Plagiate und Zitate
Vorige Woche hielt ich einen Vortrag über Analytische Ästhetik, vor allem über Standpunkte einiger amerikanischer Philosophen, und zeigte dabei eher zufällig das Bild „American Gothic“ von Grant Wood. Ich muss gestehen, dass ich das Bild erst am Tag das Vortrages kennengelernt habe, da ich es morgens in der aktuellen Nummer einer Kunstzeitschrift erst entdeckt und mich über die Tatsache, dass es so gut zum Inhalt meines Vortrages passte, sehr gefreut hatte.
Ein paar Tage später erreichte mich eine Mail, in der ich auf ein „Plagiat“ des Gemäldes in einer Nummer von Mickey Mouse von 1995 hingewiesen wurde:
Weitere Recherchen ergaben, dass American Gothic wohl eines der meist zitiertesten Bilder Amerikas überhaupt ist. Zwei Dinge sind daran interessant: Immer, wenn zwei Leute sich vor einem Haus fotografieren oder malen lassen, ist das offenbar ein Zitat des Grant-Wood-Bildes. Aber wie weit ist es bis zum Plagiat? Ist da nicht jedes Mal die Idee geklaut? Oder ist das Bild in Amerika so bekannt, dass jedem klar ist, dass es hier nur nachgestellt ist?
Die andere Frage: Die Plagiate oder Zitate zitieren gerade das, was nicht zum Bildtitel geführt hat, bei Mickey Mouse z.B.ist das Gotische des Hauses komplett verschwunden. Wenn man einmal annimmt, dass die Leute genau das zitieren, was ihnen als markant in Erinnerung blieb, wirft das ein bezeichnendes Licht auf das Kunstverständnis der Betrachter. Natürlich kann sich ein jeder so ein Werk so merken, wie er mag, aber wenn gerade das titelgebende Element dabei verlorengeht, hat der Künstler sein Ziel wohl weitgehend verfehlt.
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am 25. März 2008 um 17:42
Das Gothische mag zwar das titelgebende Element sein, aber die Mickey-Maus-Karikatur trifft sehr gut das, was ich vor allem in dem Bild entdecke: eine gewisse Borniertheit und Kleinbürgerlichkeit, das das zugleich ernste als auch dumpfe Zurschaustellen von Heim und Hof, der seltsame Gegensatz zwischen Sonntagskleidung und Mistgabel.
Und ist es nicht allen grossen Kunstwerken gemein, dass man sie einfach karikieren kann und dass sie genügend Platz für Interpretationen aus verschiedenen Blickwinkeln geben?
am 25. März 2008 um 18:55
Der Bauer im Original trägt keine Sonntagskleidung. Und das Haus ist – im gegensatz zu den meisten Zitaten – im Original sehr zurückgestellt, die Personen dominieren viel mehr als auf den typischen Haus-und-Hof-Präsentierungs-Bildern