Was tun in Afghanistan
Kämpfen oder abziehen, Angriff oder Verteidigung, Terrorbekämpfung oder Wiederaufbau – noch nie nach Beginn der Kämpfe im Oktober 2001 war die Unsicherheit so groß, was zu tun ist in Afghanistan. Nur eines ist sicher: Man muss etwas tun. Deutschland muss sich entscheiden, welche Ziele es am Hindukusch verfolgt, und welche Mittel für die Umsetzung dieser Ziele eingesetzt werden können.
Beim Nachdenken über die Frage, was zu tun ist, fällt auf, dass uns die Ziele, die wir in Afghanistan verfolgen, scheinbar abhanden gekommen sind. Wie aber soll die Diskussion über die notwendigen nächsten Schritte zu einem Ergebnis kommen, wenn man gar nicht weiß, wo man hin will?
Es kann ja kaum richtig sein, dass ein Land seine Entscheidungen danach trifft, ob andere Länder, die etwa gleich stark sind, ihre Soldaten bereits in gefährliche Kampfeinsätze schicken.
Vor sieben Jahren, als die Trümmer des World Trade Centers noch nicht für die Baustelle eines neuen, gigantischeren Wahrzeichens der westlichen Welt Platz gemacht hatten, war die Sache noch klar: die islamistischen Terroristen waren eine Bedrohung für uns alle, für unsere Lebensweise und unseren Wohlstand, und die saßen offenbar in diesem fernen Land in den Bergen.
Wer hatte sich schon damals für den Umstand interessiert, dass vor allem die Frauen unter den Taliban ein für europäische Vorstellungen unwürdiges Dasein fristen? Wer hatte bereits gewusst, dass der größteTeil des Schlafmohns, der weltweit für die Drogenproduktion verwendet wird, aus Afghanistan stammt? Selbst wenn das bekannt war – für den Militäreinsatz war das ganz unwichtig, und schon deshalb sind alle Ziele, die sich aus diesen Tatsachen ableiten, sekundär.
Ob der internationale Terrorismus vernichtend geschlagen wurde, ob er auch nur empfindlich getroffen wurde durch die Besetzung Afghanistans, lässt sich nur schwer sagen. Terroristen sind ja nicht permanent präsent, sie arbeiten im Verborgenen und schlagen überraschend zu – vielleicht sind sie geschwächt, vielleicht haben sie sich an einem anderen Ort längst wieder versammelt und bereiten gerade jetzt ihren nächsten großen Angriff vor.
Eines aber scheint doch sehr wahrscheinlich: Ein Rückzug aus Afghanistan bevor die dortige Regierung so weit stabilisiert ist, dass sie in der Lage ist, ein friedliches, ziviles Leben für die Menschen des Landes sicherzustellen, würde den Rückfall in katastrophale Verhältnisse bedeuten, und sicherlich auch die Rückkehr erstarkter Terroristen, die an alte Strukturen anknüpfen und ihren Kampf gegen die freie westliche Welt fortsetzen würden.
Unter diesem Gesichtspunkt ist eine schnelle Niederwerfung der Taliban auch im Süden des Landes geboten. Daran müssen alle Länder, die über die nötigen Ressourcen verfügen, nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten mitwirken. Es muss eine schnelle Lösung her, ein Ende mit Schrecken ist allemal besser als Schrecken ohne Ende. Deshalb muss auch Deutschland über eine Ausweitung seines Engagements – sowohl räumlich als auch hinsichtlich der Art der Einsätze – nachdenken.
Sicherlich: Darüber darf die Stabilität unseres eigenen politischen Systems nicht gefährdet werden. Der Konsens über den Einsatz von Bundeswehrsoldaten ist brüchig, es ist nicht sicher, ob er diese Belastung aushält. Deshalb muss eine öffentliche und ehrliche Diskussion über die deutschen Interessen geführt werden, damit jeder weiß, warum in Afghanistan deutsche Soldaten ihr Leben im Kampf verlieren.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/07/was-tun-in-afghanistan/
am 7. Februar 2008 um 17:23
@Jörg:
Bitte erkläre mir, womit Du diese im Kern wichtige Teilinformation begründest:
„…und sicherlich auch die Rückkehr erstarkter Terroristen, die an alte Strukturen anknüpfen und ihren Kampf gegen die freie westliche Welt fortsetzen würden.“
Gruß
am 7. Februar 2008 um 22:25
Hier bin ich völlig anderer Meinung.
Afghanistan wurde primär für den Rachefeldzug des Dabbelju mißbraucht. Deutschland hatte weder im Kosovo, noch in Afghanistan auch nur das Geringste verloren.
Unser (damit meine ich Deutschland) einziges Ziel war es, Solidarität mit den Amerikanern zu zeigen. Das ist auch heute noch so. Deshalb geht es bei der Diskussion auch vorrangig darum, den Aufwand für diese Solidarität gering zu halten. Daß dazu gelegentlich ein General, der Gesichtverlust vor seinen Nato-Kollegen fürchtet, oder ein Politiker, der einen besonderen Bezug zu den USA hat, anderer Meinung ist, sollte nicht über dieses Ziel nicht hinwegtäuschen.
Was die Taliban mit ihren Frauen veranstalten, interessiert in der hohen Politk höchstens in soweit, als damit die öffentliche Meinung beeinflußt werden kann. Die Opiumproduktion in Afghanistan ist seit der Besatzung sogar gestiegen.
Auch die Verluste sind kein Argument. Nach den USA, England und Kanada hat Deutschland schon jetzt die höchsten Verluste, dicht gefolgt von Spanien. Danach kommt lange nichts. 25 Tote sollten für eine Solidaritätsbekundung ausreichen.
Eine schnelle Niederwerfung der Taliban ist nach aktueller politischer Lage eine Illusion. Auf Grund der historischen Grenzziehung durch die Kolonialmächte verläuft die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan nicht nur durch einen Gebirgszug, sondern auch durch das Siedlungsgebiet der dort ansässigen Völker. Die relativ schwache Regierung in Pakistan ist nicht in der Lage auf ihrer Seite der Grenze die Ordnung herzustellen, ein Eingreifen der Amerikaner auf pakistanischem Gebiet würde die USA-freundliche Regierung weiter schwächen, also haben die Taliban auch in Zukunft ihren Rückzugsraum.
