Kaffee schützt vor Krebs – vor allem Alkoholiker
In den letzten Tagen berichten verschiedene Medien über neueste Forschungsergebnisse, nach denen der Genuss von Kaffee das Risiko von Krebserkrankungen mindert.
Blättert man im Umfeld solcher Nachrichten, wird auch gleich noch mit anderen sicher geglaubten Weisheiten aufgeräumt, z.B. mit der, dass Kaffee dem Körper Flüssigkeit entziehen würde. Da im Internet auch ältere, nun offensichtlich nicht mehr aktuelle Forschungsergebnisse verfügbar sind, kommt man schnell ins Grübeln: Kann man überhaupt noch irgend etwas glauben? Kann man nicht – insbesondere per Internet-Recherche – alles plausibel belegen, was man gerne glauben möchte?
Vor allem räumen solche neuen Meldungen, sieht man sie zusammen mit auch noch nicht ganz alten, aber völlig anders lautenden Berichten, mit einem lieb gewonnenen Glauben auf: dass Wissenschaft uns irgend welche sicheren Gewissheiten liefern könnte über das, was richtiges Handeln ist, über die Frage, wie wir gesund, gut, nachhaltig, gerecht oder sonstwie positiv leben könnten. Manches, was uns die Wissenschaften, sei es die Medizin, die Psychologie, die Ökonomie oder die Soziologie verkündet, erscheint uns plausibel, und wir richten uns danach. Wir wollten ohnehin so handeln, nun wissen wir auch warum.
Manches ist so offensichtlich, dass wir dazu keine Wissenschaft brauchen: Man beobachtet jemanden, der jahrelang stark geraucht hat, hört seinen Husten, sieht seine verblichene Haut und sagt sich: das kann nicht gesund sein. Man sieht rauchende Schornsteine, qualmende Auspuffe und sagt sich: das kann der Umwelt nur schaden.
Anderes ist eben nicht so offensichtlich, aber dafür schlagzeilenträchtig. Dann werden komplexe wissenschaftliche Forschungen von Zeitungen und im Radio gern mal auf eine schmissige Meldung verkürzt.
Paul Feyerabend war Anfang der 1970er Jahre zu der Einsicht gekommen, dass der Wissenschaft keine höhere Autorität gebührt als anderen Kulturtechniken. Vor allem sollte man sie nicht über den gesunden Menschenverstand stellen. Auch der kann trügerisch sein, aber die Wissenschaften nicht minder. Bei denen merkt man es bloß nicht so schnell.
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am 30. Januar 2008 um 18:59
„Kann man nicht – insbesondere per Internet-Recherche – alles plausibel belegen, was man gerne glauben möchte?“
Oberflächlich ja. Aber man kann es auch oberflächlich gleich widerlegen. Die Wissenschaft hat ja auch Kontrollmechanismen, die gute Arbeit von Pfusch trennt. Nur eine einzelne Studie zu zitieren oder zu verlinken, ist deshalb noch lange kein Beleg.
Ich würde aber mal vermuten, dass es möglich ist – wenn man Zeit in gewissenhafte Recherche investiert – aus einer Vielzahl von verschiedenen wissenschaftlichen Quellen zum gleichen Thema ein Bild zu gewinnen, dass der Wahrheit zumindest sehr nahe kommt.
Gesunder Menschenverstand ist zwar eine unschätzbare Eigenschaft, aber in Diskussionen reicht der nun mal nicht aus, um Andersdenkende zu überzeugen. Der wissenschaftliche Ansatz ist nun mal die gemeinsame logische Grundlage der Kommunikation.
am 30. Januar 2008 um 20:54
Natürlich ist der wissenschaftliche Ansatz die gemeinsame logische Grundlage der Kommunikation. Ein sehr wichtiger Satz!
