Jörg Friedrich


Bürgerentscheid über Kultur und Kunst?

24. Januar 2008 Kategorie: Kultur, Münster, Politik |

Der Fall ist exemplarisch für den Umgang mit Kunst und Kultur in einer demokratischen Gesellschaft. Braucht die Gesellschaft Orte für „große“, für „aufwändige“ und teure Kunst? Oder sollten nur kleinere, autome, plurale Projekte gefördert werden?

In Münster soll eine Musikhalle gebaut werden. Vor dem Krieg hat es in Münster eine solche Halle gegeben, die aber nach der Zerstörung der Stadt nicht wieder aufgebaut wurde. Seit 1989 stezt sich ein Förderverein für die Errichtung einer Musikhalle auf der wohl größten deutschen innerstättischen Brachfläche ein. Ein privater Förderverein hat 18 Mio. Euro zusammengebracht, weitere 12 Mio € soll die Stadt Münster aufbringen. Am 24.10.2007 hat der Rat der Stadt Münster beschlossen, dieses Geld bereitzustellen.

Dagegen hat nun eine Bürgerinitiative Unterschriften für einen Bürgerentscheid gesammelt, der Bürgerentscheid wird aller Voraussicht nach im April stattfinden. Es geht zwar nur um die Frage, ob die Stadt jene 12 Mio. Euro in die Halle investieren soll, faktisch steht aber das Projekt als Ganzes auf dem Spiel. Denn ob es dem Musikhallen-Verein gelingt, die weiteren 12 Mio. Euro aufzubringen, ist fraglich, insbesondere, wenn durch den Bürgerentscheid eine Stimmung gegen das Projekt geschaffen wird.

Die Gegner des Projektes spielen die breite Kunstszene der Stadt gegen einen Ort für Ereignisse von internationalem Rang und überregionaler Wirkung aus. Ihr Argument ist, dass die Stadt lieber lokale Aktivitäten und bestehende Einrichtungen fördern sollte, statt in große Projekte, die auch Risiken bergen, zu investieren.

Es ist sehr bedauerlich, dass die Diskussion diesen Verlauf genommen hat. Letztlich braucht eine Stadt wie Münster beides: einen hochwertigen Veranstaltungsort für Künstler von internationalem und überregionalem Rang und eine breite Kultur- und Kunstszene. Das ist auch realistisch, trotz knapper Kassen.

Auf der einen Seite gibt es eine Vielzahl von Bürgern, die bereit sind, für eine Musikhalle Geld zu spenden. 18 Mio. Euro sind auf diese Weise zusammen gekommen! Auf der anderen Seite sind viele ehrenamtlich engarierte Münsteraner bereit, trotz schwieriger finanzieller Lage Konzerte zu organisieren.

Wir sollten die Musikhalle als gemeinsames Projekt aller Münsteraner begreifen, bei der die einen Geld für den Bau spenden, während andere durch ihr Engagement dafür sorgen, dass die Stadt ihren Anteil von 12 Mio Euro an der Umsetzung des Projekts leisten kann. Denn schließlich werden wir auch alle davon profitieren: Wir werden die breite und hochwertige kulturelle Szene erhalten und werden ein Konzerthaus dazu bekommen, in dem wir Ereignisse erleben können, für die wir sonst weit reisen müssten.

Von der überreigionalen Strahlkraft des Projektes wird ebenfalls ganz Münster profitieren. Man denke nur an unser Theater, von dem spricht – mehr als 50 Jahre nach seiner Errichtung – noch immer ganz Deutschland! Solche Einrichtungen stärken den Standort, bringen langfristig Touristen und Unternehmen in die Stadt und sind somit ein Investment in unsere gemeinsame Zukunft.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/01/24/burgerentscheid-uber-kultur-und-kunst/

Ein Kommentar to “ Bürgerentscheid über Kultur und Kunst? ”

  1. # 1 Vogel schreibt:

    @Jörg
    Einerseits: Irgendwie erinnert mich das an Deinen Artikel: Vorwahlen zum BK

    das deutsche System ist schwerfällig, berücksichtigt dafür verschiedenste Interessen, verhindert dramatische Fehler genauso wie den ganz großen Wurf.

    Andererseits sind (große) „Kulturtempel“ absehbar die schwarzen Löcher von morgen.

    Trotzdem: Ich stimme Dir zu, aber nicht wegen der Strahlkraft sondern wegen der Kultur!

    Beste Grüße
    Vogel

Kommentieren

XHTML: Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>