Die einzig vernünftige Strategie ist langfristig und sorgt für eine möglichst gute, wirtschaftliche Situation in den befriedeten Teilen des Landes, für Ausbildung und für freundschaftliche Beziehungen zwischen Besatzern und nativer Bevölkerung. Nur wenn dem Volk vermittelt werden kann, daß der Westen lange nicht so böse ist wie die Taliban, nur dann ist ein Erfolg denkbar.
am 8. Februar 2008 um 11:22
@Michael: Du hast Recht, diese im Kern wichtige Behauptung ist eine Vermutung, die mir plausibel erscheint, die aber nicht belegt ist (sein kann – Sollte man es ausprobieren?). Ich habe schon beim Schreiben die Schwäche dieser Behauptung gesehen und freue mich ehrlich gesagt, über die Aufmerksamkeit kritischer Kommentatoren wie dich)
@Karl: Auch Dir Dank für Deine plausible Gegendarstellung. Bezüglich Afghanistan können wir wahrscheinlich die Diskussion kaum über eine konsistente Darstellung veschiedener Standpunkte hinausführen.
Deinem letzten Absatz stimme ich vollständig zu.
am 9. Februar 2008 um 11:55
Jörg, ich bezweifele, daß sich für die Position der Weiterführung des Krieges in Afghanistan eine konsistente Darstellung finden läßt. Sogar die Manipulation der öffentlichen Meinung ist in sich widersprüchlich (zumindest für Leute, die geschichtliche Zusammenhänge über eine Distanz von zehn Jahren herstellen können). Zugespitzt formuliert lauteten die humanitären Kriegsgründe etwa wie folgt:
1995: die Russen sind grausame Diktatoren -> laßt uns die Taliban an die Macht bringen
2005: die Taliban sind grausame Diktatoren -> laßt uns die Taliban restlos vernichten
Dieser Typ von Kriegspropaganda deklariert eine sog. „gute Sache“ zum Kriegsziel und macht sich den Umstand zunutze, daß die Bevölkerung in den westlichen Demokratien geneigt ist, dies kritiklos zu akzeptieren. Wie soll man denn auch instrumentalisierte Hilfsappelle für Menschen in Not von echten unterscheiden? Der humanitäre Appell für sich genommen ist vordergründig tatsächlich überzeugend. Auch Ahnungslose, die nicht den blassesten Schimmer haben, welche Tragödien sich in dem angegriffenen Land wirklich abspielen, treten humanitär konditioniert als Kriegsbefürworter auf und fühlen sich auch noch gut dabei. Ja noch schlimmer, sie sind auch einem sozialen Druck ausgesetzt, genau so zu agieren, während Kriegsgegner leicht zu Außenseitern werden, weil sie ja offenbar die „evidente, gute Sache“ ablehnen. Noam Chomsky erzählt wie schwer es war, im liberalen Boston gegen den Vietnamkrieg zu protestieren: „In Boston, which is a pretty liberal city, we couldn’t have a public demonstration against the war until about 1966 without it being physically attacked by people and protected by police.“ http://www.chomsky.info/interviews/20020116.htm Für fast jedem Krieg wird der Versuch einer humanitären Begündung unternommen. Das gelingt bisweilen, ist meistens aber nur absurd. Ausgerechnet den Afghanistankrieg (mit den Flächenbombardements, der Verwüstung der Lebensräume, der Ausrottung ganzer Großfamilien – gerne auch Hochzeitsgesellschaften – durch OTAN-Bomber) als Hilfseinsatz zu rechtfertigen, erscheint mir vollkommen aberwitzig zu sein. Chomsky hat die Schwäche dieser Rechtfertigungsversuche wie folgt entlarvt: „A beneficial consequence of the latest Afghan war is that it elicited some belated concern about the fate of women in Afghanistan, even reaching the First Lady. Perhaps it will be followed some day by concern for the plight of women elsewhere in Central and South Asia, which, unfortunately, is often not very different from life under the Taliban, including the most vibrant democracies. Of course, no s a n e person advocates foreign military intervention to rectify these and other injustices. The problems are severe, but should be dealt with from within, with assistance from outsiders if it is constructive and h o n e s t.“ http://www.chomsky.info/articles/20020201.htm
Die verschiedenen Argumentationslinien von (Noam Chomsky=NC, Peter Scholl-Latour=PSL und Benedict XVI=BXVI) zusammengestellt und kurz charakterisiiert:
Pax1: medien-/demokratiekritisch (NC): Humanitäre Gründe werden eigens konstruiert oder vorhandene werden als Kriegsanlaß instrumentalisiert. Militärstrategische Gründe sind oft falsch (s.Vietnam).
Pax2: logisch, prinzipiell (NC): Unspezifische humanitäre Gründe können keine Rechtfertigung für einen Krieg sein.
Pax3: realistisch, historisch (PSL): Der Krieg ist nicht zu gewinnen. (s.u. meine Replik an Karl)
Pax4: theologisch/moralisch (BXVI): Unrecht darf nicht mit Unrecht bekämpft werden.
Wer mit Anti4 Verständnisprobleme hat, muß sich nur einmal dem Gedankenexperiment aussetzen, daß er selbst die Wahl treffen dürfte zwischen der absolut sicheren (!) und vollständigen physischen Vernichtung seiner ganzen Familie auf seiner eigenen Hochzeitsfeier und der nur möglichen (!) Befriedung seines Heimatlandes.
Es gibt m.E. nur einen einzigen respektablen Kriegsgrund, den Richard Rorty (=RR) im Jahre 2001 vertreten hat. Sein Standpunkt ist aggressiv und in höchstem Maße fragwürdig, aber insofern respektabel, als ihn zumindest der Vorwurf der Inkohärenz, Unehrlichkeit und Scheinheiligkeit in PAX1,2 nicht trifft. Rorty verspricht sich nichts von einem Dialog, in dem die säkulare humanistische Kultur in Europa und Amerika sowieso nichts lernen könne, sondern behauptet den Primat der westlichen – über alles in der Welt.
