Nachdenken über Necla Kelek und religiös begründete Gewalt
In der heutigen FAZ macht die Autorin (z.B. Die verlorenen Söhne. Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes) Necla Kelec einmal mehr „muslimische Weltbild in Kombination mit den archaisch-patriarchalen Traditionen“ für die Gewaltbereitschaft von nicht-deutschen Jugendlichen verantwortlich. Sie widerspricht damit einer Tendenz in der Diskussion um die Jugendkriminalität, wie sie z.B.von Günther Grass erst kürzlich vertreten wurde, der es für „schändlich“ hält, die Jugendkriminalität an der Ausländerfrage fest zu machen.
Zunächst einmal gibt die Statistik Necla Kelec recht.
In einer Studie des wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages heißt es z.B.
In der Gewaltkriminalität Jugendlicher
lässt sich jedoch – wie auch in der Gesamtgewaltkriminalität – ein Anstieg
beobachten. Auch fallen Jugendliche ohne deutsche Staatsangehörigkeit häufiger wegen
Gewaltdelikten auf als deutsche Jugendliche.
und weiter heißt es dort:
Auch kriminologische Studien wie die des Kriminologischen Instituts für Niedersachsen
e.V. (KfN) stellen tendenziell einen Rückgang des kriminellen Verhaltens Jugendlicher
fest. Allerdings ist die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft
signifikant höher als die von deutschen Jugendlichen. Ursachen hierfür sind hauptsächlich
soziale Benachteiligung, geringer Bildungsstand und die Erfahrung familiärer Gewalt.
Ist also z.B. die islamische Erziehung in türkischen Familien in Deutschland schuld daran, dass sich türkischstämmige junge Männer nicht in die Gesellschaft integrieren wollen, und dass sie es deshalb ablehnen, Bildungsangebote wahrzunehmen, statt dessen ihre Probleme lieber mit Gewalt lösen? Oder muss man die religiöse und kulturelle Bindung der Menschen in einer freien Gesellschaft nicht völlig außen vor lassen, sich darauf konzentrieren, alle Jugendlichen gleichermaßen in die Gemeinschaft und in die Bildungsangebote zu integrieren – wird man damit das Problem der Gewalt und der Kriminalität nich quasi von selbst los?
Es gibt keine einfache Antwort auf diese Fragen. Wenn die Ablehnung von Integrations-und Ausbildungsangeboten letztlich kulturell-religiös begründet ist, kann die Gesellschft noch so viel Angebote machen – sie wird letztlich nicht viel erreichen. Außerdem wissen wir auch aus eigener grauenvoller Geschichte, dass Bildung allein niemanden zu einem guten, humanistischen Demokraten macht.
Auf der anderen Seite: Was kann ein Staat, in dem die Freiheit der Religion verfassungsmäßig garantiert ist, gegen religiös motivierte Erziehung im islamischen Stil tun? Nirgends steht, dass das christliche Glaubensverständnis Leitfunktion hat – und das ist sicherlich auch gut so. Was bleibt also anderes, als da zu wirken, wo der Staat Möglichkeiten hat: bei der humanistischen und pluralistischen Bildung in der Schule. Sollte sich der Staat nicht ganz darauf konzentrieren, seine geringen Möglichkeiten dort zu konzentrieren, wo er überhaupt ansetzen kann, nämlich in den Stunden, in denen die jungen Menschen aus allen religiösen Richtungen gemeinsam lernen. Kann nicht eine öffentliche Diskussion über religiöse Auslöser nur Fronten schaffen, die Integration verhindert, weil sie letztlich immer bei der Frage des „richtigen“ und des „falschen“ Glaubens ankommt?
Wenn man sich diese Fragen gemeinsam stellt, scheint die Lösung auf der Hand zu liegen: Natürlich sind soziologische Untersuchungen über die Zusammenhänge von kultureller und religiöser Erziehung mit Möglichkeiten von gesellschaftlicher Integration und Bildung nötig. Auf Basis solcher Studien müssen geeignete Lehrpläne und pädagogische Konzepte erarbeitet werden. Auf diesem Fundament ist dann eine religions-unabhängige Ansprache der Jugendlichen zu finden, damit die Integration gelingt.
