Kinder machen glücklich
Wird es wieder mehr Kinder geben, wenn die Betreuungsangebote für Kleinkinder besser werden und Eltern mehr finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten? Schon im Frühjahr 2007 ermittelte Allensbach, worauf Rüdiger Schulz in seinem Beitrag für die heutige FAZ erneut hinweist:
Als wichtigsten Grund für ihre eigene Kinderlosigkeit gaben Frauen und Männer im Frühjahr 2007 meist an, „der richtige Partner, die richtige Partnerin für die Verwirklichung von Kinderwünschen fehlt(e)“. Erst mit Abstand wurden berufliche oder finanzielle Gründe genannt. Einen Partner zu haben oder zu finden, mit dem man Kinderwünsche teilt und in den man Vertrauen setzen kann, gemeinsam Kinder großzuziehen, ist offensichtlich die entscheidende Voraussetzung für das Ja zu Kindern.
Also werden alle staatlichen Maßnahmen nicht viel nützen: Die Entscheidung gegen ein Kind wird emotional und nicht monetär getroffen.
Es ist ein Dilemma: In den Köpfen der Menschen ist klar: Ein Kind muss in geordneten Verhältnissen aufwachsen. Vater und Mutter müssen in einer stabilen und glücklichen Ehe leben, und das wenigstens so lange, bis die Kinder erwachsen sind. Genauso klar ist aber auch: Dieses Modell wird immer seltener, ob man es bedauert oder als Folge von Emanzipation und erwachtem Selbstbewusstsein der Frauen feiert ist dabei egal: Trennungen nach fünf oder zehn Jahren werden immer mehr zum Normalfall, und zwar gerade in den Altersgruppen, in denen das Kinderkriegen eigentlich „dran ist“.
Aber es ist sicherlich nicht nur das Bild von der „heilen Familie“ in der ein Kind wohlbehütet aufwachsen sollte, das dazu führt dass viele Menschen eine stabile Partnerschaft als Voraussetzung für die Erfüllung des Kinderwunsches ansehen. Viele junge Menschen haben sicher Angst vor der Überforderung. Der Anblick des jähzornig schreienden Nachwuchses im Supermarkt, Horrorgeschichten in den Medien sowie die dramatisierende Berichterstattung über Jugendkriminalität aller Orten zeigen, dass man bei der Kindererziehung dramatisch versagen kann, dass die Jahre des Zusammenlebens mit dem Nachwuchs zum Albtraum werden können.
Kein Wunder also, dass Schulz in der aktuellen Allensbach-Studie feststellt:
„Man kann ohne Kinder genauso glücklich leben“
76 Prozent der Frauen zwischen 25 und 44 Jahren in Deutschland bezeichnen heute „einen eigenen Beruf, ein eigenes Einkommen“ als sehr wichtig für ihr Selbstbewusstsein – noch vor „guten Freunden“ (68 Prozent) oder einer „stabilen Partnerschaft“ (66 Prozent). Dagegen ist „Kinder zu haben“ nur für 45 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe „sehr wichtig“.
Sicherlich ist es verfehlt, zu hoffen, dass sich irgendwie wieder der Glaube an die unendliche Liebe des Lebens bei jungen Menschen verfestigt. Gibt es also keinen Ausweg aus dem Dilemma der Kinderlosigkeit? Wie bei jeder Dilemma-Situation muss nach einem dritten Weg gesucht werden.
Warum soll man nicht einfach akzeptieren, dass junge Eltern möglicherweise außeinander gehen, wenn die Kinder fünf oder zehn Jahre alt sind? Der Alltag zeigt schon heute, dass Kinder aus solchen Situationen nicht mit langfristigen psychischen Schäden hervorgehen müssen. Viele bekommen nach einer gewissen Zeit ein neues Elternteil, neue Großeltern, Tanten und Onkels und Stiefgeschwister dazu. Das erhöht die Vielfalt der Biografien und macht das Leben letztlich spannender. Kinder lernen so auch mehr Optionen für die eigene Biografie kennen.
Natürlich ist die Zeit der Trennung der Eltern auch für Kinder immer eine Belastung, aber ob sie aus dieser gestärkt oder geschwächt hervorgehen, hängt vor allem vom Verhalten der Eltern ab. Ist es dann nicht besser, nicht auf den Partner für die Ewigkeit zu warten sonder zu prüfen, ob man sich in der Lage sieht, auch in schwierigen Situationen anständig miteinander umzugehen?
