden.

Die erste Frage ist, wie eine Bedeutung überhaupt definiert werden kann. Die ganz Alten kamen auf die Idee, jede Bedeutung über die Angabe eines Allgemeinbegriffs und der spezifischen Unterschiede zu definieren. Beispiel: Ein Elefant ist ein Säugetier (Allgemeinbegriff) mit grauer Haut, großen Ohren, Stoßzähnen und einem Rüssel. Oder: Ein Neoliberaler ist ein Mensch (Allgemeinbegriff), der meint, dass der Markt, wenn man ihm entsprechende Rahmenbedingungen gibt, für allgemeinen Wohlstand sorgt.

Leider stellt man schnell fest, dass es oft schwierig ist, die wirklichen Tiere oder Menschen dann so einem Begriff zuzuordnen. Die Definitionen werden unübersichtlich, kein Mensch kann sie mehr überprüfen. Man kann sie zwar in Lexika nachschlagen, aber man bekommt sie nicht mit der Wirklichkeit überein.

In Wirklichkeit gehen wir auch anders vor. Wir zeigen auf das Tier im Zoo und sagen: Das da ist ein Elefant, und alle Tiere drum herum sind auch Elefanten. Oder wir sagen: Ludwig Erhardt war ein Neo-Liberaler, und alle, die so denken wie er, sind auch welche.

Das ist so lange praktikabel, wie uns nicht Tiere begegnen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Elefanten aus dem Zoo haben, aber auch etwas anders aussehen. Und da keiner weiß, wie Erhardt heute denken würde, weiß auch keiner, ob es heute noch Neo-Liberale gibt, und woran man sie erkennt.

Außerdem kann es auch sein, dass jemand die Elefanten-Definition nicht in einem Zoo mit Indischen, sondern in einem mit Afrikanischen Elefanten gelernt hat, so wie ein anderer nicht den Erhardt sondern den Herrn Kannegießer gezeigt bekommen hat, als es um die Neo-Liberalen ging. Das ist dann dumm, die werden lange streiten, wer denn Recht hat.

Gibt es keine objektive Entscheidung? Nein, denn es gibt keinen idealen Elefanten, und einen idealen Neo-Liberalen schon gar nicht. Begriffe sind immer nur Hilfskonstruktionen, um die Wirklichkeit für unsere kleinen Gehirne in handhabbare Einheiten zu zerschneiden. Das aber macht jeder anders, mache haben dabei bessere Ideen, die anderen auch plausibel erscheinen, die werden dann Experten genannt und schreiben die Lexika. Verschiedene Experten schreiben verschiedene Lexika.

Eine Lösung gibt es trotzdem. Man kann sich – für eine Zeit und einen begrenzten Raum – auf eine Bedeutung einigen. Aber man muss es auch ausdrücklich tun. Man muss einmal im Zoo auf die Elefanten zeigen, wenn man über sie redet.

Nun kommt es vor, dass Leute von beiden Definitionsarten gleichzeitig Gebrauch machen, und dass es dabei zu Missverständnissen kommt. Es könnte sein, dass einer auf ein Tier zeigt, das auch wir für einen Elefanten halten und sagt, dieses gelbe Tier da mit der riesigen Mähne frist gern Zebras, und es sei ein Elefant. Was machen wir dann? Wir könnten uns vergewissern, dass der Mensch nicht farbenblind ist, wir könnten ihn darauf hinweisen, dass die meisten Menschen zu jenen Hautlappen „Ohren“ sagen und nicht „Mähne“. Vielleicht würde unser freund das akzeptieren, aber trotzdem darauf beharren, dass Elefanten Zebras fressen. Auf unseren Hinweis, dass diese Elefanten doch gerade Heu kauen, würde er uns erklären, dass das klar wäre, weil die Elefanten ja eingesperrt seien und keine Zebras in der Nähe. Vielleicht würde er ergänzen, dass die Elefanten nur darauf hofften, dass wir auf die Masche mit dem Heu hereinfielen und sie zu den Zebras stellten.

Unser verzweifelter Aufschrei, dass es die Löwen wären, die Zebras fressen, und dass diese auch gelb wären und eine Mähne hätten, würde uns wieder nur zu einer endlosen Begriffs-Bedeutungs-Diskussion führen. Wir würden schweigen, und uns demnächst mit anderen zum Zoobesuch verabreden.


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