Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien:


Jörg Friedrich


Broder tut, was Habermas fordert

15. Februar 2008 Kategorie: Gesellschaft, Kultur |

Vor fast genau zwei Jahren hielt der Philosoph Jürgen Habermas eine Rede in Wien, wo ihm der Bruno-Kreisky Preis für sein literarisches und publizistisches Gesamtwerk verliehen wurde. Gerade im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion um Henryk M. Broder ist es interessant, diesen Text erneut anzusehen, das zeigt schon der Titel:

Ein avantgardistischer Spürsinn für Relevanzen.
Was den Intellektuellen auszeichnet.

In diesem – für Habermas’sche Verhältnisse außerordentlich leicht verständlichen – Text, schreibt der wohl bekannteste lebende Philosoph dieses Landes über „die einzige Fähigkeit, die den Intellektuellen auch heute noch auszeichnen könnte“:

Er muss sich zu einem Zeitpunkt über kritische Entwicklungen aufregen können, wenn andere noch beim Business-as-usual sind. Das erfordert ganz unheroische Tugenden:
• eine argwöhnische Sensibilität für Versehrungen der normativen Infrastruktur des
Gemeinwesens,
• die ängstliche Antizipation von Gefahren, die der mentalen Ausstattung der
gemeinsamen politischen Lebensform drohen,
• der Sinn für das, was fehlt und „anders sein könnte“,
• ein bisschen Phantasie für den Entwurf von Alternativen,
• und ein wenig Mut zur Polarisierung, zur anstößigen Äußerung, zum Pamphlet.

Das liest sich nun ganz wie eine Liste von Vorwürfen, die Broder und seinen Freunden von verschiedener Seite immer aufs Neue gemacht werden, sei es dass es um Klima-Hysterie oder dass es um islamistische Bedrohungen unserer freiheitlichen Lebensform geht.

Natürlich, sagt Habermas, „kann der Spürsinn fürs Relevante auch grässlich entgleisen“. Aber diese Gefahr darf den, der sich in dieser Rolle in der Gesellschaft findet, nicht bange machen. „Er sollte … – als Frühwarnsystem – dann auch rechtzeitig intervenieren, wenn das Tagesgeschehen entgleist.“

Das Bild des Frühwarnsystems ist allerdings leider nicht ganz passend von Habermas gewählt. Man denkt hier etwa an ein Tsunami-Warnsystem, welches bewusst und extra eingerichtet wurde, um vor heraufziehendem Schaden zu warnen. Diese Warnungen sind allseits akzeptiert.

Der Intellektuelle, wie ihn Habermas hier versteht, kann nicht auf eine solche Akzeptanz hoffen. Eine Gesellschaft, die „beim Business-as-usual“ ist, lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Und während ein Fehlalarm eines Frühwarnsystems nicht gleich zum Abschalten der Anlage führt, wird dem Autor von Essays und Pamphleten gern „der Vorwurf der „sterilen Aufgeregtheit“ und des „Alarmismus““ gemacht.

Das wird ihn aber kaum anfechten. An den empörten Aufschrei der Gesellschaft, die er aus ihren Träumen von sicher geglaubten Gewissheiten reißt, hat er sich längst gewöhnt. Im besten Falle hat er Freude daran – das lässt ihn dann wenigstens nicht daran verzweifeln, dass sich am Ende wenig bewegt.

Manchmal, wenn er laut genug gewesen ist, um gehört zu werden aber nicht zu laut, um schrill zu klingen, wenn er das richtige Maß an Übertreibung und Zuspitzung gefunden hat, wird er vielleicht einen Denkprozess mit in Gang setzen können. Aus diesem heraus wird die Gesellschaft sich verändern und damit überleben – und den, der sie aufgeschreckt hat, doch wieder in die Ecke des Vergessens stellen.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/15/broder-tut-was-habermas-fordert/

3 Kommentare to “ Broder tut, was Habermas fordert ”

  1. # 1 Michael Kostic schreibt:

    Auch wenn dies in meinen Augen einer deiner besten Texte der letzten Wochen ist, assoziiere ich dessen Ende mit einer Szene aus „Quo Vadis“, mit dem unvergleichbaren Peter Ustinov als Imperator Nero: „Eine Träne für…“

    Leider ist Trauer der schlechteste aller schlechten Berater, noch vor der Angst vor Veränderung…

    Gruß

  2. # 2 Karl schreibt:

    Falsch. Broder tut bestenfalls das, wovor Habermas warnt:

    Natürlich, sagt Habermas, „kann der Spürsinn fürs Relevante auch grässlich entgleisen“.

    Für wahrscheinlicher halte ich, daß Broder mit seiner Demagogie gegen den Islam ganz einfach Umsatz macht. Dabei bedient er ein Clientel, das deutlich am rechten Rand angesiedelt ist.

  3. # 3 Jörg schreibt:

    @Karl: Der Einwand war zu erwarten. Wenn Du aber den Zusammenhang der Rede liest, wirst du feststellen, dass Habermas diesen Satz gravierenden Fällen vorbehlten hat. Natürlich wird die im Alltag gut eingerichtete Gesellschaft mit diesem Reflex der Zurückweisung reagieren. Es gibt keine klare Grenze dafür, wann ein Tabubruch zur „Entgleisung“ wird, und wann diese Entgleisung „grässlich“ wird.

Kommentieren

XHTML: Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>