Bellum1: missionarisch, antirelativistisch, radikal aufklärerisch (RR): „Unser Ziel sollte es sein, den Planeten zu verwestlichen.“
am 9. Februar 2008 um 12:00
Karl, schade, daß Du Deine Fundamentalkritik in Deinem letzten Absatz praktisch wieder zurücknimmst. Du sagst am Anfang, daß wir in Afghanistan nichts im geringsten zu suchen hätten. Gesetzt den Fall, es gäbe einen nicht offengelegten militärstrategischen Grund. Dann stellte sich immer noch die Frage nach der Rationalität, nämlich, ob der Krieg überhaupt zu gewinnen ist. Als Anregung dazu möchte ich Dich mit dem historisch realistischen Standpunkt von Peter Scholl-Latour (PSL) http://www.g26.ch/texte_peter_scholl_latour.html, konfrontieren, dem aber – wie er selber sagt – kaum einer zuhören will. Dabei wären seine visionären Stellungnahmen PSL2000 und PSL2002 Anlaß genug, ihm kriegshistorische Expertise zuzubilligen und seine Plädoyers für einen Rückzug aus Afghanisation ernstzunehmen.
PSL2000
„Als Peter Scholl-Latour in einer Kolumne den „Steinzeit-Islam“ der Taliban anklagte und die CIA beschuldigte, diesen menschenverachtenden „Horden“ die Herrschaft über Afghanistan zugesprochen zu haben, schrieb man den 4. Juli 2000. Aus heutiger Sicht liest sich nicht nur dieser Artikel … geradezu visionär.“ http://www.franklin.com/estore/dictionary/BBAL3894807474DLDA/
PSL2002
PSL: Ich glaube, der Krieg ist eine beschlossene Sache. CJ: Glauben Sie? PSL: Ja. Ich glaube, Saddam Hussein, der ja nicht klug ist, aber schlau, wird mit den Inspekteuren sehr eng zusammenarbeiten, wird ihnen ziemlich alles zeigen, aber der Krieg ist beschlossen, und dann wird eben irgendein Zwischenfall stattfinden, der dann die Möglichkeit bietet, den Krieg auch wirklich auszulösen – wenn die Zeit reif ist. Die Truppenkonzentrationen sind ja noch nicht ganz vollständig, und der richtige Zeitpunkt wird wohl Anfang des nächsten Jahres sein. http://www.staff.uni-marburg.de/~naeser/ws2k2lk05a.htm
PSL2007
A: CICERO: http://www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=2053
B: JUNGE FREIHEIT: Auszüge aus einem Interview mit PSL: „Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen“
Moritz Schwarz: Herr Professor Scholl-Latour, Anfang April beginnt die Verlegung von sechs Tornado-Aufklärungsflugzeugen nach Afghanistan. Was bedeutet diese weitere Verstrickung in den Krieg dort für Deutschland?
Scholl-Latour: Der Einsatz der Tornados hat keine entscheidende Bedeutung, er ist im Grunde nur ein Nebenaspekt. Entscheidend ist vielmehr die bereits erreichte de-facto-Verschmelzung der beiden Missionen Isaf und „Enduring Freedom“, die zu einer Einbeziehung der Bundeswehr in die robuste Kriegführung in Afghanistan geführt hat – was völlig den ursprünglichen Resolutionen widerspricht! Was die Tornados angeht: Wenn man sie nun schon einsetzt, dann sollte man dem Volk wenigstens reinen Wein einschenken und ehrlich zugeben, daß es darum geht, Ziele für US-Bombenangriffe aufzuklären, es sich also um nichts anderes als um einen Kriegseinsatz handelt. ….
Sie haben mehrfach den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert. Warum?
Scholl-Latour: Weil der Afghanistan-Krieg nicht gewonnen werden kann! Ganz einfach! Obendrein wird der Krieg auch noch unzureichend geführt: Es existieren weder ein Worst-Case-Szenario noch eine Exit-Strategie. Das heißt, man hat sich keine Gedanken darüber gemacht, was man tut, wenn die Situation sich plötzlich dramatisch verschlechtern sollte, bzw. wie man langfristig aus der Situation herauskommt. Das aber sind die Grundvoraussetzungen für eine verantwortungsbewußte militärische Intervention. Die Regierung in Berlin dagegen nimmt die Warnungen der militärischen Kommandeure im Land, des BND und unseres Botschafters in Kabul einfach nicht zur Kenntnis, sondern opfert sie bündnispolitischen Erwägungen.
Die Mehrheit der Bevölkerung im Irak wünscht den Abzug der westlichen Truppen. Wie schätzen Sie diesbezüglich die Afghanen ein?
Scholl-Latour: Die wünschen das ebenso brennend. Die Amerikaner sind in Afghanistan mittlerweile genauso verhaßt wie in den achtziger Jahren die Russen.
Peter Gauweiler äußerte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „In Afghanistan werden durch Nato-Angriffe ganze Großfamilien ausgelöscht … Wir können uns doch nicht an solchen unerhörten Vorgängen beteiligen und mit unschuldigem Augenaufschlag darauf reagieren, wenn die so angegriffenen irgendwann in unseren dichtbesiedelten Städten mit ihren Mitteln antworten.“
Scholl-Latour: Na, da hat der Mann im Prinzip doch völlig recht! Und im übrigen sollten wir uns nicht einbilden, daß wir vom Terror verschont werden, weil wir ein paar Stammesfürsten durch den Hindukusch jagen.
Im Klartext heißt das doch, die Bundeswehr wird dort als Teil einer Invasionsmacht, Deutschland als Aggressor wahrgenommen. Glauben Sie, daß sich die Deutschen dessen bewußt sind? Offenbar machen wir uns nicht klar, daß die Moslems uns als Besatzer sehen, egal wie überzeugt wir selbst davon sind, nur Aufbauhelfer und Friedenssicherer zu sein.
