Kunstverständnis: Regeln oder Intuition
Kann man ästhetisches Urteilen lernen wie das Fahren eines Autos? Oder ist der Geschmack angeboren? Oder stimmt keines von beidem, lernt man, schönes, anmutiges, elegantes zu erkennen, indem man immer wieder Beispiele dafür gezeigt bekommt?
Frank Sibley, ein amerikanischer Philosoph, hat vor allem in den 1960er Jahren einige Aufsätze über das ästhetische Urteil geschrieben, die in den USA eine lange und kontroverse Diskussion ausgelöst haben, die aber erst Jahre später, und dann auch nur für kurze Zeit, in Europa wahrgenommen wurde. Das ist sehr schade, und die Fragen, die damals aufgeworfen wurden, sind sicher bis heute noch nicht abschließend diskutiert.
Zum Wochenende gibt es hier einen ca. 15seitigen Artikel über die Sibley-Diskussion zum Herunterladen. Wer sich die Zeit nimmt, ihn zu lesen, und dann auch noch einen Kommentar abgibt, kann meines Dankes schon jetzt gewiss sein.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/01/25/kunstverstandnis-regeln-oder-intuition/
am 27. Januar 2008 um 22:25
Jörg, es scheint klar zu sein, daß jeder ästhetische Urteile fällen kann. Die Leute tun es ja auch andauernd und ziehen sich – wenn ihre jeweilige Aussage unter Beschuß gerät – auf die Formel, daß das ganze ja Geschmackssache sei, zurück. Um verläßliche und substantielle ästhetische Urteile abzugeben, muß man zweifellos Kennerschaft besitzen, die u.U. auf jahrelangem Interesse fußt oder sogar einer jahrzehntelangen Ausbildung bedarf. Eine beliebte Alternative besteht darin, sich auf Urteile von nachweislichen Kennern zu berufen, womit die Frage der Gültigkeit ihrer Autorität aufgeworfen wird.
Zunächst zu den Fällen, in denen es unvernünftig wäre, die Autorität der Kenner zu bestreiten, Ich möchte Beispiele aus der automobilen Formensprache heranziehen, um weiteren Lesern den Einstieg in die Diskussion zu erleichtern. Betrachten wir einmal den Mini von BMW und den New Beetle von VW. Das sind zweifellos schicke moderne Autos, deren Fahrern – vor allem Frauen und junge Männer – es entweder egal ist oder unbekannt ist, daß es sich um Imitationen handelt. Diese Autos sind pftiffig, aber sie sind so „retro“, daß („fortschritt“-liche) Kenner eine Anschaffung nicht ernsthaft in Erwägung ziehen werden. Um eine Selbst-Imitation, ein Retro-Design, zu erkennen, muß man halt von der Geschichte der (automobilen) Formensprache Kenntnis haben. Kenner haben sie gewiß. Daß Männer sie bei Autos in stärkerem Maße besitzen als Frauen, überrascht niemanden. Frauen bringen oft eine andere Stärke ein, die mit der Infragestellung der Autorität der Kenner und Könner zu tun hat.
Jetzt kommt also der Fall ins Spiel, wo Kenner in die Gefahr laufen, dem Renommee der großen Namen und der Autorität der Großkritiker zu erliegen. Betrachten wir den BMW Z4 und den Porsche Boxter, die ein begeisterter Kenner als gelungene Formen klassifizieren mag. Eine in der Geschichte dieser Formensprache weitgehend vorbildungslose, keine automobile Autorität anerkennende, aber allgemeingebildete Betrachterin ist zu folgenden respektlosen, aber nachvollziehbaren Urteilen in der Lage:
) muß der Kritik der unvoreingenommenen Fremdgutachterin recht geben. Renommee oder Autorität hatten ihn in den Bann gezogen, aber sobald seine Gesprächspartnerin ihr kühles Urteil, das einen ästhetischen und einen nicht-ästhetischen Anteil enthält, ausgesprochen hat, sieht er augenblicklich ein, daß diese Designs eben doch leicht mißproportioniert sind.
a) BMW Z4. „Häßlich, denn: Sieht hinten aus wie eine Wanze.“
b) Porsche Boxter: „Häßlich, denn: Sieht mit Verdeck aus wie ein nasser Erpel.“
Der automobile Kenner (sofern er zoologische Kenntnisse mitbringt
Ich habe also erst einmal zwei Fälle vorgeführt:
1. Das Urteil der Kenner ist einvernehmlich (durch Kenntnis der Formengeschichte wird z.B. Imitation mühelos erkannt), allerdings ist solches Wissen leicht erlernbar.
