Wer ist Jens Jessen?
Bevor ich heute beim Frühstück diese Kolumne in der FAZ las, habe ich nichts von Herrn Jessen und nichts von einer Kampagne „des Internet“ gegen ihn gewusst.
Das hatte sich nach dem Lesen leider nicht geändert, und ich denke, tausenden FAZ-Lesern ging es genauso. Der Mann sei „ein scharfer Polemiker“ lese ich da – wogegen oder worauf sich diese Polemik richtet, erfahre ich nicht. Ich habe nur eine sehr undeutliche Vorstellung, was „Rentner-Bashing“ ist und wie sich dieses äußert. Ich erfahre aus der Print-Ausgabe der FAZ weder, um was es geht, noch, wer da gegen wen mit welchen Mitteln und warum vorgeht. „Im Internet“ ist „der Pöbel“ unterwegs, auf „Hetzseiten“. Genaueres ist nicht zu erfahren.
Wofür bezahle ich mein Abo? Um zu erfahren, dass im Internet nur Bösewichte unterwegs sind, und
wie recht jene haben, die warnend auf die völlige Unkontrolliertheit von Internet und Blogs hinweisen, auf das krasse Missverhältnis zwischen identifizierbaren Autoren und anonymer Pöbelmasse.
Dem FAZ-Leser wird eingeredet, dass er gut daran tut, seinen „klugen Kopf“ bitte ausschließlich hinter den großen Zeitungsseiten zu verbergen und um Gottes Willen nicht in dieses monströse Internet zu schauen. Mehr erfährt er nicht, mehr soll er auch nicht wissen. Es könnte ja sein, er wird sonst dazu verleitet, sich selbst ein eigenes Bild von dieser „Welle von Schlamm“ im Netz zu machen.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/01/23/wer-ist-jens-jessen/
am 23. Januar 2008 um 18:31
Ausgangspunkt waren die Überfälle auf den Rentner in der Münchner U-Bahn. Daraufhin hat sich Jens Jessen in einem Video zu Wort gemeldet.
http://www.zeit.de/video/player?videoID=20080111713707
Seine Ausführungen konnten als Schuldzuweisung an den überfallenen Rentner verstanden werden. Sowohl in der BILD als auch in der FAZ wurde Jessen danach heftigst attackiert.
http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E30E7AC928C1C4D428E7A7F12F1CACC6A~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.bildblog.de/2730/bild-soll-fuer-geklauten-faz-artikel-zahlen
http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/bild-hetzt-gegen-zeit-feuilletonchef/?src=HL&cHash=df6cd8b1fb
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/einen_blick_in_die_zeit_redaktionsstube/
Darauf hin eigentlich erst kam es zu den in der heutigen FAZ-Kolummne angesprochenen Kommentar Attacken gegen Jessen.
am 23. Januar 2008 um 19:04
Hallo Aki Arik,
ich musste deinen Kommentar erst freischalten, weil er mehr als zwei Links enthielt. Den ersten Kommentar habe ich gelöscht, er war ja fast Wortgleich und enthielt einen Link weniger.
Danke für die Linksammlung.
Im Kern ging es mir aber nicht um Jessen, sondern um meinen Ärger über die Print-FAZ, die die Sache heute nur genutzt hat, um ohne Angabe von Hintergrund-Informationen die Angst vor „dem Internet“ zu schüren.
am 23. Januar 2008 um 21:29
Mir wurde heute in der S-Bahn ziemlich schlecht, als ich den Text des Herrn Geyer las. Der Herr spricht mit Schaum vor dem Mund, vor jedem Substantiv ein pejoratives Adjektiv. Der Text zeichnet sich durch einen überaus schlechten Stil aus, ich war erschrocken und bin besorgt, dass so etwas in einer Qualitätszeitung erscheinen durfte.
http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E844C554B7B6644898504FCAFF8A8AE49~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Den Herrn Jessen finde ich persönlich als Zeit-Redakteur passabel. Jedenfalls sind mir keine Ausreißer in welche Richtung auch immer gewärtig. Sein VLog interessiert mich nicht, entnehme aber den Kommentaren, dass er da wohl in Form und Inhalt etwas schräg ‚rüberkommt.
