Wer ist Michael Schmidt-Salomon?
Vorgestern stand es in der taz, ein religionskritisches Kinderbuch, soll indiziert werden: Wo bitte geht’s zu Gott?. Auch beim Spreeblick wird fleißig diskutiert. Das ist Grund genug, sich über den Autor des Buches Dr. Michael Schmidt-Salomon, ein Bild zu verschaffen.
Dr. Schmidt-Salomon ist, so steht es auf seiner Webseite,
ist freischaffender Philosoph und Schriftsteller, Musiker und Sozialwissenschaftler, außerdem Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung, der viele renommierte Wissenschaftler, Philosophen und Künstler angehören.
Die Giordano Bruno Stiftung fühlt sich der „Förderung des evolutionären Humanismus“ verpflichtet. Was darunter zu verstehen ist, kann man sich anhand einer Diskussion zwischen dem Kreationisten W.L. Craig und Michael Schmidt-Salomon zu der Frage „Existiert Gott?“ veranschaulichen, die auf der Seite der Stiftung dokumentiert ist.
Ich möchte hier nicht die einzelnen Argumente der Diskussionspartner verfolgen und kritisieren, was mir besonders auffiel, war nämlich nicht der Inhalt der Reden, sondern der Duktus, in dem sie vorgetragen wurden.
Craig argumentiert sachlich und logisch. Er stellt Thesen auf, die er zu begründen versucht, indem er plausible, aus seiner Sicht allgemein anerkannte Prämissen einführt, aus denen er, wie er meint, zwingend die Existenz Gottes ableitet.
Ein geschulter Philosoph, der Schmidt-Salomon zu sein vorgibt, müsste nun versuchen, die Prämissen zu widerlegen oder müsste zeigen, dass die Schlussfolgerung nicht zwingend aus den Prämissen folgt.
Auf den ersten Blick scheint es auch so, als ob Schmidt-Salomon dies täte. Beim genaueren Lesen fällt aber auf, dass seine Widerlegungen vor allem im Lächerlich-machen der Prämissen bestehen. Er unterstellt Craig einen „Kniff“, er sagt, ein Argument sei „rafiniert“, Craigs Fehlschluss ist „trivial“, er scheut auch nicht vor einem Gott-Hitler-Vergleich zurück, und fragt, ob jemand bereit sei, „Hitler als intelligenten Designer dieser Veranstaltung zu begreifen…“
Dabei entgeht ihm, dass seine eigene Argumentation wenigstens genauso viele Zusatzannahmen benötigt wie die von Craig, z.B. wenn er, um die Entstehung des Universums aus dem Nichts beim Urknall zu begründen, von einem „ewig existentes Vakuum [spricht], dessen Energiefluktuationen zu jenem inflationären Ereignis führten, das wir heute als Big Bang beschreiben.“
Die letzte These Craigs zum Beweis Gottes betrifft die „unmittelbare Gotteserfahrung der Menschen“. Auch hier fällt Schmidt-Salomon nichts anderes ein als das Lächerlichmachen: Er meint, mit diesem Argument „müsste jede Elvis-Erscheinung als Beleg für die leibliche Auferstehung des King of Rock’n Roll gewertet werden“. Den richtigen Ort für unmittelbare Gotteserfahrungen sieht er in psychatrischen Kliniken und zeigt damit, dass er einfach nicht verstanden hat, was Gläubige unter unmittelbarer Gotteserfahrung verstehen.
Auf diese Weise lässt sich ganz sicher nicht die Existenz Gottes widerlegen. Auf diese Weise lässt sich nur die Kluft zwischen Gläubigen und Atheisten vertiefen. Dies führt aber nicht zum Zurückdrängen von Religionen, das führt nur in eine tiefe Spaltung der Gesellschft.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/02/01/wer-ist-michael-schmidt-salomon/
am 2. Februar 2008 um 10:03
Der Christ weiß genauso wenig, wie es beim Urknall zuging, wie der Evolutionist. Pergament – ob nun Bibel oder Koran – wo die Ereignisse damals aufgeschrieben wurden, gab es jedenfalls nicht. Insofern gilt für uns schlicht und einfach ‚Bischof Ockhams Rasiermesser‘: Die These mit der geringsten Zahl von Prämisssen ist dann die ‚richtigere‘: Gott wäre in diesem Zusammenhang eine unnötige Zusatzannahme, eine überflüssige Prämisse, die nur die Sachlage bei der Weltentstehung unnötig komplizieren würde, weil dann ein infiniter Regress einsetzt: Und wer hat wiederum Gott geschaffen? usw. …
am 2. Februar 2008 um 13:23
wow, man verschafft sich ein bild über einen menschen, indem man seine webseite besucht und meint hinterher noch im internet eine überflüssige diskussion kommentieren zu müssen.
bravo.
am 2. Februar 2008 um 15:23
@Chat Atkins: Die Zahl der Zusatzannahmen ist bei Kreationisten und Atheisten gleich, denn es geht um die Frage: Welche Ursache hat der Urknall (oder was auch immer der Ausgangspunkt unseres Universums ist). Der Atheist sagt, irgend etwas wird halt vorher da gewesen sein (z.B. jene Energiefluktuationen im unendlichen Vakuum) der Kreationist sagt: Gott.