Umso ärgerlicher ist es, das eine solche Studie nicht selten kurze Zeit später von einer anderen widerlegt wird. Da so ziemlich jedes Lebens- oder Genußmittel bereits auf irgendeine Art und Weise als schädlich entlarvt wurde, sehe ich solche Meldungen mittlerweile ziemlich gelassen.
am 31. Januar 2008 um 08:42
„Da so ziemlich jedes Lebens- oder Genußmittel bereits auf irgendeine Art und Weise als schädlich entlarvt wurde, sehe ich solche Meldungen mittlerweile ziemlich gelassen.“
Sehe ich genau so. Mal soll man kein Fleisch essen, weil irgendwelche Keime drin sind, dann mal keinen Kaffee trinken. Mal ist das Glas Rotwein am Abend ein Zeichen von Alkoholismus, mal von Stil…. usw.
Ist nun mal schwerer einen Wissenschaftler als Quacksalber zu entlarven als einen Polotiker
am 31. Januar 2008 um 08:51
@Fragezeichner „Gesunder Menschenverstand ist zwar eine unschätzbare Eigenschaft, aber in Diskussionen reicht der nun mal nicht aus, um Andersdenkende zu überzeugen. Der wissenschaftliche Ansatz ist nun mal die gemeinsame logische Grundlage der Kommunikation.“
Paul Feyerabend argumentiert diesbezüglich so: (so hab ich das zumindest verstanden) Man entscheidet mit gesunden Menschenverstand was richtig ist und benutzt dann die wissenschaftlichen Methoden um die anderen zu überzeugen. Seiner Ansicht nach funktioniert so Wissenschaft, und er belegt das mit historischen Beispielen zb. Galileo Galilei. (Das nur ein Teilaspekt seiner Theorie)
am 31. Januar 2008 um 09:14
@Flowow: ja, so meinte ich das auch. Besteht allerdings die Gefahr, dass man sich in eine Idee verrennt, alle Indizien ausblendet, die dagegen sprechen und etwas falsches zu belegen versucht, anstatt ergebnisoffen zu suchen. Wissenschaftliche Ergebnisse sollten ja stets falsifizierbar sein und weiterentwickelt werden können (siehe K.Popper). Dazu gehört auch die Unabhängigkeit der Wissenschaft, die ja sehr oft nicht mehr gegeben ist.
am 31. Januar 2008 um 10:00
@Jörg:
Da kann man mal sehen was dabei herauskommt, wenn die Medienverantwortlichen nicht mehr zwischen Wissenschaft und Wirtschaftsforschung differenzieren können. Wobei das mittlerweile auch eingeweihten Kreisen, reichlich schwer fallen mag
Das was Du hier darstellst ist im Übrigen, gerade im Umgang mit Nachwuchs, richtig schwer. Sich selbst eine Meinung (individuelle Realitätsabbildung) zu erarbeiten ist ja in unserer informationsüberfluteten Gesellschaft schwer genug, dem Nachwuchs dies beizubiegen setzt profunde Kenntnisse voraus…
Gruß
am 31. Januar 2008 um 10:02
Der wissenschaftliche Ansatz ist ein allgemein akzeptiertes Verfahren zur Rechtfertigung von Überzeugungen in unserer Gesellschaft. Er ist allerdings hoch problematisch, insbesondere bei allem, was auf das tägliche Handeln der Menschen Einfluss hat (medizinische, psychologische, soziologische und ökonomische Erkenntnisse), da es zu jedem Sachverhalt zumeist gleich plausible, gegensätzliche wissenschaftliche Theorien gibt. Und wo das nicht der Fall ist, kann man aus der Erfahrung darauf wetten, dass es bald eine Theorie geben wird, die das Gegenteil der bisherigen belegt.
Eingeschränkt wird das nur, wenn die Überzeugunge derer betroffen sind, die die Forschung finanzieren. Hätte z.B. ein Wissenschaftler ernsthaft die Vermutung, dass Alkoholkonsum gesundheitsfördernd ist und wollte dies mit einem teuren klinischen Forschungsprogramm belegen, würde er es schwer haben, die nötigen Mittel zu bekommen.
Ich werde mir den Feyerabend-Aufsatz zur Autorität der Wissenschaft heute Abend noch mal raussuchen. Vielleicht schreibe ich dann noch mal was genaueres zu dem Thema.
am 31. Januar 2008 um 10:04
@Michael: Wem sagst du das. Einerseits brauchen wir Autoritäten, andererseits müssen wir eine gesunde Autoritäts-Kompetenz entwickeln.
am 9. September 2008 um 20:06
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