Ist Kim-Valerie Voigt dekadent?
Kim-Valerie Voigt ist die diesjährige Gewinnerin eines der umstrittensten Wettbewerbe der modernen Gesellschaft, sie ist Miss Germany 2008. Wohl jeder hat eine Meinung zu „Schönheitswettbewerben“, allerdings äußern sich zumeist nur die Gegner, seriöse Zeitungen wie die FAZ vermelden kühl und sachlich die schlichte Tatsache auf einer der inneren Seiten, die Fans der Veranstaltung bleiben unsichtbar und anonym.
Offensiven Gegnern und vor allem Gegnerinnen von Schönheitsköniginnen (wie Alice Schwarzer) müsste es jedoch zu Denken geben, in welcher Gesellschaft sie sich wiederfinden, wenn sie gegen Miss-Wahlen und ähnliche Zur-Schau-Stellungen der weiblichen Schönheit zu Felde ziehen.
Die ersten, die Miss-Wahlen verboten haben, waren die Nationalsozialisten. Sie untersagten auch der kurz vor der faschistischen Machtergreifung gewählten Charlotte Hartmann, zur Miss-Europe-Wahl nach Paris zu reisen. Miss Wahlen waren aus der Sicht der Nazis Ausdruck „jüdisch-bolschewistischer Dekadenz“.
Während es in der Bundesrepublik von Anfang an wieder Miss-Wahlen gab, blieben sie in der DDR verboten, hier wurden sie nun als Zeichen der „Erniedrigung und Ausbeutung der Frau durch den Kapitalismus“ verurteilt.
Historisch korrekt ist es also festzustellen, dass Miss-Wahlen nur in freien Gesellschaften, in denen sich auch die Freiheit und Selbstbestimmtheit der Frau allmählich entwickeln kann, entstanden und zur Tradition wurden. Argumentationen, die in diesem Veranstaltungen einen Versuch der Männerwelt sehen, die Frauen auf einen Waren-Aspekt zu reduzieren, unterschlagen, dass Frauen zumeist selbst entscheiden, dass sie sich einem solchen Wettbewerb stellen wollen. Es sind die selbstbewussten, zielstrebigen jungen Frauen, die um die Krone kämpfen, keine unterdrückten Sklavinnen. Genau deshalb untersagen totalitäre Machthaber, die die Frauen auf eine Funktion, ein Rädchen im Getriebe der Gesellschaft reduzieren wollen, diese Veranstaltungen.
Man kann persönlich Miss-Wahlen für verzichtbar halten – von dekadenter Vermarktung der Ware Frau kann aber keine Rede sein. Wer sie bekämpft, muss sich fragen lassen, ob er die jungen Frauen lieber unter der Burka sähe als im Bikini auf dem Laufsteg.
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am 4. Februar 2008 um 16:27
alles unterdrücken, was die Menschen seit jeher begeistert und fasziniert, so auch die weibliche Schönheit und ihre Auslese durch den Mann, kann und sollte man nicht.
Es gibt genügend Dinge in unserem Leben, die verboten oder stigmatisiert worden sind. In der modernen Zivilisation, die sich frei und aufgeklärt nennt, ist es trotz allen Freiheitsbewegungen noch eine Menge! Und wer darf sich schon frei nennen, der seine Freiheit nur im Unterdrücken von anderen bezieht?
am 4. Februar 2008 um 16:38
Ich stimme dir zu, aber die Argumentation kann ich nicht nachvollziehen, denn es würde doch folgendes bedeuten: Alles was die Nazi gut fanden, müssen wir schlecht finden, alles was sie verboten, müssen wir erlauben.
Ich denke eher, dass der zweite Teil des vorletzten Absatzes entscheident ist, dass es auf die Entscheidung der emanzipierten Frau und somit auf ihre Motivation ankommt. Denn trotz Naziverbot kann man durchaus gegen Misswahlen sein und auf die Zwänge in dieser Branche hinweisen, ohne sich gleich in eine zwanghafte Ecke zu stellen. Schwarzer will ja auch nicht staatlich-repressiv solche Wahlen verbieten, sondern das Frauenbild, dass eien solche Whal transportiert, diskutieren und das ist ein Unterschied.
am 4. Februar 2008 um 16:44
@sören onez: Man sollte aber immer kritisch prüfen, wer außer einem selbst noch für oder gegen etwas ist und sich fragen, warum man plötzlich mit bestimmten Ideologien übereinstimmt. Das ist ein legitimer Weg der Selbstkritik – zu welchen Ergebnissen man dann kommt, ist eine andere Frage.
am 4. Februar 2008 um 17:26
Genau das meine ich und kritisiere ich. Warum sollten Personen mich bei der Meinungsbildung beeinflussen? Die Argumente und Gründe anderer sind doch zu prüfen, nicht das Vorhandensein der gleichen oder anderen Meinung bei anderen. Sicher kann das einen selbstkritischen Prozess anstoßen, aber die kritische Prüfung sollte doch wohl Personen-ungebunden passieren, oder?
am 4. Februar 2008 um 18:17
Schön durch die Blume, dass muss der Neid dir lassen
Aber mal ernsthaft. Mir scheint das gewisse Menschen solcherlei traditionelle Veranstaltungen in Summe nur verurteilen, weil sie Angst davor haben, dass sie der beobachtbaren Oberflächlichkeit der Gemeinschaft zusätzlich Vorschub leisten.
Diese bedingt sich jedoch eher durch die fehlerhafte Spezialisierung. In der Realität, macht halt kaum ein Mann seine ernsthafte Beziehungsentscheidung an äußerlichen Merkmalen fest (und die, welche es doch tun, sind sicherlich öfter in Beate Uhse Läden anzutreffen, als in einer dauerhaften Beziehung).
Memo an mich: Aktionsgruppe gegen den von Coca Cola stammenden Weihnachtsmann Mythos gründen. Hierdurch müssen sich übergewichtige Bartträger zutiefst herabgesetzt fühlen (ich z.B.)!
am 5. Februar 2008 um 10:35
@Sören: Ablehnung oder Unterstützung von Handlungen anderer können natürlich ganz verschiedene Gründe haben, da kann es auch sein, dass man mal etwas ablehnt, was auch Leute ablehnen, mit denen man sonst nichts gemeinsam hat.
Oft ist man sich aber der wirklichen Gründe für eine Ablehnung gar nicht bewusst. Dann kann einen der Blick auf die Gesellschaft, in der man sich wiederfindet, schon mal stutzig machen.
Im Ergebnis muss man seine Ablehnung nicht unbedingt aufgegeben haben, aber man hat sie vielleicht besser fundiert. Wobei ich selbst meist mit meiner ersten provisorischen Rechtfertigung nicht zufrieden bin. Gerade, wenn man sich in Gesellschaft totalitärer Herrschaftsformen wiederfindet, muss man weiterfragen. Es ist ja auch interessant, zu überlegen, was die radikalen am linken und am rechten Rand denn für Begründungen geben.