Den Wissenschaftlern müsste die Gott-Hypothese eigentlich gefallen, denn sie kann auch zur Erklärung vieler anderer Phänomene herangezogen werden, wie Craig ja zeigt.
@Sonstiges: Ich weiß nicht genau, was du mir vorwirfst mit deinem ironischen Kommentar. Ich habe versucht, mich mit dem Diskussions-Stil von Schmidt-Salomon anhand verfügbarer Dokumente auseinander zu setzen. Daraus habe ich ein Bild gewonnen – ja, aber das ist weder endgültig noch hat es den Anspruch, von jedem übernommen zu werden.
am 2. Februar 2008 um 15:44
Klar – ich könnte auch sagen, dass Gott gleich zu Anfang explodiert sei. Und das wäre dann der Urknall gewesen. Das vereint beide Annahmen.
Was mich so stinkig macht, ist das ich gerade gestern mal wieder zwei Zeugen Jehovas hier an der Haustür die Hölle heizen musste. Der eine wurde schlussendlich wirklich nachdenklich.
Im allgemeinen kommst du bei den verbohrten Naturen aber nicht weit, wenn sie rumsülzen, wie herrlich komplex doch die Welt sei, und dass es deswegen doch einen Gott geben müsse. Wenn ich dann sage, dass gerade am Anfang die Welt eben nicht komplex gewesen sei, sondern lauter Einzeller und Farnkraut und anderes Kroppzeug bestenfalls, kein Paradies weit und breit. Dass die Erde erst im Laufe der Jahrmillionen komplex wurde, dass also nur die Evolution wahrhaft ’schöpferisch‘ sei, dann irrt ihr Blick ab, weil sie innerlich nach Feuerholz für einen Scheiterhaufen suchen …
am 2. Februar 2008 um 15:51
Hallo Jörg,
wer Michael Schmidt-Salomon ist, hast du ja bereits recherchiert. Ich hatte Schmidt-Salomon vor einigen Wochen im TV auf 3Sat in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ (Thema: Die Wiederauferstehung des Atheismus?) gesehen und ihn dann im Zusammenhang mit Richard Dawkins und dessen religionskritischem Buch („Der Gotteswahn“) in einem Beitrag auf meinem Blog erwähnt.
Ich verstehe deinen Post aber so, dass es dir weniger um weitere Informationen zu der Person Schmidt-Salomon geht, als um eine methodische Einordnung seiner Beweisführung. Du befürchtest des weiteren durch diese Art der Argumentation eine Vertiefung der „Kluft zwischen Gläubigen und Atheisten“, bzw. „eine tiefe Spaltung der Gesellschaft“. Eine ähnliche Vermutung hatte ich auch in meinem damaligen Beitrag geäußert: „Findet hier also eine Polarisierung hin zu den beiden Enden des „Glaubens“-Spektrums statt?“ – kann also deine Argumentation nur unterstützen.
Wobei ich nicht von einer realen Spaltung der Gesellschaft sprechen würde, sondern davon, dass eine gemeinsame Gesprächsbasis der „beiden Pole“, hier konkret, Kreationisten auf der einen, und Atheisten auf der anderen Seite, immer weniger gesucht wird.
Was ich ganz gut finde an deinem Beitrag, ist, dass du die, mindestens eine handvoll unterschiedlicher Ebenen, die die Diskussion um das neue Kinderbuch Schmidt-Salomon`s beinhaltet (z.B. auf dem von dir angesprochenen Spreeblick) herunter gebrochen hast, auf (vorerst?) eine Frage. Unabhängig davon finde ich das von Michael Schmidt-Salomon aufgegriffene Thema der „Intoleranz“ * der drei abrahamitischen Weltreligionen wichtig und einer gesellschaftlichen Diskussion wert. Michael Schmidt-Salomon: „Es (das Buch) klärt über einige sehr zentrale Glaubensinhalte der drei abrahamitischen Religionen auf: die schreckliche Eifersucht Jahwes und seine hierauf gründenden, inhumanen Strafaktionen…).
Schmidt-Salomon greift damit eine vor einigen Jahren, von Jan Assman in seinem seinerzeit Aufsehen erregenden Buch „Die mosaische Unterscheidung“, vorgebrachte These, dass mit den drei monotheistischen Glaubenssystemen „die Gewalt als eine religiöse in die Welt gebracht worden sei“, auf. In ähnlicher Weise argumentiert auch Peter Sloterdijk in seinem neuesten Buch „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ Die Arbeit Schmidt-Salomon`s sollte also im Kontext einer umfassenderen Debatte beurteilt werden.
