Jörg Friedrich


Paul Feyerabend und die Autorität der Wissenschaften

01. Februar 2008 Kategorie: Gesellschaft, Philosophie |

Es ist ziemlich genau 30 Jahre her, dass Paul Feyerabend, der Anarchist unter den Wissenschaftstheoretikern, die Autorität der Wissenschaften grundsätzlich in Frage stellte. In seinem Text „Die Wissenschaften in einer freien Gesellschfaft“ (abgedruckt in Der wissenschaftstheoretische Realismus und die Autorität der Wissenschaften, in diesem Zusammenhang auch lesenswert: Erkenntnis für freie Menschen.) schreibt er

Das Bild, das sich die breite Öffentlichkeit von der Wissenschaft macht, ist bestimmt durch den Eindruck technologischer Wunder … sowie durch ein etwas unbestimmtes aber dafür umso einflussreicheres Gerücht oder Märchen von der Weise, in der diese Wunder gewirkt werden.

Feyerabend gibt zunächst eine Zustandsbeschreibung des modernen, „ideologisch gereinigten“ Staates. Ideologien, Religionen, Mythen, Magie haben alle keinen unmitelbaren Einfluss mehr, sie können nur noch „durch Mehrheitsbeschluss“, demokratisch kontrolliert, Einfluss nehmen. Die einzige Ausnahme ist die Wissenschaft:

Staat und Ideologie, Staat und Kirche, Staat und Mythos sind scharf voneinander getrennt. Staat und Wissenschaft aber arbeiten eng zusammen.

Feyerabend beschreibt, wie sich die moderne Gesellschaft der Wissenschaft unterwirft, und er begründet das damit, dass die Wissenschaft ein „Märchen“ davon verbreitet, dass sie eben eine „erfolgreiche Methode“ besitzt.

Aber dieses Märchen ist falsch. Es gibt keine besondere Methode, die Erfolg garantiert oder wahrscheinlich macht. Wissenschaftler lösen Probleme nicht darum, weil sie einen methodologischen Zauberstab schwingen. Sehr oft lösen sie die Probleme überhaupt nicht, oder mit viel größeren Fehlern als ein Laie, der seinem gesunden Menschenverstand folgt.

Feyerabends Argumentation ist plausibel, und sie lässt sich durch viele – auch aktuelle – Beispiele belegen. Mögen die Naturwissenschaften noch hilfreich für die Konstruktionen der Ingenieure sein (wobei auch diese neben ihrer wissenschaftlichen Kenntnisse wie zu allen Zeiten auf Erfahrung, Probieren und gesunden Menschenverstand angewiesen sind) zeigt sich bei allen Wissenschaften, die sich mit dem menschlichen Organismus, dem menschlichen Verhalten oder dem menschlichen Zusammenleben beschäftigen, wie wenig effizient die wissenschaftlichen Methoden für erfolgreiches Handeln sind.

Feyerabend leitet daraus ab, dass die Wissenschaft durch Laien demokratisch kontrolliert werden muss:

Dass Irrtümer von Spezialisten durch Laien entdeckt werden können, ist die Grundannahme einer Gerichtsverhandlung von Geschworenen.

Dreißig Jahre sind seit dem vergangen – nichts hat sich geändert. Es gibt keine Trennung von Staat und Wissenschaft, es gibt keine demokratische Kontrolle der Forschung. Die Autorität der Wissenschaften ist ungebrochen.

Jedoch: Ein Fünkchen Hoffnung ist zu sehen. Die Basis für demokratische Strukturen ist die breite Verfügbarkeit von Informationen. Das Internet macht offensichtlich, was bisher durch die elitäre Informationspolitik der Wissenschaftler und ihrer Funktionäre verschleiert wurde: Dass es keinen systematischen Fortschritt gibt, dass es Widersprüche, Fehler und Irrwege gibt.

Heute wird für jeden offensichtlich, dass die Sicherheit, dass die Methode der Wissenschaft erfolgreich ist, ein Märchen ist. Das gibt Raum für Alternativen – und für die Forderung nach Entzauberung der Wissenschaften.


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3 Kommentare to “ Paul Feyerabend und die Autorität der Wissenschaften ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Musste gerade an den Witz denken: Früher begannen Märchen mit „Es war einmal…“, heute beginnen sie mit „Amerikanische Forscher haben herausgefunden…“

    Ich stimme Forderungen nach Unabhängigkeit und besserer demokratischer Kontrolle der Wissenschaft gerne zu, möchte aber doch noch einmal den Wert eines wissenschaftlichen Ansatzes hervorheben als Gegensatz zu religiösen Wahrheitsansprüchen oder Aberglaube.
    Dass die Wissenschaft nicht alle Ansprüche erfüllen kann, die an sie gestellt werden, dass sie von manchem (auch Wissenschaftler selbst, genannt sei z.B. Richard Dawkins) glorifiziert wird, liegt vor allem an den Ansprüchen. Die Wissenschaft erlöst den Einzelnen nicht von der Pflicht, selbst immer wieder die Wahrheit für sich zu entdecken.

  2. # 2 Michael Kostic schreibt:

    @Jörg:

    Volltreffer!

    @Fragezeichner:

    - Musste gerade an den Witz denken: Früher begannen Märchen mit „Es war einmal…“, heute beginnen sie mit „Amerikanische Forscher haben herausgefunden…“

    - Hier mal so wie sich das in USA darstellt: Früher begannen Märchen mit „Vor langer, langer Zeit…“, heute beginnen sie mit „Deutsche Forscher haben herausgefunden…“
    (Ich hab das originale Posting nicht wiedergefunden.)

    „…, möchte aber doch noch einmal den Wert eines wissenschaftlichen Ansatzes hervorheben als Gegensatz zu religiösen Wahrheitsansprüchen oder Aberglaube.“

    Grundsätzlich Dito. Was mich aber extrem stört, seitdem ich mal in diese „Blackbox“ (Mechanismus Universität) tiefer herein schauen konnte, ist der enorme Einfluss der Industrie- und/oder Wirtschaftsverbände bzw. deren getarnter Vertreter.

    Dies war aber auch die Zeit in der ich entdeckte was unsere Wissenschaftler alles zu Tage fördern könnten, wenn wir sie einfach vor sich hin werkeln ließen (Natürlich unter oben definierter demokratischer Aufsicht)! Wow, Wahnsinn, „ist es nicht wunderbar?“,…

    Gruß

  3. # 3 UriShare - Paul feyerabend und die autoritt der wissens schreibt:

    […] Paul feyerabend und die autoritt der wissensDas Bild, das sich die breite Öffentlichkeit von der Wissenschaft macht, ist bestimmt durch den Eindruck technologischer Wunder … sowie durch ein etwas unbestimmtes aber dafür umso einflussreicheres GerÃ&frac14 Submitted: 3 days ago Category: Science Submitter: RssFeed Website: http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de Report this link: Click here to report Comments: 0 […]

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