Scholl-Latour: Es ist doch kein Wunder, daß die Deutschen das nicht wahrnehmen. Denn unsere Medien haben keinen Korrespondenten mehr vor Ort, und wenn mal einer dort ist, dann wird er nicht befragt. Ich habe unlängst die Region bereist und könnte entsprechend Auskünfte geben, aber man will es von mir nicht wissen. Ich weiß nicht, warum, aber die deutschen Medien lassen inzwischen den Vorhang der Selbstzensur runter. …
Scholl-Latour: Ich weiß nicht, warum die deutschen Politiker stets amerikanischer sein wollen als die Amerikaner selbst. Drei Viertel der Abgeordneten im US-Kongreß glauben inzwischen, daß der Irak-Krieg die Terrorgefahr erhöht hat! Trotz dieser Erkenntnis ist man aber bei uns von einer Servilität gegenüber den USA, die weit über das hinausgeht, was sich die Amerikaner an freundschaftlichem Verhalten von uns erwarten.
am 9. Februar 2008 um 22:42
Okay! Erst ‚mal danke an Jörg für einen unaufgeregten Artikel mit logischer Konsequenz (die ich teile). Danke an Ralf für die Fülle guter Argumente und hervorragender Links. PSL hat sich auch u. a. deshalb unbeliebt gemacht, weil er für eine A-Bewaffnung der BW plädiert (hat) – „… Prolieferation läßt sich eh nicht verhindern“! Trotzdem: Der iss schon ein Fachmann!
Lass‘ mich bitte noch am Ausgang Deines Gedankenexperimentes teilhaben: Alle ziehen ab, aus Afghanistan und aus dem Irak (auch nicht gewinnbar)! Was dann?
Beste Grüße
Vogel
am 11. Februar 2008 um 12:04
Ich wüsste in solchen Diskussionen immer gern erst einmal, ob die Beteiligten darüber einig sind, dass es gut für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts war, dass die USA in den 2. Weltkrieg eingegriffen haben.
am 11. Februar 2008 um 13:55
@Jörg:
Interessant. Ich kann mir nicht einmal vorstellen das irgendwer davon überzeugt sein kann, dass Europa das Problem damals selbst hätte in den Griff bekommen können. Frankreich wie England hatten damals keine echten militärischen Optionen mehr. Ohne die drohende und später realisierte direkt Intervention der USA, hätte sich die Wehrmacht ganz auf die Erreichung der Ziele an der sog. Ostfront konzentrieren können. Dieser Konzentration der Kräfte hätte das damalige stalinistische Russland nichts entgegen stellen können.
Auch wenn die US-Amerikaner ansonsten viel falsch machen, für diese Intervention sollten wir ihnen grundsätzlich dankbar sein.
Gruß
am 11. Februar 2008 um 21:59
Hi Jörg,
die grundsätzliche Frage ist berechtigt. Ganz abgesehen davon, dass das 3. Reich den USA den Krieg erklärt hat (haben also eigentlich nicht „eingegriffen“ obwohl schon vorher Partei), war’s natürlich gut. Jeden weitere Diskussion erübrigt sich.
Feststeht genauso, dass das Gegenteil von Gut nicht Böse ist sondern das Gegenteil ist: „Ich hab’s ja nur gut gemeint!“ Insofern bauen die Amis permament Mist. Außerdem ist klar: Alle Kriege und Konflikte haben immer der Durchsetzung nakter Interessen (oder Ideologien) gedient, dafür hatte es nie einen CIA oder ein Pentagon gebraucht, auch keinen Schorsch Dabbelju und keinen Cheneyfeld. Und auch in Afghanistan ist es nicht anders. Ohne zynisch zu werden kann man ruhig sagen: Es ist besser, dort werden unsere Interessen durchgesetzt – im weitestens Sinn: „gehört zu uns“ – und als Sekundärnutzen wird auch noch ‚n bisschen Humanität, Bildung, Modernität und Abwesenheit archaischer Brutalitäten nach Afghanistan gebracht. Ich denke, das reicht, ich muss mir das nicht schöner reden als es ist.
Beste Grüße
Vogel
am 11. Februar 2008 um 22:06
@Ralf
, Du diskutierst ja auch an anderen Fronten zum Thema
keine Zeit für das angeregte Gedankenexperiment? Mich interessiert Deine Meinung und ich will’s noch‘mal verdeutlichen:
Freund
1. Wir (die USA und alle „Willigen“) wären nie hingegangen – 2. Wir werden einsichtig, sehen unseren Fehler ein, und ziehen uns kurzfristig zurück. Was wäre/wird aus Afghanistan geworden/werden?
Frei von der Leber weg, was ist das Ergebnis Deines Nachdenkens!
Beste Grüße
Vogel
am 13. Februar 2008 um 23:44
@Jörg
Dein wk2-einwurf insinuiert, daß die gegenwärtige us-invasion in afghanistan damit gerechtfertigt werden kann, daß die wk2-us-invasion in europa heilsam war. Damit kannst du dann aber auch eine zukünftige us-eroberung von kuba legitimieren.
am 13. Februar 2008 um 23:45
@Vogel
Nicht doch. Das lehne ich als unangemessen ab. Zuerst muß das Argument Pax2 widerlegt werden. Wenn Chomsky sagt, daß es eine hinreichend große Zahl – sagen wir n – möglicher humanitär motivierter und gleichwertiger Nato-Militäreinsätze gäbe, von denen nur einer stattfindet, aber n-1 nicht, diese jedoch in der paternalistischen Logik gutgemeinter Militärschläge stattfinden könnten, dann liegt die Beweislast doch bei den Kriegsbefürwortern. Bevor der Kriegsgegner Erklärungen zu Rückzugskonsequenzen in einem Fall abgibt, müßten die Kriegsbefürworter erklären, warum sie n-1 faches Unglück nicht beseitigen. Das können sie natürlich nicht, wenn Pax2 und Pax1 stimmen. Es sollte auch klarer geworden sein, daß die Form des Pax2-Argumentes Einwände aus WK2 – wie den von Jörg – nicht zuläßt. In einem Weltkrieg ist n naturgemäß sehr klein; m.E. ist n=1.
am 14. Februar 2008 um 09:42
@Ralf: Meine Frage sollte meine Vermutung überprüfen, ob die Meisten hier der Ansicht sind, US-Interventionen seien immer abzulehnen. Irgendwelche Rechtfertigungen sollten damit nicht versucht werden.
am 14. Februar 2008 um 23:03
@Ralf
ich steh‘ auf‘m Schlauch: Was meinst Du mit Pax 1 und 2? Soweit ich Dich verstehe sagst Du, jenseits aller Paxe, bevor Kriegsgegner Vermutungen über den Lauf der Dinge anstellen sollen erst‘mal Kriegsbefürworter sich erklären.
