Fasching und Holocaust-Gedenken in München
Jedes Jahr ist acht Tage vor Rosenmontag in München Fasching, jedenfalls war es 2006 so und 2007 auch. Und auch in diesem Jahr soll es so sein: am kommenden Sonntag, dem 27.01., werden 2.000 lustige verkleidete Menschen durch die Stadt ziehen.
Der 27.01. ist allerding ein historisch belastetes Datum. Darf man an einem solchen Tag fröhlich sein, sich verkleiden, Dummheiten machen, feiern?
Wahrscheinlich hat nicht jeder, der Faschings-Termine plant, sofort in Erinnerung, dass am 27.01.1945 das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde, weshalb der Tag bereits 1996 in Deutschland zur Holocaust-Gedenktag proklamiert wurde, 2005 ist er auch von der UNO zum Gedenktag erklärt worden. Aus diesem Grunde hat sich nun der Zentralrat der Juden in Deutschland empört über die Terminwahl der Münchener Jecken gezeigt. Das Gedenken an die jüdischen Opfer des Faschismus ist mit einem Faschingsumzug unvereinbar.
Die Befreiung der Überlebenden des Holocaust ist auf jeden Fall ein Ereignis, das Anlass zur Freude ist. Es war ein wichtiger Schritt im Kampf gegen die deutschen Faschisten, es hat viele Menschen vor dem Tode bewahrt. Durch die Niederlage des deutschen Nationalsozialismus ist es möglich geworden, dass wir heute wieder unbeschwert gemeinsam – unabhängig von unserer Nationalität, unserer Abstammung und unserem Glauben, Feste feiern können. Wäre es wirklich im Sinne der Opfer, dies ihretwegen nicht zu tun?
Natürlich ist es wichtig, die Erinnerung an die unmenschliche Zeit wach zu halten, die erst vor etwas mehr als 60 Jahren zu Ende ging. Es ist auch gut, über den Zusammenhang und über die Ambivalenz von Trauer über das unermessliche Leid und Freude am eigenen Leben nachzudenken. Die Tatsache, dass der Faschings-Termin in München in diesem Jahr mit dem Holocaust-Gedenktag, mit dem Jahrestag der Befreiung der Überlebenden von Auschwitz zusammenfällt, kann so ein Anlass sein.
Deshalb ist Empörung hier fehl am Platze. Wir sollten uns dem Konflikt stellen, der sich aus der Tatsache ergibt, dass wir leben und lachen, auch wenn Millionen durch unsere Urgroßeltern-Generation ermordet wurden. Empörung provoziert auf der Seite derer, die den Fasching geplant haben und feiern wollen, nur Rechtfertigungs-Reaktionen. Erinnerung und die Bitte, über das Feiern das Gedenken nicht zu vergessen, wäre sicherlich eher im Sinne derer, die den Holocaust nicht überlebten.
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http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/01/25/fasching-und-holocaust-gedenken-in-munchen/
am 26. Januar 2008 um 07:18
Es ist eine Schande. Immer und immer wieder erfüllt mich das Verhalten der „Ewig Gestrigen“ mit Trauer und Wut. Sie beschweren, empören und beklagen sich darüber, dass dieses geschundene Volk existieren will. Vergessen derweil aber das zu tun, was im Sinn der Sache sehr viel angebrachter wäre. Die Aufklärung über das Geschehene analytisch voran zu treiben.
Selbst Enkel eines Opfers war ich als Hier geborener, in meiner Oberschulzeit, nicht in einer der Gedenkstätten, weil es laut Programm wohl wichtigeres gab. Gab es das wirklich? Nein, ich denke nicht.
Mein Freund aus Kindheitstagen, Enkel eines Frontsoldaten, in der Fremde geboren, war in seiner Oberschulzeit in Auschwitz, weil es dort so im Programm stand. Er kam zu mir und empörte sich über die unflätige Art und Weise in der sich seine Klassenkameraden und Innen aus der Fremde, an diesem grausamen Ort verhalten hätten (und wusste zu der Zeit nicht, welch Menschen Kind ich bin)!
