Alice Schwarzer gibt keine Antwort
Es gibt Bücher, die lassen mich ratlos zurück. So sehr ich im Grunde das Anliegen des Werkes unterstützen möchte, so wenig kann ich es konkret tun. Ich hatte das Buch Die Antwort von Alice Schwarzer mit großen Erwartungen zur Hand genommen – und wurde enttäuscht. Eine Bestandsaufnahme dessen, was an Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft bereits erreicht wurde, hatte ich erwartet, eine Analyse der gegenwärtigen Probleme und Strukturen des Verhaltens von Menschen, soweit es durch ihr Geschlecht bestimmt ist. Aber nach der Lektüre des Buches weiß ich weder mehr über die Zustände im Lande, noch über die Sicht der bekanntesten deutschen Feministin auf diese Zustände.
Zu oft widerspricht sich die Autorin selbst, im kleinen wie im Großen.
Das zweite Kapitel las ich noch mit Gewinn: Alice Schwarzer argumentiert hier dafür, die „natürliche Unterscheidung“ zwischen „männlichem“ und „weiblichem“ Verhalten aufzugeben. Sie zitiert Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht.“ Wer nun erwartet, dass die Autorin im weiteren auch nicht von „den Männern“ die sich „typisch männlich“ und „den Frauen“ die sich entsprechend ihrer Weblichkeit verhalten, schreibt, sieht sich getäuscht. Frau Schwarzer hat offensichtlich just in dem Moment, in dem sie das dritte Kapitel zu schreiben begann, vergessen, was im zweiten stand.
Denn das ganze restliche Buch ist ein Angriff auf „die Männer“. Besonders massiv wird dieser Angriff in den Kapiteln über Pornographie, Prostitution und Gewalt in der Familie: „Die Männer, das (zwangs)pornographisierte Geschlecht…“, „Zwei von drei Männern haben also den Freierblick“, „Gewalt ist Männersache…“
Um diese Urteile zu untermauern, stellt Alice Schwarzer immer wieder haarsträubende Rechnungen auf, wobei es ihr nichts ausmacht, wenn sich die Zahlen auf der einen Seite mit denen auf der nächsten Seite widersprechen. So schreibt sie z.B. auf Seite 136:
Man schätzt die Zahl der Frauen in der Prostitution in Deutschland heute auf 250-400.000.
Wer „man“ ist, wer diese Zahlen ermittelt hat, erfährt der Leser nicht. Eine Seite weiter schreibt sie:
Gehen wir von einer unteren Grenze der Schätzungen aus, von 300.000 Prostituierten
Moment, waren es nicht eben noch 250.000? Wie Frau Schwarzer aus diesen 300.000 die zwei Drittel der Männer errechnet, die „Freier“ sind, ist eine mathematische Meisterleistung, die hier aber nicht im einzelnen gewürdigt werden kann, sie ist auf Seite 137 nachzuvollziehen.
Auf Seite 148 beklagt Frau Schwarzer zum Thema Gewalt in der Familie
umso absurder, dass fast nur Müttern wegen Kindesmisshandlungen der Prozess gemacht wird, von den Vätern jedoch kaum die Rede ist. Gewalt ist Männersache, privat wie öffentlich. So saßen im November 2006 76.000 Verurteilte in deutschen Gefängnissen, nur 3.800, also jede Zwanzigste, war eine Frau.
Man fragt sich besorgt, wie das möglich ist, dass fast nur Frauen der Prozess gemacht wird und dann doch fast nur Männer in den Gefängnissen sitzen – und man fragt sich auch, ob es in dem Verlag keine Lektoren gibt, die solche Merkwürdigkeiten (und vielleicht auch den seltsamen Satzbau) berichtigen könnten.