Gut, ich will nicht kneifen: „Kriegsbefürworter“, wenn sie ehrlich sind, müssen sich wie folgt oder ähnlich erklären: 1. In dem Land x herrschen Zustände, die spotten den Menschenrechten und den Grundwerten wie wir sie kennen. Im Interesse der Menschen dort, wie wir es verstehen und unterstellen, gehen wir dort jetzt hin und versuchen das abzustellen. Das Ganze wird dann noch mit Humanität usw. aufgehübscht. Ich halte das für einen diskutablen Ansatz. 2. In diesem Land x verbergen sich Gestalten, die unsere Werte nicht nur nicht gut heißen sondern die aus diesem Land heraus, mittelbar und unmittelbar, sich aktiv gegen uns und unsere Werte wenden. Das wollen wir nicht. Mangels stabiler Staatsgewalt in x (oder weil die Staatsgewalt in x diese gegen uns gerichteten Aktivitäten tolierert oder gar unterstützt) gehen wir dorthin und versuchen das abzustellen. Das Ganze wird dann noch mit etwas Pathos (und ggf. Religion!!) usw. aufgehübscht. Ich halte das für einen respektablen Ansatz (religiöse Gründe natürlich nicht!!). 3. Das Regime im Lande x und das Regiment, welches durch dieses dort ausgeübt wird, läuft unseren Interessen (gleich welcher Art: geopolitisch, geostrategisch, wirtschaftlich etc.) entgegen. Um unsere Interessen durchzusetzen gehen wir dort jetzt hin und versuchen ein uns genehmes Regime zu installieren. Das halte ich für verwerflich – aber: Leider menschlich! Beweis: So gehen die „Jungs von der anderen Seite“ ebenfalls vor, wenn Sie für sich 1. und 2. gegen uns beanspruchen! Bitte beachten: Die drei Argumentationsstränge laufen grundsätzlich in einander verwoben, auch teilweise zeitlich versetzt, ab, es sind aber (imho) immer diese drei Argumentationsstränge. Ich halte das für eine Binsenweisheit!
, jetzt bist Du dran: Bevor wir meine „Offenbarung“ ausdiskutieren lässt Du ebenfalls die Hose runter: 1. Wir (die USA und alle „Willigen“) wären nie hingegangen – 2. Wir werden einsichtig, sehen unseren Fehler ein, und ziehen uns kurzfristig zurück. Was wäre/wird aus Afghanistan geworden/werden?
So, Freund
Frei von der Leber weg, was ist das Ergebnis Deines Nachdenkens! Dann können wir versuchen, das eine gegen das andere abzuklopfen. Ist das okay für Dich?
Beste Grüße
Vogel
PS.: Ich halte die WK2-Frage von Jörg für legitim, er hat sich auch entsprechend erklärt. Leider ist es häufig so, dass grundsätzliche „Voreinstellungen“ Diskussionen erschweren. Daher ist seine Abprüfung a) angebracht und b) feinfühlig genug um eben den Blick für Prädispositionen freizumachen!
am 19. Februar 2008 um 19:40
@Ralf,
hallo, huhuu, Raaalf! *ruf*
Grüße
Vogel
PS.: Solltest Du kneifen werd‘ ich Dich verfolgen *grr*
am 12. März 2008 um 01:44
Edle Absichten, noble Träume, aber die Realität sieht anders aus.
Afghanistan ist ein großes, relativ dünn besiedeltes Land. Es gab dort interne Konflikte vor, während und nach der Taliban-Herrschaft, und es wird sie weiterhin geben. Die Koalitionstruppen sind hoffnungslos überfordert. In Craig Murrays Blog war zu lesen, nach den meisten Schätzungen würden ca. 600.000 Soldaten zur endgültigen und dauerhaften Niederwerfung der Taliban benötigt. Diese Zahl ist illusorisch. Die Wirklichkeit sieht so aus, dass zumindest die Briten ständig hinter einem mobilen Gegner herjagen – steht ein medienwirksamer Politiker-Besuch an, wird mal eben ein Ort „zurückerobert“.
(weiterlesen bei Craig Murray, „Groundhog Day“, http://www.craigmurray.org.uk/archives/2007/12/groundhog_day.html)
Dazu wird die Lage der Zivilbevölkerung wegen globar steigender Kornpreise immer schlechter. Das motiviert nicht gerade zur Reduktion des profitablen Opium- oder Marihuanaanbaus. Das Ausweichen auf letzteres wird als Sieg im Drogenkrieg verkauft.
(lesenswert: Informed Comment, http://icga.blogspot.com/)
Ostentativer Sinn und Zweck des Afghanistan-Unternehmens war es, Osama bin Laden zu fangen, den die Taliban angeblich nicht ausliefern wollten. Davon ist mittlerweile gar nicht mehr die Rede.
Ich mache mir keine Illusionen über die Rolle der Deutschen: Zumindest Spezialeinheiten sind längst im Kampfeinsatz, und hinter dem „Ausbilden von Polizisten“ steckt schlecht verhehltes Training und Ausrüsten von Paramilitärs, manche erst 16 und halbe Kinder.
Der Afghanistan-Krieg war von Anfang an völkerrechtlich illegal und moralisch fragwürdig. Mittlerweile ist er in all seinen Zielen gescheitert, abgesehen von den strategischen. Die Präsenz von westlichen Truppen und der Waffenhandel sind für Afghanistan ebenso schädlich wie im Irak. Die herrschende Clique in den Coalition-Staaten gibt ihre neuen Kolonien natürlich nur ungern auf.
am 12. März 2008 um 10:01
In wie fern siehst du eine Kolonie-Status für Afghanistan? Welche Ressourcen werden ausgebeutet, welche Gewinne erzielt?