In dem Jahr als wir beide das Licht Welt erblickten geschah auch dies:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Welle_%28Roman%29
Doch wo ist das Verstehen? In der mit offensichtlich aller Gewalt herbeigeführten Polarisierung, zwischen dem billigen GUT und BÖSE? Wer wollte ermessen wie viel Leid unsere Spezies ihren eigenen Artgenossen beigefügt hat, in den letzten 2000 Jahren? Wer wollte beurteilen welchem geschlachteten Volk wir mehr, und welchem weniger Gedenken sollten? Die Hinterbliebenen? Die welche sich nicht mit Schuld besudelten? Die welche sich noch mit Schuld in anderer Richtung besudeln wollen? Die ewig Gestrigen, die ihrem Leben noch immer keine neu Richtung, kein neues Ziel geben können?
Öffnet die Augen und den Geist, die welche ihr wie wir alle, die Nachfahren der Opfer und Täter seit. Erforscht die Hintergründe, die Ursachen und die Rahmenbedingungen für solcherlei Taten. Geht sachlich und gerecht in‘s Gericht mit allen Beteiligten, wie auch euch selbst.
Und vor allem anderen vergesst niemals:
„Solange auch nur ein Mensch hungern muss, damit andere es nicht müssen, laden wir alle unermessliche Schuld auf uns!“
Am Sonntag den 27. Januar werden meine Gedanken nicht bei meiner Großmutter sein, die so elendig verstümmelt, misshandelt und letztlich vergast wurde. Ich werde auch nicht in bunte Gewänder gehüllt, durch die Straßen tanzen (dies jedoch nur, weil es nicht meinem Wesen entspricht). Mich selbst sammelnd werde ich mich in Gedanken auf den Morgen des darauf folgenden Tages vorbereiten, an dem wir, wie schon seit geraumer Zeit, für fünf Kinder die Pausenbrote für den Schultag bereiten, obwohl nur vier der unseren derzeit zur Schule gehen. Damit ein Mensch weniger Hungern muss. Es ist nur ein kleiner Mensch dem wir derart bescheiden helfen können, aber dieser eine Mensch wird Beistand erfahren. Vielleicht wird er, dies selbst „Erfahrend“, anderen Menschen, wenn es einmal darauf ankommt, auch beistehen. Anstatt in Nadelstreifen gehüllt, anderen Menschen ihr Brot zu stehlen. Und vielleicht wird er weniger Schuld auf sich laden als wir!
am 27. Januar 2008 um 15:39
Hallo Michael,
obwohl ich dir in nichts widerspreche und wahrschainlich auch in allem zustimmen könnte bin ich nicht sicher, ob ich vor allem den ersten Teil deines Kommentars verstanden habe. Einge Stellen sind mir zu unkonkret, zu allgemein, als dass ich sicher sein könnte, deine Intention ganz erfasst zu haben.
Jörg
am 31. Januar 2008 um 11:03
@Jörg:
Hast Du meine ergänzende Nachricht hierzu erhalten?
Gruß
am 31. Januar 2008 um 14:36
Wir sollten aufhören, uns als Nachfahren von Tätern oder von Opfern zu bestimmen. Wir sind Menschen und müssen uns damit abfinden, dass Menschen zu schlimmsten Untaten fähig sind, unter Umständen, die sich von unseren aktuellen gar nicht sehr unterscheiden. Dagegen ist man nicht durch Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Kultur oder einer Tradition immun.
Und wir müssen uns auch eingestehen, dass wir meistens das Leid, die Morde und QUälereien, die Menschen einander zufügen, ganz gut ignorieren können, dass wir Spaß haben, während andere leiden und trauern.
am 31. Januar 2008 um 17:36
@Jörg:
Somit willst Du allein, der auf der Höhe stehend, den Weg wohl klar erkennen kann, der Masse in der finstren Niederung, ein leuchtend Zeichen sein?
Mir schwant der Zorn der Masse wird dein löblich Licht wohl löschen, bevor es überspringen kann.
Wenn nur all die Toten nicht die Sicht uns nähmen, könnten wir das Licht der Erkenntnis in uns aufnehmen…
Ein Nachfahre