Wenn Kritiker ihre Kritiker kritisieren
Als Blog-Betreiber wundert man sich manchmal, wenn alte Artikel, die vor Tagen viel gelesen wurden, von einem Moment zum anderen wieder in die Top-Liste kommen. Man begibt sich auf Spurensuche und erfährt, dass Henryk M. Broder sich wieder dem Thema Stefan Niggemeier zugewandt hat, die Blogosphäre hat, den neuen Schlagabtausch aus nächster Nähe zu verfolgen und fachmännisch zu kommentieren, bereits auf den Rängen Platz genommen.
Das Publikum klickt sich von Link zu Link und landet also schließlich auch bei mir. Das ist erfreulich, wäre aber wirklich erst schön, wenn es nicht um einen Schaukampf, sondern wirklich um das Problem ginge. Während aber noch Wetten auf den Sieger der Runde 2 angenommen werden, gerät das eigentliche Thema aus dem Blick.
Die eine Frage ist in den verschiedenen Artiekeln dieses Blog in den letzten Tagen bereits intensiv diskutiert worden: Wie wird entschieden, was auf welcher Ebene als wahr zu gelten hat? Die Frage ist noch nicht letztendlich beantwortet, soll aber hier auch nicht weiter verfolgt werden. Der aktuelle Broder-Artikel kreist ja eher auch um ein anderes Thema, wenn dieses auch über all der Niggemeier-Polemik fast unsichtbar wird:
Kann Medienkritik funktionieren, wenn sie sich – um gehört zu werden – selbst der Mechanismen der Medienwelt bedient? Und das heißt konkret: BildBlog bedient einen Markt, den der Bild-Hasser. Wie soll ein solches Medium eine Kritik- und Aufklärungsfunktion wahrnehmen? Das gleiche gilt für Niggemeiers Blog. Beide werden von Leuten gelesen, die wohl schon vorher eine mit den Autoren weitgehend übereinstimmende Weltsicht haben. Diese Blogs sind letztlich Unterhaltung pur, und wenn man sich die Kommentare bei Stefan Niggemeier ansieht, wird das auch offensichtlich. Hier gibt es im Wesentlichen zwei Varianten: Bewundernde Begeisterung oder Schlagabtausch, von kritischer Diskussion ist kaum eine Spur.
Dieses Phänomen findet man nicht nur bei Niggemeier, in allen Top-Blogs ist das zu beobachten, egal, ob es sich um politische, wirtschaftliche oder private Themen handelt. Erstaunlicherweise scheint eine Zunahme der Besucherzahlen mit einem Verflachen des Niveaus einherzugehen. Und der Blogger – einem Harlekin gleich – liefert dem Publikum täglich aufs Neue, was es erwartet.
Eine neue Wirkung könnte der neue Journalismus, egal, ob auf Papier oder auf dem Bildschirm, aber nur entfalten, wenn der Autor die Außeinandersetzung mit seinem Publikum sucht. Das aber bleibt vielleicht eine Illusion. Denn nicht nur der Wirt kocht, was von ihm erwartet wird, auch die Besucher bleiben ja nur da hängen, wo ihnen die Kost, die auf den Tisch kommt, auch gewoht und gefällig ist.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/22/wenn-kritiker-ihre-kritiker-kritisieren/



am 22. Februar 2008 um 15:49
Ist das Problem wirklich ein neues oder ein Blog-spezifisches? Stimmen der Vernunft gingen doch immer schon unter im Brüll-Konzert der Scharfmacher…
am 22. Februar 2008 um 15:52
Stimme übrigens nicht zu, dass das Bildlog polemisch ist. Es nimmt sehr wohl eine Aufklärungsfunktion ein. Man sollte es nicht mit dem Niggemeier-Blog in einen Topf werfen.
am 22. Februar 2008 um 15:59
Hallo Fragezeichner,
Zu 1. Danke für diese Ergänzung, da hast du natürlich Recht. Die Hoffnung war ja, dass mit dem Web 2.0 alles anders werden könnte, dass der „herrschaftsfreie Diskurs“ Wirklichkeit werden könnte.
Zu 2. So habe ich das auch nicht gemeint. Ich sehe die Gemeinsamkeit von BildBlog und Niggemeier (und einiger anderer) ncht in der Polemik, sondern in der aufklärerischen Attitüde, der man aber nicht gerecht wird, da man am Schluss doch nur die Bedürfnisse seines Marktes bedient. Die Währung dieses Marktes heißt zwar nicht geld sondern Aufmerksamkeit (wie Du einmal geschrieben hast) aber die Mechanismen sind die gleichen.
am 22. Februar 2008 um 16:26
Dein Gedanke ist durchaus berechtigt, aber ein Problem entsteht doch erst dann, wenn ein Publizist sich seinem Publikum (= seinem Markt) mehr verpflichtet fühlt als den eigenen Überzeugungen und der Wahrheit, wenn er sich also anbiedert. Das Bild-Blog (ich lese es seit einiger Zeit nicht mehr, weil ich es auf Dauer in der Tat etwas langweilig finde) ist seiner Linie und seiner ursprünglichen Idee (die vor dem Markt da war) aber stets treu geblieben.
am 22. Februar 2008 um 16:50
Hallo
Ich schätze Deine Analysen, aber bin nur bedingt einverstanden:
Die Mehrheit sucht IMO nach Selbstbestätigung, nicht Aufklärung. Selbstbestätigung kann durchaus auch bedeuten, dagegen zu sein. Top-Blogs, ähnlich wie auflagenstarke Zeitungen, vermitteln dieses Gefühl.