Eine „dauerhafte Unterwerfung der Taliban“ wird nur durch kulturellen Wandel möglich sein, und den bereitet die Besatzung vor. Ich denke, wenn man 1947 schon Blogs gekannt hätte, wären die Prognosen für die Demokratisierung Deutschlands ähnlich schlecht gewesen.
Wenn die Preise für Getreide weltweit steigen, erhöht das die Attraktivität des Getreide-Anbaus statt des Mohn-Anbaus. Was soll daran schlecht sein?
am 4. November 2008 um 23:45
@Jörg
Diese fast kontradiktorische Gegenposition zu der deinigen, die Helmut Schmidt kürzlich in der ZEIT und in einem Interview ( http://www.zeit.de/video/player?videoID=20081023b05f2e ) formulierte, möchte ich Dir nicht ersparen:
Militäreinsätze
Was uns wirklich angeht – und was nicht
Von Helmut Schmidt | © DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
Afghanistan, Balkan, Afrika: Die militärischen Interventionen des Westens sind fragwürdig
Unter den knapp 200 Staaten der Welt gibt es heute über 70 friedenserhaltende oder Frieden schaffende transnationale Operationen und andere Interventionen. Nur ein Teil davon beruht auf UN-Mandaten. Seit Anfang der 1990er Jahre hat vornehmlich der Westen immer öfter und immer stärker in den verschiedensten Weltgegenden interveniert – vom Balkan über Afrika bis nach Asien. Der Grund für diese Häufung war das Ende der Ost-West-Konfrontation: Die Sowjetunion als gefährlicher möglicher Gegner hatte sich selbst aufgelöst, infolgedessen fiel eine bisher sehr wichtige Hemmung gegenüber solchen Interventionen weg. Viele Interventionen wurden mit hohem moralischen Anspruch begründet: mit einer transnationalen Pflicht zum Schutz von Menschenleben und Menschenrechten. Es ist an der Zeit, sich damit gründlich kritisch auseinanderzusetzen.
Einer der Gründe für meine Skepsis ist, daß ein Teil der Interventionen nicht allein aus humanitären, sondern auch aus politischen Gründen erfolgt ist. Ein politisches Motiv kann zwar humanitär oder völkerrechtlich bemäntelt sein; aber es bleibt Politik – und schnell können sich machtpolitische und auch imperiale Instinkte einmischen. Zum anderen erscheint es mir durchaus zweifelhaft, ob die Vielzahl der humanitären Interventionen im Ergebnis zu einer Vielzahl von Erfolgen geführt hat. Einige der eklatantesten Beispiele für Mißerfolge hat man in Ostafrika erlebt: Ruanda, Burundi und Somalia.
Ein dritter Aspekt ist, daß Interventionen, die moralisch gerechtfertigt oder sogar notwendig wären, gleichwohl unterbleiben, weil die Interessen einer Großmacht verletzt würden – oder weil sie zu viele Kräfte fordern würden. Man interveniert dort, wo man glaubt, auf nicht allzu viel Widerstand zu stoßen. Wo aber der Widerstand mit militärischer Gewalt gebrochen wird, leidet oft die unbeteiligte Zivilbevölkerung in hohem Maße; Irak, Afghanistan oder die Bomben auf die offene Stadt Belgrad sind Lehrbeispiele. Wo dagegen von vornherein harter Widerstand erwartet wird, dort unterläßt man lieber die Intervention. Insgesamt macht mir die Vielzahl der Interventionen den Eindruck eines weitgreifenden Opportunismus.
Wir sind dabei, die Kräfte der Bundeswehr zu überfordern
Jede militärische Intervention begegnet dem fundamentalen Einwand, daß das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates ein Kern des Völkerrechts ist. Es wird immerhin seit 350 Jahren, seit dem Frieden von Münster und Osnabrück, von den meisten Regierungen der Welt und von den allermeisten Staatsmännern und Staatsphilosophen der Welt theoretisch anerkannt, seit 1945 ist es in der Charta der UN verankert. Es gibt allerdings Ausnahmefälle, in denen das Souveränitätsprinzip durchbrochen werden muß; Hitlers Vernichtung der polnischen Juden wäre ein solcher Fall gewesen. Aber die Ausnahme darf nicht zur Regel werden. Wir Deutschen haben angesichts unserer Geschichte im 20. Jahrhundert gute Gründe, mit eigener Beteiligung an militärischen Interventionen zurückhaltend zu sein.
Grundsätzlich muß die Regel gelten, daß man keine Aufgaben übernehmen darf, für welche die eigenen Mittel nicht ausreichen können. Die eigenen Mittel – das meint vornehmlich die Bundeswehr. Sie ist ausgebildet und ausgestattet für die Verteidigung Deutschlands gegen einen feindlichen Angriff. Sie ist nicht darauf vorbereitet, irgendwo in Asien den Dorfrichter Adam zu spielen. Die englischen Militärs haben dergleichen in Indien und anderswo im viktorianischen Weltreich gelernt – wir Deutschen nicht. Wir sind mühsam dabei, das für Afghanistan zu lernen, wir haben es in Bosnien und im Kosovo mühsam auf die Beine gestellt. Insgesamt sind wir heute dabei, die Kräfte unserer Truppen zu überfordern.
Bisher hat es über die deutschen Beteiligungen an militärischen Interventionen keine ausreichende öffentliche Debatte gegeben, insbesondere keine Parlamentsdebatte, die tief genug geschürft hätte. Ich vermute, die Debatte wird nachgeholt werden, möglicherweise mit Ergebnissen, die für die Regierung nicht erfreulich sind. Die Bundeswehr ist aber doch ein Parlamentsheer! Als wir 1955/56 das Grundgesetz gründlich verändert haben, um die Bundeswehr voll einzubauen in die Struktur unserer Demokratie, war es das Parlament, das den Rahmen für die Armee geschaffen hat, nicht etwa die Regierung Adenauer. Es geschah vielmehr gegen den Willen Adenauers. Die Interventionen in Bosnien und im Kosovo, auch die Beteiligung an der Intervention in Afghanistan, waren zwar nicht von vornherein Parlamentsentscheidungen; aber ohne Beschluß des Bundestages kann kein deutscher Soldat im Ausland eingesetzt werden.