Was steckt da bei Jessen und Geyer an innerer Gespaltenheit dahinter? Ein seriös schreibender Redakteur „rotzt“ im Blog in einer Art revoluzzerhaftem A-Stil herum. Frustabbau? Ein das Medium Internet verachtender zweiter Redakteur nimmt ersteren genau dafür auf nicht minder eigenartige Weise in Schutz. Paranoid?
am 24. Januar 2008 um 00:52
@Jörg:
Ich würde mal sagen dir geht es jetzt genau wie mir als ich damals beiläufig diese I-Netz Werbung sah mit den beiden Managern (einer Jung Zeitung lesend auf der Coach sitzend, einer grau meliert am Fenster stehend, und nachdenklich in die Ferne blickend)
Jung-M: „Wir müssen in‘s Internet“
Meliert-M: „Warum?“
Jung-M: „Das steht hier nicht.“
Damals hatte ich auch dieses „Was jetzt?“ Gefühl
am 24. Januar 2008 um 13:18
@Michael: Es kommt aber dazu, dass ich mich eben von diesem Pauschalangriff aufs Internet auch mit angegriffen fühlen muss – und dass ich wohl auch mit gemeint bin, oder auch du und die anderen Kommentierer hier in diesem Blog.
Stell dir mal vor, du triffst einen FAZ-Leser, der diesen Artikel gelesen hast und erzählst ihm, wieviel Zeit Du mit dem Kommetieren von Blog-Beiträgen verbringst. Und was sagt der dann? „Ach bist du auch einer von diesen anonymen Pöblern?“
@Jürgen: Ich kann mir nur vorstellen, dass dem Geyer der Jessen ganz egal ist. Er ist in diesem Krieg für Geyer „einer von uns“, wenn auch ein wenig verwirrt. Seine Geschichte eignet sich jedenfalls hervorragend für internetfeindliche Propaganda – das reicht.
am 24. Januar 2008 um 16:23
@Jörg:
Ja, da hast Du sogar in einem doppelten Sinn, den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn der besagte FAZ-Leser wird, vorurteilsbehaftet und unreflektiert von sich auf andere schließend, auch davon ausgehen, dass uns das Kommentieren viel Zeit kostet
Ich sag nur: ZAF = „Zweifinger Adler Flugsystem“
Und: „Ja, man kann auch 2 Dutzend Browserfenster offen haben, ohne den Überblick zu verlieren“
Aber mal ernsthaft:
Ich gehe in solchen Dingen je nach gegebener Situation und Person zu werke:
Im Spass, unter Bekannten:
„Ach Du bist auch einer von dieser FAZ-Lesern. „Das Elend dieser Welt, möchte ich nur schön geschrieben lesen“
Im Ernst, im Umfeld:
„Nun, dass InterNetz (ich sage das tatsächlich so, und betone es) spiegelt die Meinung unserer Gesellschaft ebenso präzise dar, wie die BILD-Zeitung und der Spiegel“
- In Summe bleibt natürlich auch sachlich festzustellen, dass die Printmedien das Netz tatsächlich fürchten müssen. Ergo Anlässe wie die mit Herrn Jessen weidlich (auch populistisch) dramatisieren, bzw. überhaupt erst zu einem Thema hochstilisieren.
am 26. Januar 2008 um 20:02
Ich möchte noch einige Bemerkungen dazu beisteuern, ob Jens Jessen überhaupt kohärent argumentiert.