Soweit sind wir IMO gleicher Meinung. Einzelne Blogs werden populär, tunen sich auf ihr Publikum ein usw. wie bei einem Print-Magazin.
Web2 bietet dem interessierten Leser wesentlich mehr Möglichkeiten, sich „angemessen“ zu informieren. Junge Welt und FAZ parallel lesen als Beispiel.
Bei guten Blogs kommt zusätzlich dazu, dass lebhaft gegenseitig kritisiert und angeregt wird, und fundierte Kritik im Normalfall ernst genommen und beantwortet werden.
Nicht BildBlog ist Medien-Kritik – aber die öffentliche Diskussion um BildBlog, Broder, Niggemeier, Zeitungen und Blogs sehr wohl.
Konkret: „Neutrale“, Broder- und Niggemeier-Fans lesen Deinen Text und können sich ihre eigenen Gedanken dazu machen, wenn sie wollen…
bye. jaq
am 23. Februar 2008 um 00:43
Hallo Jörg, findest Du, dass sachliche oder kritische Diskussion das Wichtigste an Blogs und am „neuen Journalismus“ ist? Ich finde das eigentlich auch, aber dennoch gibt es ja viele andere Funktionen, die Blogs erfüllen können. Selbstbestätigung, Aufmerksamkeit, sich Frust von der Seele schreiben, etc. es gibt so viele Motivationen! Nicht immer ist es so leicht, das zu unterscheiden, was einem gerade beim Schreiben bewegt und was das eigentliche Ziel gewesen ist! Zumindest, wenn man es nicht hauptberuflich macht und kein „besonderes“ Konzept verfolgt. Also muss man irgendwie klarstellen, was das Konzept hinter den jeweiligen Blogs ist und das ist ein Punkt, den ich oft nicht sehe, wenn ich so durch die Blogs surfe! Wäre ja vielleicht mal ein Ansatz für die ganzen Schreiberlinge!
viele Grüße, Julia
am 24. Februar 2008 um 09:04
Selbstreferentielle Treibjagden und Pingpong-Spielchen veranstalten doch auch die (gar nicht so) seriösen Medien. Ich erinnere nur an die Hatz auf Martin Walser, ausgehend von Schirrmacher und der FAZ. Oder an die Unisono-Kehrtwende aller Qualitätsmedien zur Halbzeit von rotgrün, als sich alle Alphajournalisten plötzlich als Kanzlermacher profilieren wollten und überall Schwärme ukrainischer Nutten erblickten, die außer ihnen niemand sah. Oder erst kürzlich an das Hochjazzen der Jugendausländergewalt zugunsten von Koch. Oder an Austs einsamen Kampf gegen die Windmühlen. Selbst Nolte – aus den seligen Zeiten des Historikerstreits – gilt in vielen Punkten doch heute unter ernsthaften Historikern als rehabilitiert. Die Reihe solcher journalistischer Glanzleistungen ist schier endlos. Verglichen mit derartigem Glaubwürdigkeitsverschleiß durch Altmedien ist diese Katzbalgerei Broder-Niggemeier direkt harmlos – ein Autorenzickenkrieg zweier guter Schreiber, die sich streiten, wer ganz oben auf dem Parnass sitzen darf. Früher allerdings gab es weniger Boulevard, heute ist fast alles Boulevard. Früher gab es auch im Schnitt weniger konservative (und damit zynische oder grundsätzlich unaufklärbare) Journalisten: Wer Dinge verteidigen muss, die nicht auf Dauer zu verteidigen sind, der muss auf Zeit spielen und rutscht deshalb leicht ins Anekdotische und Unterhaltsame ab.
am 24. Februar 2008 um 10:36
@Fragezeichner: Der Markt fürs Bildblog war sicherlich schon vor dem BildBlog da und ich denke, das haben die Macher auch zumindest geahnt. Das ist auch gar kein Vorwurf, niemand nimmt ein öffentliches Projekt in Angriff ohne wenigstens die Hoffnung zu haben, dass es jemanden interessiert.
@jaqwith: Da hast du natürlich recht, und kritische Diskussionen fanden schon immer eher in kleinen Zirkeln statt, das Web20 schafft die Möglichkeit zu neuen kleinen Zirkeln, nicht mehr und nicht weniger, aber immerhin.
@Julia: Das geht mir ebenso. Gerade unter den großen Publikumsblogs gibt es auch viele, die kein (für mich erkennbares) Konzept haben – dafür aber Leser
Das ist vielleicht das wirklich neue am Web20
@Chat Atkins: Ich stimme dir in vielem zu. Ich wollte auch gar nicht sagen, dass die Internet-Publikationsformen schlechter sind als die klassischen Medien.Nur leider sind sie eben auch nicht besser. Dem offenen Diskurs kommen wir nicht näher. Die letzten 2 Sätze deines Kommentars verstehe ich nicht.
am 24. Februar 2008 um 16:32
@ Jörg: Mir spukte im Kopf dabei Karl Mannheim herum, der in seiner Studie über das konservative Denken das Notwendig-Fragmentarische dieser Ideologie herausgestellt hatte. Die Rechte kann prinzipiell kein geschlossenes Weltbild generieren, also nimmt sie zu literarischen Hilfstruppen ihre Zuflucht. Es ist eine ‚Ideologie Als Ob‘. Siehe zum Beispiel hier zu Karl Mannheim.