Bisweilen hört man, wir müßten uns aus Solidarität im Nato-Bündnis an militärischen Interventionen beteiligen. Das Argument paßt besser in die Nibelungensage als in die heutige Wirklichkeit. Denn das nordatlantische Bündnis war und ist ein Verteidigungsbündnis, nicht etwa ein Bündnis zur Umgestaltung der Welt. Solange es ein Verteidigungsbündnis bleibt, ist es erwünscht, weil für einen Notfall notwendig. Aber daraus ein Instrument zur Umgestaltung fremder Staaten zu machen, daran sollten wir nicht mitwirken, auch wenn von einigen Politikern oder Schreibern dergleichen als Ausdruck weltpolitischer Verantwortung dargestellt wird. Wo immer von weltpolitischer Verantwortung die Rede ist, dort muß man prüfen, was die eigentlichen Motive sind.
Zweifellos gibt es weltpolitische Verantwortung. Das zeigt zum Beispiel die gegenwärtige Finanzkrise. Wenn unsere Nachbarn und Partner etwas von uns erwarten, dann müssen wir in jedem Falle deren Erwartungen sorgfältig prüfen; und soweit wir sie für richtig halten, müssen wir versuchen, den Erwartungen entgegenzukommen. Allerdings sehe ich keinen ausreichenden Grund dafür, warum wir dem Wunsch der amerikanischen Bündnisvormacht hätten entsprechen und uns am Irakkrieg beteiligen sollen. Es war eine der beiden richtigen großen Entscheidungen, die Bundeskanzler Schröder getroffen hat, sich am Irakkrieg nicht zu beteiligen (die andere war die Agenda2010). Die Entscheidung war völkerrechtlich geboten, sie lag außerdem im deutschen Interesse. Die Rücksicht darauf, was unsere Verbündeten in Amerika, England oder Polen von uns erwarteten, mußte dagegen zurücktreten. Man darf aus der Nato nicht eine Art Oberregierung werden lassen. Die Nato ist aber vornehmlich ein strategisches Instrument der Amerikaner geworden, nach 1991 mehr als je zuvor.
Seit 1823 ist die Monroe-Doktrin ein ehrwürdiges Prinzip der Außenpolitik der Vereinigten Staaten gewesen. Sie besagte zweierlei: einmal, daß die Europäer von Nord- und Südamerika die Hände zu lassen hätten. Und zum anderen, daß die Amerikaner sich nicht um Europa kümmern würden. Die erste Hälfte der Monroe-Doktrin gilt noch heute: Die Amerikaner wollen nicht, daß die Europäer, die Russen, die Chinesen oder sonst jemand auf dem amerikanischen Kontinent Einfluß nehmen. Die zweite Hälfte aber ist ins Gegenteil verkehrt worden. Die Vereinigten Staaten beanspruchen mit Hilfe der Nato eine Führungsrolle in Europa. Und »Europa« definieren sie weit ausgreifend. Die Idee, die Ukraine und Georgien in die Nato aufzunehmen, stammt aus den USA. Nach den Reden einiger amerikanischer Zeitungen sind dafür menschenrechtliche Gesichtspunkte ausschlaggebend. Aber wenn man einen »neokonservativen« Strategen wie Robert Kagan liest, dann erkennt man die imperialen Motive, die dahinterstehen.
Es ist daran zu erinnern, daß die Nato, in deren Rahmen wir uns am Einsatz in Afghanistan beteiligen, ein Produkt des Nordatlantikvertrages ist. Der Nordatlantikvertrag hat im Artikel 6 ganz klare geographische Grenzen gezogen. Der Konflikt zwischen Argentinien und England über die Falklandinseln ging uns deshalb nicht an. Ein Gleiches gilt heute für einen Konflikt zwischen Rußland und Georgien. Der Balkan dagegen ist zwar ein Teil Europas, aber der Anlaß für die seit 1998 andauernde militärische Intervention des Westens war nicht ein Angriff auf einen Bündnispartner, sondern der blutige Zerfall des jugoslawischen Staates. Andererseits ist der Balkan immer schon – seit den Zeiten des römischen Kaisers Marcus Aurelius – ein unruhiger, umkämpfter Teil Europas gewesen; es wäre verwunderlich, wenn dort morgen der ewige Frieden anbräche. Unsere Konsequenz kann nur Zurückhaltung bei der Übernahme von Verpflichtungen sein. Zwar hat das westliche Eingreifen das Blutvergießen auf dem Balkan beendet, aber doch nur so lange, wie dort immer noch fremde Interventionstruppen stehen, darunter auch deutsche. In dem Augenblick, wo sie abgezogen würden, könnte man die Lage nicht mehr mit demselben Optimismus beurteilen.
Es ist relativ leicht, militärisch zu intervenieren, aber es ist keineswegs leicht, wieder abzuziehen, ohne ein Chaos zu hinterlassen – das sieht man im Irak, im Kosovo und in Bosnien. Man wird es auch in Afghanistan sehen. Niemand spricht heute davon, das Kosovo zu verlassen – aus guten Gründen; auch ich würde diese Konsequenz heute nicht ziehen wollen. Wenn man abziehen will, muß das sehr sorgfältig und langfristig so vorbereitet werden, daß danach geordnete Verhältnisse herrschen. Wenn hinterher Mord und Totschlag ausbrechen, war die Intervention falsch. Weil man das Eingeständnis scheut, bleibt man lieber. Im Falle Kosovo und Bosnien bleibt allerdings der schwerwiegende Mangel, daß die humanitär begründete Intervention völkerrechtlich ein Verstoß gegen die Charta der Vereinten Nationen gewesen ist (und die deutsche Beteiligung war außerdem ein Verstoß gegen den Zwei-plus-Vier-Vertrag, die völkerrechtliche Grundlage für unsere Wiedervereinigung). Mit diesem Makel müssen alle Beteiligten leben.