Es wird nichts bringen, wenn man die kulturellen und religiösen Wurzeln der beroffenen Jugendlichen infrage stellt. Man muss sie berücksichtigen, aber man darf sie nicht bekämpfen. der Weg ist wohl nicht einfach, er ist ein schmaler Grat, auf dem die Gesellschaft balanciert, die Migranten integrieren, aber die eigenen Identität dabei nicht verlieren will.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/09/nachdenken-uber-necla-kelek-und-religios-begrundete-gewalt/
am 9. Februar 2008 um 18:31
Ich habe gestern in der ZEIT das Dossier „Ich mach dich fertig, ganz normal“ gelesen. Versuch‘ ihn ‚mal zu finden, ich tat’s online vergebens. Spätestens danach kannst du vermutlich deine „Schullösung“ begraben. Heute den Kelec-Text gelesen, und ich bin geneigt, ihr rundum zuzustimmen. Erdogans Äußerungen passen auch wie die Faust aufs Auge.
Ich bin ratlos.
am 9. Februar 2008 um 23:13
Der Leiter des kriminologischen Instituts in Niedersachen (Pfeiffer), dessen Studie du zitierst, hat sich letztens in einem Interview im Zusammenhang mit Kochs Wahlkampf ganz klar gegen Interpretationen seiner Studie gewandt, wie Necla Kelek (und auch du) sie macht: er sagte, bestimmender Faktor für Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen sei das soziale Milieu, nicht die Herkunft. Auch einen Zusammenhang mit religiösen Überzeugungen kann die Statistik nicht liefern.
Fast genauso äussert sich der wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie in Berlin in einem Interview bei Brandeins http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=2552&umenuid=1&wh=gewalt&MenuID=130&MagID=97&sid=su822341671074389106
Ich glaube, wir unterliegen hier einer Täuschung der persönlichen Wahrnehmung durch die Medien. Gewalt nimmt immer weiter ab, aber die Unsicherheit unter der Bevölkerung nimmt immer weiter zu.
am 11. Februar 2008 um 09:04
@Jürgen: Ratlosigkeit ist ja u.a. ein Grund fürs Schreiben. Ich hoffe, auf diese Weise Rat zu finden. Im Moment ist alles sehr unübersichtlich.
@Fragezeichner: Die Interpretation von Studien-Ergebnissen muss deren Autor dem Publikum überlassen, er kann natürlich eine eigene vorschlagen, hat aber kein Vorrecht auf die richtige Interpretation. Der Fehler liegt m.E. darin, den einen Grund (soziales Milieu) gegen den anderen (Herkunft) auszuspielen. Man muss ja weiter fragen: Warum ist ein bestimmtes soziales Milieu in Gruppen einer bestimmten Herkunft so verbreitet? Das tut Kelek.
am 11. Februar 2008 um 10:54
@Jörg: nun ja, es gibt ja eine ganze Reihe von Menschen, die diese Statistik anders interpretieren als Kelek. Die Antwort auf die Frage, warum Migranten viel häufiger in schlechten sozialen Milieus aufwachsen, lässt sich zu einem grossen Teil auf missglückte oder nicht existente Einwanderungspolitik zurückführen – und damit ist das sehr wohl ein soziales und auch ein Bildungsproblem, allerdings ein schon weit fortgeschrittenes und lange ignoriertes. Und ja: diese Menschen sind natürlich auch empfänglicher für religiöse Heilsbotschaften und dubiose Ideologien. Dem letzten Absatz in Keleks Artikel stimme ich übrigens voll zu.
am 11. Februar 2008 um 12:00
Warum haben wir mit Migranten aus Grichenland und Italien keine Probleme?
am 11. Februar 2008 um 15:32
@Lisa: stimmt das denn? Der eine der Schläger der Münchner U-Bahn, die Kochs Wahlkampf so inspiriert haben, war ja Grieche. Ich habe da aber keine Statistiken gefunden, für einen Link wäre ich dankbar.
In jedem Fall ist aber die Entwicklung des Herkunftslandes ein wichtiger Faktor: Italien z.B. ist ungefähr auf dem gleichen Entwicklungsniveau wie Deutschland, das heisst, ein Italiener, der nach Deutschland geht, tut dies wohl weniger aus eigener Not und hat damit auch bessere Start-Bedingungen. Ich will nicht leugnen, dass eine Integration umso schwieriger wird, je grösser die kulturellen Unterschiede sind. Dies sollte aber nicht als Entschuldigung für eine unzureichende Integrationspolitik sein.
