Das Bild vom Unbekannten
Die vielen und unterschiedlichen Meinungsäußerungen zu Dagmar Metzger zeigen vor allem eines: das Bild, das wir uns von Leuten machen, die uns unbekannt sind, und die wir wegen ihrer Zugehörigkeit zu irendeiner Gruppe doch zu kennen meinen, ist oft grob gezeichnet, in kantigen und schlichten Konturen, mit hartem Stift, der keine Schattierungen erlaubt, flüchtig und ohne Blick fürs individuelle Detail hingeworfen.
Es ist erstaunlich, mit welcher Sicherheit wir solche Bilder als Darstellung der Wirklichkeit annehmen. Wir sind bereit, eine Karikatur für ein Farbfoto zu halten, wenn die Personen, die wir da sehen, nur weit genug weg sind, um sie persönlich zu kennen, und doch zu sehr öffentlich sichtbar als dass wir sie übersehen könnten.
Vielleicht müssen wir, um mit der Allgegenwart dieser unbekannten Bekannten umgehen zu können, die Leerstellen in dem Bild, das wir von ihnen haben, füllen, und wir füllen sie mit Vorurteilen. Heraus kommt kein Mensch, sondern eine Puppe, die sich zwar auf eigenartige Weise wie von selbst in immer andere überraschende Richtungen bewegt, deren Mechanik und Funktionsweise, deren Energiequellen und Steuerungsmechanismen wir aber doch zu kennen glauben.
Die Angehörigen der politischen und wirtschaftlichen Elite sind in besonderer Weise von diesem Mechanismus betroffen. Das liegt nicht etwa daran, dass deren Welt so unvorstellbar anders funktioniert als die unsere. Schauspielern, Spitzensportlern und anderen Promis billigen wir auch individuelle und menschliche, irrationale und emotinale Eigenschaften zu – auch wenn deren Welt unserem Alltag sicher nicht näher ist als der eines Politikers oder Konzernmanagers.
Es mag daran liegen, dass wir der Rolle, die die Merkels, Becks, Ackermanns und Zumwinkels dieser Welt für uns spielen, von vornherein keine Subjektivität, keine Irrationalität zubilligen wollen, dass sogar unsere ganze Hoffnung darauf liegt, dass diese Menschen ausschließlich rational und kühl abwägend handeln. Da wir der rationalen Entscheidung dieser Leute so großen Wert beimessen, da wir in Zeiten von Technologie- und Wissenschaftsgläubigkeit glauben, alle wichtigen Schritte in der Gesellschaft müssten emotionslos und logisch begründbar gegangen werden, können wir uns auch bei den persönlichen Entscheidungen dieser Menschen nur vorstellen, dass diese rein interessengeleitet und zielorientiert, niemals aber aufgrund von nicht-rationalen Gründen wie Anstand und Moral, Freude oder Unlust, Frust oder Begeoisterung getroffen werden.
Aber es gibt keinen plausiblen Grund und keinen wirklichen Beleg für diese Annahme – und es wäre in Wirklichkeit auch gar nicht zu wünschen, dass sie richtig sei. Jeder weiß, dass Entscheidungen, bei denen man einfach seinem Gefühl oder seinem Gewissen folgt, oft richtiger sind als die, die man kühl abwägt und mit Bedacht geht.
Ich nehme an, dass Politiker und Manager den Menschen, die uns täglich umgeben, viel ähnlicher sind, als sie uns selbst oft einreden wollen. Sie sind eigennützig, sie sind selbstsüchtig, sie sind egoistisch – und sie haben auch Ideale und Grenzen, welche zu überschreiten ihr Stolz oder ihr Gewissen ihnen verbietet. Diese vermutung ist alles andere als ein Wunschtraum, sie ist einfach plausibel. Schließlich zeigt die Diskussion um Dagmar Metzger vor allem eines: Jeder, der nur kalte Karrieregründe, puren Egoismus oder Interessensentscheidungen annnimmt, verstrickt sich gerade in diesem Fall heillos in Widersprüche und muss letztlich zu abstrusen Verschwörungstheorien Zuflucht nehmen, die man natürlich genauso wenig widerlegen kann wie die Existenz Gottes, ohne die man aber ganz gut klar kommt, wenn man mit den Worten eines fleißigen Kommentators in diesem Blog zugesteht: „Es sind alles – Menschen“.
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am 12. März 2008 um 21:49
Grundsätzlich alle unsere Bilder anderer Menschen – die von dir, die von mir, die vom Manager, die vom Hartz-IV-Empfänger, von jedem ringsum – sind immer nur ‚Konstruktionen‘ (oder vereinfacht ‚Vorurteile‘). Tröste dich und denke an Hermann Hesse: „Kein Mensch sieht den andern, jeder ist allein …“
am 13. März 2008 um 13:23
Wenn es für eine beliebige Handlungsweise auch nur ein unedles Motiv existiert, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß eben dieses unedle Motiv Ursache dieser Handlungsweise ist.
Dieser Grundsatz gilt in besonderem Maße für altgediente Politiker. Da Du Dich auf Frau Metzger beziehst: Bei Juristen ist die Moral mit ganz besonderer Vorsicht zu betrachten. Die sehen nämlich von Berufs wegen als „gut“ an, was juristisch machbar ist.
Juristisch hat die Frau übrigens völlig einwandfrei agiert.
am 21. März 2008 um 23:46
Hi Jörg,
Chapeau, sehr gelungene Metapher!! Was für zwei Sätze!
Ortega y Gasset (zugeschrieben): Menschen fällt das Denken so schwer, dass sie es vorziehen zu entscheiden!
1. s. o. (Deine Worte und y Gasset), 2. in Zeiten von Technologie- und Wissenschaftsgläubigkeit hat sich die Menschheit immer befunden und wird sich immer befinden. Wir wären wir sonst dahin gekommen, wo wir hingekommen sind – wie würden wir sonst dahin kommen, wo wir hinkommen werden?
t t t t t, was Du nicht sagst
Das erklärt doch wohl die eine oder andere Meinung, gelle!
Sehr schöner Artikel. Danke!
Beste Grüße
Vogel