Jörg Friedrich


Angela Merkel über Freiheit und Informationstechnologie

24. Januar 2008 Kategorie: Gesellschaft, Politik |

Angela Merkel hat eine Rede über die Informationstechnologien und die Freiheit gehalten. Es ist schade, dass aufgrund einer dummen Überschrift bei Golem nun viele Leute glauben, Frau Merkel würde das Internet für den Fall der Mauer verantwortlich machen. Davon steht natürlich nichts in der Rede der Naturwissenschaftlerin Merkel.

Merkel sagte:

Ich glaube, dass wir zum Teil noch gar nicht erkannt haben, welche kulturelle Revolution die Informationstechnologie mit sich gebracht hat. Meiner festen Überzeugung nach sind die Tatsachen, dass ich heute bei Ihnen bin, dass wir keine Mauer mehr in Berlin haben, dass der Kalte Krieg beendet ist und dass sich eine unglaubliche Bewegung der Freiheit über die Welt ausgebreitet hat, ein Produkt der Informationsgesellschaft beziehungsweise der Fähigkeit, Informationen auszutauschen. Dies alles wäre ohne Informationstechnologie nicht möglich gewesen.

Insofern haben die Informationstechnologie, die Datenverarbeitung und später das Internet zu einem großen historischen Erfolg beigetragen. Es wird sehr spannend sein, zu beobachten, wie manche Länder in Zukunft mit diesem Spannungsfeld umgehen werden. Die klassischen sozialistischen und kommunistischen Länder sind in diesem Spannungsfeld in sich zusammengebrochen.

Informationstechnologie ist ein Faktor, der das Streben nach Freiheit begünstigt und der gleichzeitig neue Möglichkeiten im Kampf um die Freiheit schafft. Wo Menschen sich Informationen beschaffen können, entdecken sie neue Ziele. Wo sie wissen, dass ihnen Informationen vorenthalten werden, die andere bekommen, wächst das Gefühl, nicht frei zu sein. Schließlich, Informationstechnologien ermöglichen es den Menschen, sich zu vernetzen, Informationen auszutauschen, ihre Aktivitäten zu koordinieren.

Informationstechnologien nützen der freien Gesellschft, sie schaden den Diktatoren. Natürlich können auch Terroristen diese Techniken nutzen, aber ihre Basis, ihr Rückhalt in der Bevölkerung totalitärer Staaten wird immer geringer, weil die Menschen mit dem Wissen aus dem weltweiten Netz sich immer weniger dumm halten lassen.

Es wäre schön, wenn der Innenminister mit dem gleichen Optimismus über die Wirkungen des Internet nachdenken würde, wenn ihm die Zusammenhänge, die die Kanzlerin aufzeigt, endlich auch klar werden würden. Er könnte dann gelassener mit den Gefahren umgehen, und würde die Freiheit nicht beschneiden wollen, die letztlich die Überlegenheit der Demokratie ausmacht.


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10 Kommentare to “ Angela Merkel über Freiheit und Informationstechnologie ”

  1. # 1 Juergen schreibt:

    Die Rede ist unter diesem Aspekt gar nicht so übel. Verwerflich finde ich, dass Microsoft mit dem Segen des Staates bestimmt, was „IT-Fitness“ ist.

  2. # 2 Vogel schreibt:

    @Jörg
    Alles richtig!

    Informationstechnologie ist ein Faktor, der das Streben nach Freiheit begünstigt und […]. Wo Menschen sich Informationen beschaffen können, entdecken sie neue Ziele. Wo sie wissen, dass ihnen Informationen vorenthalten werden, die andere bekommen, wächst das Gefühl, nicht frei zu sein. […] Informationstechnologien ermöglichen es den Menschen, sich zu vernetzen, Informationen auszutauschen, ihre Aktivitäten zu koordinieren.

    Informationstechnologien nützen der freien Gesellschft, sie schaden den Diktatoren[…], weil die Menschen mit dem Wissen aus dem weltweiten Netz sich immer weniger dumm halten lassen.

    Es wäre schön, wenn der Innenminister mit dem gleichen Optimismus über die Wirkungen[…] , und würde die Freiheit nicht beschneiden wollen, die letztlich die Überlegenheit der Demokratie ausmacht.