am 11. Februar 2008 um 15:58
@Fragezeichner: ich habe nicht nachgeforscht, aber in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts kamen die Gastarbeiter aus diesen Ländern. Nachkommen dieser Menschen begegnen mir desöfteren. Sie sind stolz auf ihre Herkunft, wollen mich aber nie missionieren. Weil ihnen klar ist, dass sie hier sind, weil sie dieses Leben wollen und es deshalb nicht bekämpfen sollten?
am 11. Februar 2008 um 20:25
Ich tendiere auch dazu Jugendkriminalität eher an sozialen als an religiösen Faktoren festzumachen. Man könnte bei diesem Problem z.B. mal einen Blick in die USA, genauer nach LA werfen, wo es Jugend- und Gangkriminalität von „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ in einem Ausmaß gibt, dagegen ist Neukölln wohl eine problembezirkgewordene Waldorfschule: Wenn ich richtig informiert bin, dann dominieren in LA zur Zeit hispanische Gangs, die sich aus Einwanderern aus Mexiko und Lateinamerika zusammensetzen. Und Mexiko ist ja nun ein erzkatholisches Land; quasi das Polen Mittelamerikas. Kann man daraus nun mit der selben Logik schließen, dass der Katholizismus Ursache für Jugendkriminalität ist? Wohl eher nicht. Ich will nicht völlig ausschließen, dass ein ein diffuses „muslimisches Weltbild“, dass in einem bestimmten Islamverständnis verortet ist, und aus dem etwas wirre Auffassungen von Erziehung, Ehre und Männlichkeit hervorgehen, dass ein solches religiös geprägtes „Weltbild“ nicht auch einen gewissen Einfluss hat – aber die Hauptursache liegt denke ich woanders. Küchensoziologisch würde ich mal tippen auf eine Mischung aus zu viel Energie, zu wenig Erfüllendes zu tun und keine Perspektive, dass es irgendwie besser wird.
am 12. Februar 2008 um 09:58
Dann mal von einer ganz anderen Seite: Welcher Typ Mensch wandert aus? Als die Deutschen nach Amerika gingen, waren es die, die was erreichen wollten, was da, wo sie herkamen nicht ging. Das war selbst nach den Hungersnöten in Irland so: die, die fort gingen, hatten Energie für Neues. War es in den 60ern auch so? Welche Motive haben die heutigen Aus-/ Einwanderer? Das wäre genauso bei den Mexikanern zu prüfen. Denn, wenn keine Integration im Zielland gewollt ist, nützt Bildungsangebot auch nichts – es wird nicht angenommen. (Ob in den USA da auch noch andere Dinge wie Bildungsangebot reinspielen, weiss ich nicht.)
am 12. Februar 2008 um 11:36
@Carlo: Es geht nicht darum, soziale gegen religiöse Faktoren abzuwägen, es geht um die Frage, wo die sozialen Faktoren herkommen. Necla Kelek argumentiert, dass die sozialen Probleme der Miganten aus Anatolien in islamisch-patriachalischen Familienstrukturen begründet sind.
Der Blick über den Teich ist hier schon deshalb nicht hilfreich, da es im Wesentlichen nicht um Gang-Gewalt geht. Es geht zum einen um Angriffe auf „normale Bürger“, die den Schlägern Grenzen ziehen wollen, und es geht (und das ist in der Argumentation von Necla Kelek das entscheidende) um Gewalt gegen Frauen bis hin zum Mord an denen, die selbstbestimmt leben wollen. Und gerade in diesen Fällen erscheint mir die Argumentation, dass die Gewalt insgesamt doch zurückgeht, geradezu zynisch. Ob die Zahl da gerade abnimmt oder zunimmt, ist nämlich egal, da jeder Fall so unvereinbar mit unseren Werten und unserer Gesellschaft ist, dass nach den Gründen geforscht werden muss, um so etwas mit aller Macht zu verhindern.
am 12. Februar 2008 um 14:22
@Jörg: dass es solche Fälle gibt, will ja niemand bestreiten; wahrscheinlich gibt es auch Fälle, wo Hopfen und Malz verloren ist. Aber das ist doch ein Nischenproblem, solche Fälle bewegen sich doch im Promillebereich, sind doch nicht die Hauptursache für Jugendkriminalität (die übrigens nicht steigt, sondern seit ein paar Jahren sinkt). Die Wurzeln des Grossteils der Gewalttaten (allgemein, nicht nur von Ausländern) liegen im sozialen Bereich und in mangelnden Integrationsangeboten.