2. Das Kenner-Urteil ist korrekturbedürftig (ein ästhetisches Urteil des dialektischen Diskurs-Duos Kenner+“Laie“ ist dem des Kenners überlegen).
Was bleibt von der Autorität der Kennerschaft? Ist sie durch einen hinreichend großen Diskursraum sicherzustellen? Reicht es aus, wenn der Diskurs (wie in der modernen Kunst) nur noch im Kenner- (und Sammler-) Milieu stattfindet?
am 28. Januar 2008 um 16:41
Ich möchte mich Deiner letzten beiden Fragen heute noch nicht annehmen sondern erst einmal an deinem Beispiel diskutieren.
1. Kenntnis der Formengeschichte wird eben nicht helfen, ein ästhetisches Urteil zu fällen, weil „retro“ nicht gleich „unförmig, hässlich“ bedeuten muss. „War schon mal da, ist eine Imitation“ ist kein ästhetisches Urteil.
2. Der Kenner, auch wenn er zoologische Kenntnisse hat, wird die Ähnlichkeit des BMW Z4 mit einer Wanze schlicht bestreiten. Die Person, die den Vergleich geführt hat, wird dann genauer sagen, was an dem Auto sie an eine Wanze erinnert, aber da wird der Kenner vermutlich antworten, dass die kleinen Unterschiede in der Form genau entscheidend sind, dass sie es sind, die eine Wanze abstoßend, den Z4 aber sexy machen.
am 30. Januar 2008 um 23:59
Vorbemerkung: Ästhetische Urteile im Bereich der Architektur und des Industrie-Designs beinhalten – anders als in der Kunst – noch ein besonderes Moment, nämlich das der Funktionalität der Formelemente. Man erkennt das am berühmten Aufruf „Form follows function“. Ob die Form durch die Funktionalität strikt oder nur ein bißchen legimitiert werden muß, ist eine Streitfrage. Ein Beispiel: Die Funktionalitätsgebundenheit der Formgebung, die ich übrigens für quantitativ erfaßbar halte, ist bei Audi sehr strikt und bei BMW, die einen gewissen Hang zu barocken Formen haben, deutlich schwächer.
zu 1: Ja, „retro“ ist kein ästhetisches Urteil, wenn es als Wiederholung verstanden wird. Es ist aber klar, daß retro als pejorativer Begriff gebraucht wird. Er sagt also mehr als Kopie und Wiederholung. Die meisten Kenner lehnen retro ab, weil es unoriginell und anspruchslos ist und viele würden retro als häßlich bezeichnen. Das ist aber noch nicht alles. Dem Wesen nach sind z.B. Kunstrepliken oft gerade das Gegenteil von häßlich, denn die Schönheit des Vorbildes ist ja meist der Anlaß für die Kopie. Auch eine nützliche, lange vergessene, uralte Form, die neu entdeckt wird, ist keinesfalls retro. Hier ein Definitionsversuch auf der Basis obiger Vorbemerkung: „Retro ist die funktional unmotivierte oder unbegründete Imitation.“ (also bei Autos etwa die nostalgisch motivierte Neuauflage einer alten Formgebung, die z.B. zu schlechterer Aerodynamik, kleinerem Kofferraum etc. führt).
zu 2. Ich bin selber ein Beispiel für einen, der es sofort eingesehen und nicht bestritten hat. Kleine Unterschiede sind übrigens vollkommen unmaßgeblich, das ist ja gerade der Witz: Die Formen, um die es hier geht, verlangen den Begriff der Gestalt und des Archetypus. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß auch Kinder diese Gestalten erkennen. Die Architekturkritik „Schwangere Auster“ ist übrigens ein allseits bekanntes Beispiel gleichen Kalibers.
am 4. Februar 2008 um 23:56
Nachtrag:
Die Architekturkritik der „Waschmaschine“ für das Berliner Kanzleramt ist vielleicht noch ein eingängigeres Beispiel für die humorvolle Entlarvung eines unglücklichen Designs aus dem Volksmund. http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/240/91149/