    Aber: Jede Medaille hat zwei Seiten. Ich bin gewillt, Dinge differenziert zu betrachten – aber auch bei der allerdifferenziertesten Betrachtung läuft mE alles auf den Faktor Mensch raus, will sagen: Auf die permanente Überforderung des Menschen und seine Gegenreaktion darauf.

    Liege ich da völlig falsch? Und was folgt, wenn’s stimmt?

    Beste Grüße
    Vogel

  3. # 3 Jörg schreibt:

    @Jürgen: Ich glaube, die Zeiten, in denen Microsoft eine derart bestimmende Macht ist, gehen gerade zuende. Bei diesem Blog z.B. heißen weit mehr als die Hälfte der Browser, mit denen er gelesen wird, Firefox, und nur ca 20% heißen noch Internet Explorer. Da nützt der Segen keiner Regierung.

    @Vogel: Du hast völlig recht. Informationstechnologie kann nur die Infrastruktur der Freiheit bereitstellen, machen müssen die Leute sich ihre Freiheit schon selbst. Was wir ja – z.B. hier – auch tun.

  4. # 4 Juergen schreibt:

    @Vogel: Natürlich bleibt der „Faktor“ Mensch bestimmend. Doch eine vom Menschen geschaffene, ubiquitäre informationstechnologische Infrastruktur wirkt zurück und verändert den Menschen. Die Richtung ist gestaltbar.

    @Jörg: Seit Mitte der Neunziger höre ich den schwellenden Abgesang auf Microsoft. Da ist der Wunsch zu oft der Impulsgeber. Soweit ich sehe, ist der Firefox die einzige plattformunabhängige Anwendung, die sich in breiten Anwenderkreisen durchgesetzt hat. Das ist zu begrüßen, hat aber MS mit seinem Windows & Office Quasimonopol noch nicht geschadet. Sie setzten dort an, pushen ihre Produkte dort, wo es strategisch effizient ist: in den Köpfen der Schüler.

  5. # 5 Vogel schreibt:

    @Juergen

    Natürlich bleibt der „Faktor“ Mensch bestimmend. Doch eine vom Menschen geschaffene, ubiquitäre informationstechnologische Infrastruktur wirkt zurück und verändert den Menschen. Die Richtung ist gestaltbar.

    Menschenwerk gestaltbar? Gerade das scheint es nicht zu sein!

    Beste Grüße
    Vogel

  6. # 6 Juergen schreibt:

    @Vogel: Wir Menschen _haben_ uns verändert durch die Nutzung der Informationstechnologie (PC, Internet, Mobilfunk, nahezu überall verfügbarer Monitore, zunehmende Überwachungsinfrastruktur). Nimm‘ ‚mal die Beobachter-Position ein.

    Mal abgesehen davon, dass in den Life Sciences auch fleissig daran gearbeitet wird…

  7. # 7 Jörg schreibt:

    @Jürgen (Thema MicroSoft) Ich selbst bin Office- und Windows-Benutzer und werde es wohl auch noch eine Weile bleiben, aus Gewohnheit. Ich glaube, der Wettbewerb für Microsoft eintsteht nicht bei den PC’s, sondern bei den mobilen Geräten. Windows CE hat keine Chance gegen die anderen mobilen Betriebssysteme. Die IT-Systeme, die die junge Generation wirklich beherrscht, sind Handys, MP3-Player, Spielkonsolen und ähnliches. Das sind die ANwendungen der Zukunft – und da gibt es kein Monopol. Und da wird auch die wirkliche IT-Fitness der Zukunft gebraucht.

  8. # 8 Vogel schreibt:

    @Juergen
    Menschen verändern sich täglich – wenn wir auf die Oberfläche gucken! Was darunter steckt hat sich seit Jahrzehntausenden nicht verändert. Und daher kommen ja die Probleme. In uns stecken immer noch die Erfahrungen unserer abstammungsgeschichtlichen Vorfahren … Auf dem Gebiet gibt’s viel Forschungsergebnisse – mir fällt vor allem das „dreieinige Gehirn“ (Paul D. MacLean) ein. Daher kommt meine Angst, das „mehr und noch mehr und noch viel mehr“ nicht nur Gutes bringt. Was ist der Preis? Kurz-, mittel-, langfristig?