Die UN und ihr Sicherheitsrat können keinem Staat die Beteiligung an einer militärischen Intervention auferlegen; der Ministerrat des Nordatlantikvertrages oder der Generalsekretär der Nato könnten das erst recht nicht. Wohl aber durfte der UN-Sicherheitsrat 2001 die Intervention in Afghanistan legitimieren, weil dort offenkundig die Amerika angreifende und weltweit agierende terroristische al-Qaida ihre Basis hatte. Allerdings waren damals Art, Umfang und zeitliche Dauer der militärischen Intervention (und der Beteiligung daran) durchaus offen.
Am klügsten war Alexander der Große
Tatsächlich hatte die amerikanische Führung nur eine unzureichende Vorstellung von den Umständen, die sie in Afghanistan zu erwarten hatte. Es war ihr nicht bewußt, daß im Norden des Landes die Berge 3000 und 4000 Meter hoch sind, mit tief eingeschnittenen Tälern. Es war ihr nicht bewußt, daß viele Völkerschaften und noch mehr Stämme seit vielen hundert Jahren dort zwar gelernt haben, einigermaßen miteinander auszukommen, daß aber das islamisch geprägte Afghanistan als Staat nie wirklich regierbar gewesen ist und daß deshalb vielfach äußere Mächte eingegriffen haben. Der klügste Interventionist ist Alexander der Große gewesen; er kam von Westen, dem heutigen Iran, ins Land, und ging anschließend über den Khyberpass im Osten wieder hinaus. Die Engländer haben sich in Afghanistan zweimal eine blutige Nase geholt, mit Zehntausenden toter englischer und indischer Soldaten; die Sowjets haben sich dort ebenfalls eine blutige Nase geholt. Heute wird dort mit einer Truppenmasse interveniert, die nur etwa ein Drittel der sowjetischen Besatzungsarmee ausmacht; aber die Sowjets haben damals den Kürzeren gezogen.
Heute ist al-Qaida längst auf das Gebiet des gleichfalls islamischen Pakistan ausgewichen. Aber weil Pakistan fünf- oder sechsmal so viele Menschen hat wie Afghanistan und weil es eigene Atomwaffen und Raketen besitzt, denkt kein vernünftiger Mensch an eine Intervention dort. Wohl aber geht in Afghanistan der Kampf weiter – heute zumeist gegen die Taliban. Und die Zahl der Partisanen und Terroristen steigt.
Nur in Ausnahmefällen und höchstens punktuell kann man Terroristen erfolgreich mit militärischen Mitteln bekämpfen. Der islamistische Terrorismus hat durch mancherlei westliche Politiken und durch Interventionen in mehreren islamischen Ländern der Welt Zulauf gefunden. Er kann mit militärischen Mitteln nicht wirksam beendet werden. Viel eher ist auf eine Austrocknung durch respektvollen und klugen Umgang mit den vielen islamisch geprägten Völkern und ihren Staaten zu hoffen.
Unter allen gegenwärtigen weltpolitischen Sorgen ist für uns Europäer der seit langen Jahrzehnten anhaltende Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn wichtiger als die Konflikte am Hindukusch und im Kaukasus oder über eine angeblich beabsichtigte atomare Rüstung Irans oder über eine weitere Ausdehnung des nordatlantischen Bündnisses. Denn wenn es zu einem allgemeinen clash of civilizations zwischen dem Westen und dem islamisch geprägten Teil der Welt käme, ausgelöst durch Terroristen oder durch Akte der beteiligten Regierungen, dann würden wir Europäer darunter um ein Vielfaches mehr zu leiden haben als die Menschen in New York, Dallas oder Kalifornien. Deshalb müssen wir beständig dagegen auftreten, wenn der großen Zahl muslimisch geprägter Völker und Staaten vom Westen aus mit Argwohn und Ablehnung begegnet wird.
Was uns Deutsche aber vor allem anderen angeht, ist das Verhältnis zu unseren Nachbarn. Mit der Ausnahme Rußlands und Chinas oder Brasiliens haben wir mehr unmittelbare Nachbarn als irgendein anderer Staat der Welt. Alle Kriege, welche wir Deutschen in den vergangenen Jahrhunderten geführt haben, haben wir gegen unsere Nachbarn geführt. Die zentrale Lage Deutschlands erlegt uns die Aufgabe guter Nachbarschaft in höherem Maße auf, als sie anderen Völkern auferlegt ist. Wenn wir auf einer Insel lebten wie die Engländer, brauchten wir kaum gute Nachbarschaft zu pflegen. Wenn wir auf einer Halbinsel lebten wie die Spanier, hätten wir nur zwei Nachbarn. Aber wir haben neun unmittelbare Nachbarn, darunter die für uns besonders wichtigen Franzosen und Polen; dazu kommen außerdem noch die etwas weiter entfernten Russen, Engländer, Italiener und Schweden. Hier liegt für uns Deutsche eine dauernde, unglaublich schwierige Aufgabe.
Das Verhältnis zwischen den Franzosen und den Deutschen ist erstaunlich gut, aber wohl noch nicht endgültig gefestigt. Das Verhältnis zwischen den Niederländern und den Deutschen ist nicht ohne Probleme, auch das zwischen den Dänen und den Deutschen nicht. Das Verhältnis zwischen den Polen und den Deutschen ist nicht sehr gut, das Verhältnis zwischen den Tschechen und den Deutschen desgleichen. Wir werden auch am Ende dieses Jahrhunderts unmittelbare Nachbarn der Polen sein; sie werden weiter ihre polnische Sprache sprechen, ihre polnische Geschichtstradition, ihre polnische literarische Tradition pflegen, die Tschechen die ihren, wir Deutschen die unseren. Ich hoffe, daß wir gut miteinander auskommen. Gutnachbarliche Beziehungen zu unseren Nachbarn sind für uns Deutsche sehr viel wichtiger als die Beteiligung an Streit und Konflikten am Kaukasus, am Hindukusch oder in Tibet.
Es gibt Probleme in der Welt, die für uns nicht lösbar sind. Das gilt für die Politik und für die Strategie. Die lösbaren Probleme soll man lösen, wenn man dazu fähig ist. Die unlösbaren Fragen müssen wir mit Gelassenheit auf sich beruhen lassen.