Für eine Diskussion ohne „Ismus“
Schon Lennon ging es auf die Nerven, aber wir sind heute immer noch keinen Schritt weiter:
Ev‘rybody’s talkin‘ ‚bout
Bagism, Shagism, Dragism, Madism, Ragism, Tagism
This-ism, that-ism, ism ism ism
All we are saying is give peace a chance
Ob in Politik oder Wissenschaft, ob in den Journalen und Zeitungen, im Internet oder am Stammtisch: überall wird über Ismen diskutiert: Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus, Realismus, Journalismus. Das sind Diskussionien, die nie zu einem Ende kommen, die zu nichts führen. Warum ist das so, und warum lassen wir das nicht bleiben?
Mit Ismen fassen wir meist Strömungen von Leuten zusammen, denen wir gleiche oder verwandte Ansichten, Argumente, Ziele und Handlungsweisen zuschreiben. Darin besteht die Verführungskraft der Ismen, und darin besteht auch ihre Gefahr. Gut demonstriert wird das immer wieder in den Diskussionen beim Spiegelfechter, meist ist es dort der Neo-Liberalismus, an dem sich der Autor gern abarbeitet. Aber die Argumentation mit Ismen findet man überall, man lese nur einmal einen Aufsatz eines zeitgenössischen Philosophen wie Davidson, da haben die Ismen Hochkonjunktur: Solipsismus, Realismus, Skeptizismus und natürlich der gute alte deutsche Idealismus. Politiker lieben die Ismen besonders im Kampf gegen den politischen Gegner: SPD-Funktionären wirft man schon gern mal einen Hang zum Sozialismus vor, der Radikalismus- oder gar der Nationalsozialismus-Vorwurf sind die gröbsten Waffen im politischen Streit.
Natürlich wissen wir, dass jeder Mensch seine eigenen Überzeugungen und Ziele hat, und dass diese sich auch von ihren Freunden unterscheiden. Aber damit können wir scheinbar nicht umgehen. Indem wir Ismen einführen, bilden wir überschaubare Klassen, man könnte auch „Schubladen“ sagen. Es scheint, als ob wir erst dadurch eigene Überzeugungen gegenüber anderen entwickeln können, dass wir sie vereinheitlichen, auf Idealfälle abbilden. Auch wenn wir mit anderen sprechen und diskutieren, können wir das offensichtlich erst, wenn wir solche Kategorien gefunden haben, über die wir dann sprechen können.
Das Problem ist nicht nur, dass keiner mit seinen tatsächlichen Idealen oder Zielen wirklich zu einer Ismus-Etikettierung passt, das Problem ist vor allem, dass vor einer Diskussion selten überprüft wird, was eigentlich mit einem Ismus-Begriff gemeint ist. Der Fehler ist nicht, dass die Leute, die in eine Ismus-Schublade gesteckt werden, da nie wirklich gut drin aufgehoben sind, sondern dass diejenigen, die einen Ismus-Begriff gemeinsam verwenden, nur selten das gleiche meinen. Werden solche Missverständnisse bemerkt, diskutiert man meistens nicht mehr über die Sache, die eigentlich zur Debatte stand, sondern über den „wahren“ Ismus-Begriff.
Die Fragen aber, ob der Neoliberalismus die richtige Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung ist, ob der methodologische Solipsismus eine vernünftige erkenntnistheoretische Option ist oder ob der Journalismus stirbt, sind alle gleichermaßen unsinnig. Solche Fragen können nicht diskutiert werden, weil die Gegenstände, um die es geht, ja gar nicht wirklich existieren.
Was ist die Alternative? Es ist ganz einfach: Man muss die tatsächlichen Überzeugungen oder Ziele von Menschen benennen, die man kritisieren oder unterstützen will. Nicht der Neoliberalismus ist das Thema, sondern der Glaube an die regelnden Kräfte des freien Marktes, nicht der Journalismus ist in Gefahr, sondern der Zeitungsmacher, der die neuen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen des Internet nicht versteht.
Wer am Anfang eines Artikels sagt, welche Einstellung, welche Methoden oder Überzeugungen er konkret diskutieren will, braucht keine Ismen. Auch in der ökonomischen oder in der politischen Diskussion ist es möglich, die konkreten Thesen und Konzepte zu nennen, gegen die man sich wendet. Dann gibt es keine Scheindiskussionen mehr, und dann wird man sich viel schneller verständigen können.
Denn das ist ja das merkwürdige: Über Ismen können wir lange streiten, über konkrete Fakten, Tatsachen, Prozesse und Zusammenhänge aber ist Einigung möglich. Und wer etwas bewegen will, dem wird Übereinstimmung wichtig sein.
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http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/01/13/fur-eine-diskussion-ohne-ismus/
am 14. Januar 2008 um 15:20
Thesen:
Unsere Spezies bildet üblicherweise Rudel. Ein durch unsere Konstruktionsform bedingter evolutionärer Effekt, der noch heute beobachtbar ist. Das Rudel gibt uns in der Mehrheit der Fälle Halt und Sicherheit. Vielleicht ist diese Ausprägung ja so sehr in unsere geistige Struktur übergegangen, dass wir generell dazu neigen auch verbal Rudel zu bilden. Sprich wir ordnen mit Bezeichnungen (Der Deutsche) wie Ismen (Der Kapitalismus) Rudel, bzw. sortieren Personen und/oder Gruppen diesen zu.