Jessen hat vielleicht schon lange ein Problem mit sich herumgetragen. Im Jahre 2003 brachte er auf einer Tagung seinen „Ekel, Haß und Verachtung“ (wörtliches Zitat) gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft zum Ausdruck http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2003/09/22/a0173 . Seine Analyse des Überfalls in der Münchener U-Bahn ist m.E. ein Angriff auf das in der Gesellschaft verankerte Rechtsverständnis. Vielleicht fällt der Gegenangriff auf Jessen deshalb so heftig aus, weil viele spüren, daß er diese Gesellschaft und ihren Versuch, eine „Gerechtigkeit als Fairneß“ nach Rawls und letztlich Kant zu implementieren, grundsätzlich ablehnt. Diese Vermutung will ich nicht weiter erhärten, sondern nur festhalten, daß Jessen sich selbst widerspricht, wenn er einerseits von gegängelten Ausländern und andererseits von Berufskriminellen redet. Beides kann nicht richtig sein. Schirrmacher von der FAZ ist das aufgefallen: http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~E30E7AC928C1C4D428E7A7F12F1CACC6A~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Ein Artikel von Jessen aus dem Jahre 2004 http://www.dradio.de/dlr/sendungen/feuilleton/289920/ ist ebenfalls kein Vorbild für eine stringente Argumentation. Er stellt dort in unsachlicher und aggressiver Form Sprachschützer als reformunwillige Reaktionäre dar und schreibt: „Nun könnte man sagen: Sprachschützer sind im allgemeinen unleidliche Fanatiker. Man möchte nicht mit ihnen diskutieren.“ Dann beklagt eine angebliche Reformunwilligkeit bei seinen Gegnern, indem er Vergleiche mit dem Boschewismus bemüht: „Reformen werden in Deutschland gefürchtet wie der Revisionismus in der Sowjetunion seinerzeit: mit einem Bolschewismus, der selbst winzigste Abweichungen von der tradierten Linie mit eliminatorischem Eifer verfolgt.“ Nun zur Unlogik in seinem Gedankengang: Er behauptet, daß sich die Sprachschützer gegen eine Sache auflehnten, die eine Petitesse sei. Na ja, bei einer Petitesse wäre er ja am besten beraten, sich sofort wichtigeren Dingen zuzuwenden und den Streit beizulegen. Auf keinen Fall erlaubte der behauptete Tatbestand einer Petitesse den Vorwurf der Reformunwilligkeit. Daß es übrigens tatsächlich nicht um eine echte Reform gehen kann, merkt man, wenn man z.B. einmal Kants Kritik der Praktischen Vernunft aufschlägt. Kant schrieb vor über 200 Jahren stets „im Stande sein“ und „im Allgemeinen“. Kants Philosophie ist zeitlos, aber viele seiner gebrauchten barocken Sprachformen sind umständlich und veraltet.
Natürlich wäre gemessen am Status quo in der Schule auch die Einführung der Prügelstrafe „neu“ und formal eine „Reform“. Aber das ist doch Humbug. (Auch der Mini von BMW ist zwar neu, aber „retro“.) Jessens Gegner aus dem Jahre 2004 waren lediglich unwillig, der Wiedereinsetzung von Überkommenem zuzustimmen. Jessens Beiträge sind also nicht erst seit neuestem unfair und inkohärent. Hoffentlich hat Jessen als Feuilleton-Chef der ZEIT nicht recht damit, daß man diese Gesellschaft, der offenbar am intellektuell unteren und oberen Ende Argumentationsstandards verloren gegangen sind, tatsächlich verachten muß. Eine Gesellschaft, die nicht nur die notorisch unsachliche BILD hervorbringt, sondern auch die angesehene ZEIT, in der man aber Karriere machen kann trotz jahrelanger verworrener und polemischer Einlassungen.
Angesichts dessen, was die etablierte Presse von BILD bis ZEIT sich selbst zugesteht, muß man die Meinungsäußerungen im Netz, auf die Jörg Bezug nimmt, wohl tatsächlich etwas differenzierter betrachten, als es die FAZ vorschlägt.