Grüße
Uwe
* „Intoleranz“ ist hier als wissenschaftliche Kennzeichnung und n i c h t als moralische Be- oder Abwertung zu verstehen, und beschreibt allein die den monotheistischen Religionen kohärente Unmöglichkeit (anders als z.B. im Hinduismus, bei dem dies problemlos möglich ist) der Integration weiterer Gottheiten in ihr Glaubenssystem („Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“).
am 2. Februar 2008 um 20:28
Hier ein Link zu der Sendung, von der Aki Arik gesprochen hat: http://www.sf.tv/sf1/sternstunden/index.php?docid=20070401
In der Tat scheint mir der Eifer, den er an den Tag legt, um die Menschen von ihrem Glauben abzubringen, nun ja, ziemlich missionarisch.
am 3. Februar 2008 um 16:02
Mir scheint, die Existenz eines Gottes kann genauso wenig bewiesen werden wie seine Nicht-Existenz. Gläubige haben für manches eine einfachere Erklärung, während Leute, die ohne Gott auskommen, bewusst oder unbewusst, viele Einzelannahmen machen müssen, die ebenfalls unbewiesen sind.
Gottlosigkeit ist, anders als Schmidt-Salomon es behauptet, auch nicht die friedlichere Lebensform. Gerade das 20 Jahrhundert hat uns gezeigt, dass man im Namen des Atheismus genauso brutale Kriege führen kann, wie im Namen Gottes. Und die atheistischen Eiferer und Fundamentalisten sind sicher nicht weniger gefährlich als die religiösen.
Schaut man auf der anderen Seite, wieviel Gutes im namen Gottes und wieviel Gutes im Namen des Atheismus getan wurde, hält sich die Bilanz ebenfalls die Waage. Viel Solidarität und Mitmenschlichkeit wird in Gottes Namen gezeigt, und viel Freiheit und Selbstbestimmung hat uns die Aufklärung gebracht.
Unterm Strich: Man sollte sich gegenseitig akzeptieren, und über Sachprobleme reden. Da können beide Seiten voneinander lernen und sich ergänzen. Das, was Lessing im Nathan über das Verhältnis der Religionen zueinander gesagt hat, gilt auch für das Verhältnis zwischen Atheisten und Gott-Gläubigen.
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an Tag
Zu legen!
am 5. Februar 2008 um 20:15
1. „Rettet, das Ferkel“ – d‘accord! Das Buch gehört mE in jeden Bücherschrank!
2. Marx hatte recht! Fällt mir noch der ewig gute G.C.Lichtenberg ein:
meine persönliche Meinung (bitte nicht kommentieren, jeder soll seine Meinung haben, Danke!): Glauben gehört verboten!
3. Dein Artikel, Jörg, gut – Nachvollzug der Diskussion S.-S. vs. Craig steht noch aus, verlass‘ mich ‚n bisschen auf Dich.
4. ChatAtkins: Lob, Lob, Lob für Deine #1. Sag‘ ich auch immer, hab’s nur nie so schön formulieren können wie Du. Merci!
Beste Grüße
Vogel
am 5. Februar 2008 um 21:14
1. „Rettet, das Ferkel“ – d‘accord! Das Buch gehört mE in jeden Bücherschrank!
2. Marx hatte recht! Fällt mir noch der ewig gute G.C.Lichtenberg ein:
meine persönliche Meinung (bitte nicht kommentieren, jeder soll seine Meinung haben, Danke!): Glauben gehört verboten! (Trotz anders lautender Kommentare oben = meine Meinung!)
3. Dein Artikel, Jörg, gut – Nachvollzug der Diskussion S.-S. vs. Craig steht noch aus, verlass‘ mich ‚n bisschen auf Dich. Btw Deine #7 bestätigt Hobbes & Co.?! *g* Es liegt also doch an den „Veranlagung“ des Menschen … ?!
4. ChatAtkins: Lob, Lob, Lob für Deine #1. Sag‘ ich auch immer, hab’s nur nie so schön formulieren können wie Du. Deine #4 ist auch sehr schön, besonders der Ein- und Ausstieg *lol*. Merci!
Beste Grüße
Vogel
PS.: Danke auch dafür, dass ich durch Deinen Artikel auf die GBS gestoßen bin und über die auf die http://www.religionsfreie-zone.de – durch die Karrikaturen und Bildgeschichten muss man sich einfach durchklicken – ich hab‘ Bauchschmerzen vor Lachen!
am 5. Februar 2008 um 22:24
@Jörg
kannst Du bitte die #8 killen? Ich hab’s ‚mal wieder fertiggebracht …
Danke!
Vogel