Was bewirken solche Pamphlete, die selbst Männer, die die Gleichberechtigung aller Menschen dringend befürworten, in eine Verteidigungs- und Rechtfertigungsposition bringen? Wer achtet noch auf Hinweise auf wirkliche Defizite in unserer Gesellschaft, wo solche Angriffe gefahren werden? Im lauten Geschrei der Berufs-Feministin geht das Anliegen unter. Denn natürlich gibt es noch Gewalt gegen Frauen in der Gesellschft, natürlich gibt es noch Zwangsprostitution, und beides muss mit allen Mitteln bekämpft werden, da es die Würde der betroffenen Menschen auf grausame Weise verletzt. Wenn aber Frau Schwarzer diese Tatsache zu einer Generalabrechnung mit allen Männern nutzt, instrumentalisiert sie diejenigen, als deren Anwalt sie sich ausgibt.
Und der spießige Normal-Pascha, der nicht im Traum auf die Idee käme, sich um Kinder-Erziehung und Haushalt zu kümmern, kann sich beruhigt zurücklehnen und zu seiner Frau sagen: „Schau, wie emanzipiert du bist. Ich schlag dich nicht, ich geh nicht in den Puff, ich schau keine Gewalt-Pornos – was willst du mehr?“
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/06/alice-schwarzer-gibt-keine-antwort/
am 6. Februar 2008 um 17:49
Genau deine Gedanken habe ich auch oft bei dieser Frau. Sie begeht die meisten Fehler, die sie der Männerwelt zuschreibt in ihrer Argumentation selbst. Das lässt zwar das Ziel nicht schlechter werden, wie viele meinen und sich eierkratzend zurücklehnen, aber eine Emanzipation auf solch wackelige Argumentation zu stützen ist mehr ein Angriff auf die Emanzipation, als auf die Männerwelt.
am 7. Februar 2008 um 05:20
@Jörg:
Ist alles In-Toppic…
Was die Sorgfaltspflicht der Verlage angeht, kennst Du das Buch von Bodo Schäfer „Der Weg zur finanziellen Freiheit -In sieben Jahren die erste Million“? Innerhalb dessen wird sogar ganz eindeutig zum Rechtsbruch aufgefordert/aufgerufen. Schwarz auf Weiss. Der Verlag rühmt sich sogar damit das Buch eine halbe Million mal verkauft zu haben. Soviel mal dazu (Nenn mir einen fähigen Juristen und ich mache dich den Juristen und mich innerhalb von einem Jahr, auf Kosten der Deutschen Verlage, derart reich, dass selbst unsere Kindeskinder nicht mehr arbeiten gehen müssen).
Zu Alice Schwarzer:
Wie so häufig unterliegt sie mittlerweile vermutlich dem geistigen Ruhestandsgedanken. Das ist sehr oft bei Personen zu beobachten, die einstmals honorige Ziele anstrebten. Wenn Sie in die Tage kommen, sind sie meist sehr enttäuscht darüber, wie wenig sie, ihres Erachtens nach, wirklich erreicht haben. Kleinste Rückschläge werden als direkter Angriff auf das Ideal gewertet. Und aus Enttäuschung darüber wie wenig das Publikum die eigenen Bemühungen durch Aktivität honoriert, nehmen sie einfach alles mit, was die eigene finanzielle Sicherheit steigert. Ist dem Publikum ja auch egal, oder?
Ich denke nicht, dass ihr klar ist in welchem Ausmass sie der Sache, die sie über Jahre auch recht konstruktiv/produktiv vertrat wie vorantrieb, mit solchen Werken demontiert resp. bleibenden Schaden zufügt.
Schlussendlich ist auch sie nur ein Kind ihrer arg kurzsichtigen Zeit
Gruß
am 7. Februar 2008 um 16:08
[…] Alice schwarzer gibt keine antwort So sehr ich im Grunde das Anliegen des Werkes unterstützen möchte, so wenig kann ich es konkret tun. Ich hatte das Buch Die Antwort von Alice Schwarzer mit großen Erwartungen zur Hand genommen – und wurde entt&A Submitted: 1 minute ago Category: News Submitter: RssFeed Website: http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de Report this link: Click here to report Comments: 0 […]