Peter-Jochen Z. und Christopher McCandless
Beide haben sich aus unserer Welt zurückgezogen, beide sind in der Einsamkeit verhungert – sind die Schicksale von Peter-Jochen Z., der im Dezember auf einem Hochsitz in einem niedersächsischen Wald verhungerte und Christopher McCandless miteinander verwandt?
Mit Sicherheit nicht: der Deutsche Peter-Jochen Z. war vereinsamt, während den amerikanischen Jungen jeder mochte, der ihn traf. McCandless gelang alles, was er begann, Z. schaute auf eine lange Serie von Niederlagen zurück. Der junge Aussteiger suchte das Abenteuer, während Z. sterben wollte. Trotzdem gibt die gemeinsame Betrachtung beider Schicksale neue Einsichten, nicht auf die, die da allein gestorben sind, sondern auf die Gemeinschaft, die damit nicht umgehen kann.
Die Menschen suchen und brauchen die Gemeinschaft, die Gruppe – normalerweise. Die meisten Ziele erreicht jeder einzelne entweder gemeinsam mit anderen, oder indem er sich wenigstens anderer bedient. Dem bewussten Rückzug des Einzelnen aus dieser Gemeinschaft stehen wir deshalb immer mit Unverständnis gegenüber, egal, ob einer hinauszieht, um ohne Hilfe zurecht zu kommen, oder ob er schon vorher hilflos war und in dieser Hilflosigkeit in die Einsamkeit flieht. Wer Hilflosigkeit unter vielen nicht mehr ertragen kann, zieht die Einsamkeit vor – die das Gefühl der Hilflosigkeit wenigstens rechtfertigt.
Auch der Aussteiger, der glaubt, die anderen nicht zu brauchen, oder der ihre Hilfe aktiv ablehnt, steht hilflos da, und wohl auch nicht erst in dem Moment, in dem er die anderen verlassen hat. Auch er hatte schon keine Bindungen mehr zu den Menschen, als er sie noch sah und mit ihnen sprach. Und die anderen: konnten schon nicht mehr helfen. Es ist ja egal, wie einer „alle Schotten dicht macht“, ob er die Maske des entschlossenen Draufgängers oder des schwachen Versagers trägt: Die Wege zu seinem Innern sind jeweils schon versperrt.
Dieses Abgetrennt-Sein von anderen ist wiederum wohl nicht so selten, wie die Einzelschicksale verhungerter Einsiedler glauben lassen. Martin Heidegger hat die Einsamkeit als Modus des Mit-Seins schon in Sein und Zeit untersucht. Man muss wohl die Sehnsucht nach Einsamkeit als notwendigen Aspekt der Gemeinschaftlichkeit der Menschen zunächst verstehen, um die Hilflosigkeit der Einsamen und unseres Umgangs mit ihnen überwinden zu können.
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am 18. Februar 2008 um 21:56
Ich denke, dass das Phänomen der Einsamkeit sehr komplex ist und eine große, allgegenwärtige Bedeutung für unsere jetzige Gesellschaft hat, die man oft als „bindungsarm“ bezeichnet (Stichwort Singles, Patchwork-Familien, etc.). Egal, an welchem Punkt man nun ansetzt, die freiwillige Einsamkeit ist eine zutiefst menschliche und traurige Antwort auf Resonsanzen und soziale Erlebnisse, die nicht befriedigend ausfielen. Bei empfindlichen Personen fällt diese Antwort eben heftiger aus! Manchmal denke ich, die gegenwärtigen Muster und Rollen, die man uns anbietet, müssen zwangsläufig zur Einsamkeit und Entfremdung führen.
am 19. Februar 2008 um 02:05
OT: Spiegelfechter wurde zusammengeschlagen!
Hab’s gerade gelesen… üble Sache.
http://www.spiegelfechter.com/wordpress/286/friendly-fire
am 19. Februar 2008 um 09:55
@Julia: Mit Deinem letzten Satz kann ich mich nicht anfreunden. Wer ist denn „man“. Wir selbst haben doch je die Entscheidungsfreiheit – für die Gemeinschaft oder gegen sie.
@BrotherInLaw: Das war – wie sich schnell herausstellte, ein Fake.
am 20. Februar 2008 um 11:54
Mit „man“ meine ich einfach die Muster, die die Masse der Menschen vertreten und die bei Gesprächen oder sonstigen Vorgängen, die einer Bewertung unterliegen, zu Tage kommen und zeigen, was ein Mensch oder eine Gesellschaft wirklich denkt. (Das „man“ ist dann ein generalisiertes Über-ich) Natürlich kann „ich“ das nicht auf einen Satz herunterbrechen. Wie gesagt, das ganze ist mehr eine Einschätzung und beruht auf zumeist auf (meinen) zwischenmenschlichen Beobachtungen in einem langen Zeitraum. Wenn ich mehr ins Detail gehen würde, würde es zu persönlich werden! lg, Julia