    Aber, wenn Du erlaubst, lass‘ uns die Diskussion in diese Richtung nicht weiter vorantreiben. Das wird schwierig. Ich will nur den Blick in diese Richtung offen halten. Bin persönlich der Meinung, dass der Mensch grundsätzlich von seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten überfordert ist … (so ist auch meine #5 zu verstehen).

    Beste Grüße
    Vogel

  9. # 9 Vogel schreibt:

    @Juergen (und Jörg)
    muss noch‘mal auf unser bisheriges Komentar-Ping-Pong zurückkommen. Hab’s mir gerade angetan, Spiegelfechters Kommentar „Willkommen im 21. Jahrhundert“ (http://www.spiegelfechter.com/wordpress/272/willkommen-im-21-jahrhundert#comment-12725) in Ruhe zu lesen und durch die Links, und noch einige weitere Links und Links in den Links durchzuklicken und querzulesen. Vollzieh‘ das ‚mal nach, falls Du es noch nicht getan hast. Meinst Du nicht auch, dass Einem da schwindlig werden muss? Und das ist nur ein Thema. Wie sieht’s aus mit Wasserknappheit, Klima, Verteilung, Gentechnik, Menschenrechte, Migrationsbewegungen (besser: „Völkerwanderung i. G.“), der bevorstehenden „völligen Entwaldung“ des Planeten, Zerstörung von Lebensräumen – bevor dort existierenden Spezien auch nur entdeckt werden. Usw. usf. (unvollständige Aufzählung!!)

    Und vor diesem Hintergrund: Mehr Information für alle („wirkt zurück und verändert den Menschen“ – wenn das ‚mal nicht schiefgeht!) – damit wir uns wehren können? Wehren … wogegen? Bildung (hat auch mit Information zu tun), wenn wir’s in die Richtung drehen, dann ist mir zu mindest nicht ganz so schwindlig.

    Beste Grüße
    Vogel

  10. # 10 Michael Kostic schreibt:

    @Jörg: Dieses mal schlichter Applaus!
    (Danke für die Klarstellung/Aufklärung. Auch ein blindes Merkel findet mal ein Korn. Prost!)

    @Juergen: Es ist wie in vielen Dingen.

    „Es kommt nicht darauf an, was wir erschaffen können. Es kommt darauf an, wie wir damit umgehen!“ (http://www.ciez.de/ciez-default/autor_mk_1.html)

    @Vogel: Gerade ich werde dir hierin nicht komplett widersprechen. Allerdings möchte ich dich auf 3 Dinge aufmerksam machen:

    1. Alleine der Umstand, dass ich einen Sachverhalt nicht sofort verstehen kann, bzw. sich hier nicht spontan für mich Assoziationen auftuen, bedeutet nicht, dass ich ihn nicht dennoch verstehen könnte, wenn mir die für mich richtige Menge an Informationen zur Verfügung steht, bzw. diese für mich verständlich erscheinen (Ächz)!

    2. Ich denke Du verwechselst hier deine für dich de facto mangelhafte Benutzeroberfläche (Es gibt kein europäisches GUI), mit einem nur etwaigen Mangel an Koordinationsfähigkeiten. Auch auf dem Gebiet der Information (deren Gewinnung/Verarbeitung/Anwendung) sollten wir dem Umstand Rechnung tragen, dass unsere Spezies im allgemeinen zur Spezialisierung neigt. Wir haben Talent(e)! Nur Ausnahmen bestätigen hier die Regel und können „Gebietsübergreifend“ agieren.

    3. Du triffst die (empirische?) Feststellung der Mensch sei grundsätzlich überfordert. Vergisst dabei jedoch, die Rahmenbedingungen angemessen zu gewichten, innerhalb derer Du diese Überforderung erkennst. Bsp.:

    Ein Shaolin Mönch der einem Kloster vorsteht, ist nicht nur ein inspirierter Kämpfer. Er ist darüber hinaus ein spirituelles Zentrum für alle Menschen in seinem Einflussbereich, er leitet das Kloster, führt die Bücher, kümmert sich um die Koordination der Pilger- und Verdienstreisen, veranstaltet und koordiniert Gemeinschaftstreffen.

    „Wenn man mir, und allen um mich herum, dass ganze Leben lang sagt wir seien Zwerge. Wie soll ich dann jemals den Mut finden in‘s unermessliche zu wachsen?“

    Gruß

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