Andererseits könnte es auch schlicht etwas damit zu tun haben, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet resp. speichert. Durch die assoziative Verknüpfung von Bildern, Zuständen oder der wiederkehrenden Erfahrung mit einer speziellen Sorte Mensch, bilden sich Knotenpunkte aus die wir als übereinstimmend definieren.
am 14. Januar 2008 um 20:52
Ich gebe dir völlig recht, Jörg! Der Mensch denkt sich irgendwas kompliziertes aus, schreibt darüber einen Aufsatz (vgl. Grundsatzprogramm!). Damit er nicht bei einer Diskussion darüber immer wieder den ganzen Aufsatz rezitieren muß, denkt er sich ein Wort aus, das als Überschrift und Zusammenfassung dient. Was er vergessen hat: die Welt, die Gesellschaft und die Menschen entwickeln sich weiter, doch der Begriff bleibt gleich. Kein Wunder, das dies zu Mißverständnissen führt!
Jeder versteht und dem Begriff X mit Ismus-Suffix (oder auch nicht mit dem Suffix!) dann irgendwas anderes. Das ist wie mit den Parteien: immer diese blöde Fraktionsdisziplin! Das politische Leben ist nicht so einfach, das jedes Mitglied die selbe Meinung hat. Und wenn jemand ausschert, ist er gleich wieder ein Unruhestifter. Unsinn.
am 15. Januar 2008 um 16:19
@Michael: Dass wir Kategorien brauchen, um die Welt überschaubar zu machen, denke ich auch. Aber wenn man in Diskussionen an unüberwindbare Gegensätze gelangt, sollte man als erstes prüfen, worüber man spricht, und muss sich bewusst machen, dass es eben nur Hilfskonstruktionen sind.
@Roman: Die historische Dimension (dass die Welt sich verändert, die Begriffe aber beliben) hatte ich noch ganz vergessen. Danke für die Ergänzung!
am 15. Januar 2008 um 16:27
Gern geschehen! In deiner Erklärung „@Michael“ hast du es auch noch mal perfekt auf den Punkt gebracht.
am 15. Januar 2008 um 17:48
@Jörg: Ja natürlich. Mir ging es hierbei vor allem um die Ahnung, dass es eben kulturell bedingte Verhaltensmuster/Denkschemen gibt und die welche in unserer biologischen Struktur vorgegeben sind.
Nimm z.B. das Konstrukt „Lüge“. Betrachtet man dieses Konstrukt einmal rein sachlich sind wir alle Lügner, weil unsere Schnittstellen eben eher mangelhaft sind. Selbst wenn mehrere Personen versuchen sich hier miteinander streng zu disziplinieren, kommt es noch immer zu Differenzen in Äusserung und Wahrnehmung. Sprich egal was und wie ich es mache, ich werde immer zwingend Lügen
am 15. Januar 2008 um 22:06
Oder anders herum gesagt: ich werde es nie schaffen, immer die Wahrheit zu sagen. Das ist subjektiv schon schwer, objektiv ist es unmöglich!
am 16. Januar 2008 um 10:44
@Michael: Für mich ist dein Beispiel mit der „Lüge“ vor allem ein Zeichen dafür, dass wir manchmal, wenn wir anderer Meinung sind als der Gesprächspartner, zuerst die Begriffe klären müssen. Wer aufrichtig seine Überzeugung äußert, lügt nicht, auch wenn seine Überzeugung vielleicht nicht mit den Tatsachen übereinstimmt, oder wenn ich ihn falsch verstehe. „Lüge“ beinhaltet immer die Absicht, zu täuschen.
am 16. Januar 2008 um 19:14
@Jörg: Da kann man mal sehen wie schnell wir mit dieser sprachlichen Krücke ins Schleudern kommen
Deiner Ansicht nach, beinhaltet das Wort „Lüge“ eine Absicht bzw. Motivation. Meiner Erfahrung nach ist dieses Wort lediglich ein pädagogisches Konstrukt, um Menschen in unserem direkten und/oder indirekten sozialen Umfeld, auf eine gemeinsame Schnittstelle ein zu eichen. Sprich: An der Art und Weise wie z.B. Eltern das Wort interpretieren, erkennen deren Kinder mit welcher verbalen Unschärfe sie gerade noch glaubhaft wirken. Setzt man hier z.B. zu enge Grenzen, können die solchermaßen Erzogenen später selbst nicht einmal zur Not lügen, Umgekehrt gilt dies natürlich auch…
Wobei sich hier für mich der Kreis zu dem von dir ja so richtig erkannten Hang zur vereinfachenden Verallgemeinerung schließt.
Verlasse ich nämlich z.B. in Hinblick auf die Lüge, diesen einfachen Pfad der gesellschaftlich anerkannten „Wortbedeutung“. Muss mir sehr schnell klar werden, dass es im eigentlichen Sinn der „Sache“ überhaupt keine „Lüge“ als selbiges geben kann. Es gibt lediglich den beobachtbaren Effekt der Fehldarstellung des Äußernden oder die Fehlinterpretation bestimmter Sachverhalte oder Gegebenheiten, auf der Grundlage der jeweils gegebenen Erziehung und Lebenserfahrung der sich Äußernden oder Empfangenden. Ob und wenn ja welche Motivation hinter dem einen oder dem anderen im Einzelnen steht, muss jedes mal möglichst sachlich geprüft, bzw. bewertet werden.
Und das mach doch mal wenn Frau Liselotte Meyer-Worms die Behauptung aufstellt „Die Kollegen“ würden sie mobben, oder in ihrer Arbeit behindern, oder was weiss ich was
An diesem Punkt erst einmal angekommen bleibt mir leider nur festzustellen, dass wir all die Ismen und Verallgemeinerungen, zumindest zur schnellen allgemeinen Kommunikation, offensichtlich zwingend benötigen. Diese also auch erst dann aussen vor lassen können, wenn wir zum einen selbst bereit sind viel Zeit zu investieren und zum anderen Gesprächspartner finden, die bereit sind ebenso zu handeln.
Für die hektische Tagespolitik/Presse ist dieses Modell jedoch derzeit gänzlich ungeeignet