Eltern sollten vor allem darüber einig sein, ihre Konflikte nicht zu Lasten der Kinder auszutragen, das würde schon reichen. Die Bereitschaft, pragmatische Lösungen für die Zeit nach einer Trennung zu finden und die Einigkeit, dass beide Eltern immer für die Kinder Mutter und Vater bleiben werden, mehr ist gar nicht nötig.
Eine solche Übereinstimmung ist auch die Voraussetzung für eine erfolgreiche Erziehung, denn dazu braucht es letztlich nicht viel mehr, als dass beide Eltern die Herausforderungen, vor die sie der Nachwuchs stellt, immer gemeinsam meistern wollen. Auf diese Weise wird dann das Zusammenleben mit Kindern, die größer, verständiger und einem selbst immer ähnlicher werden, auch zur Erfüllung, die mit Sicherheit wenigstens ebeso glücklich macht wie die Karriere und der berufliche Erfolg. Denn wo kann man sich mehr entfalten, wo seine Kreativität und seine eigenen Ideen besser einbringen, seine Flexibilität und seine Leistungsbereitschaft besser zeigen als bei der Unterstützung des eigenen Nachwuchses in der Zeit, wo dieser seinen Weg sucht?
Sicher: Ski-Urlaub unter Freunden macht Spaß, aber wenn man dabei im Schlitten seinen Sohn im Schlepp hat, wird es erst richtig lustig, und wenn man der Tochter nebenbei noch die ersten Schritte auf den Brettern beibringt und staunt, wie selbstverständlich sie nach zwei-drei Stunden den Hang hinunter schießt, kommt der Stolz ganz selbstverständlich noch hinzu.
Wer das dann nach dem Urlaub den Kollegen erzählen kann, der wird kaum verbergen können, dass Kinder glücklich machen.
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am 11. Januar 2008 um 13:21
Sicher machen Kinder mitunter glücklich, manchmal hat man mehr Sorgen.
Sicher machen keine Kinder glücklich und man hat eben andere Sorgen.
am 11. Januar 2008 um 13:47
Ich wurde mit 33 spontan mit 3 Kindern beglückt und habe erst durch die Kulturkreise meiner Frau (Österreich/Jugoslawien) festgestellt, wo in dieser Gesellschaft der „Wurm“ drin steckt. Es ist die allgegenwärtige soziale Inkompetenz der hiesigen Gesellschaft, die durch lauter kleine Faktoren regelrecht gefördert/gefordert wird.
- Das deutsche Rentenmodell treibt die Generationen auseinander
- Das GG fördert durch die Formulierung in Art. 2 regelrecht die Zwangsindividualisierung
- Die westlichen Kirchen haben den Sprung in die Moderne verschlafen, was viele in die soziale Isolation treibt
- Der enorm zunehmende Spezialisierungszwang fordert einen hohen zeitlichen Tribut
- Der durch die 68‘er geförderte Riss zwischen den Generationen ist ein nicht unwesentlicher Faktor
- U.U. ist der finanzielle Druck auch eine nicht zu unterschätzende Komponente
Aber die Hauptgründe sind m. E. nach die nicht mehr gegebene Fähigkeit sehr vieler Menschen, vornehmlich aus dem westlichen Kulturkreis, auch einmal auf Dinge verzichten zu können. Bzw. sich selbst für andere (Geliebte/Schutzbefohlene) zurück zu nehmen. Sowie die Tatsache das eine Erdumdrehung nur rund 24 Std. dauert. Denn auch dies durfte ich in den letzten 7 Jahren lernen:
Wer es sich vornimmt Kinder ernsthaft zu betreuen, sie zur Selbstständigkeit fördern will, fit machen will für so viele wie irgend mögliche Eventualitäten die da kommen mögen und derweil den Anspruch aufrecht erhält, dies durch reine Kommunikation, Information und Vorleben (anstatt durch Schläge) zu erreichen. Der hat eine regelrecht aufreibende Aufgabe vor sich, während deren Wahrnehmung man halt nicht in die Oper oder das Theater gehen kann. So etwas geht eben nicht zwischen Tür und Angel, oder strikt nach Terminplan
Das braucht auch genau die Zeit, die einem unsere immer mehr an der Karriere orientierte Gesellschaft nicht mehr gewähren kann und/oder will…
am 11. Januar 2008 um 14:47
Ein sehr schönes Plädoyer für mehr Kinder und eine kinderfreundlichere Gesellschaft. Das kann man dann so ungefragt unterschreiben.
Es ist tatsächlich so, dass die Gründe für oder gegen Kinder sehr komplex sind und letztendlich immer menschliche Probleme bleiben. Außerdem glaube ich, dass es einfach Frauen gibt, die emotional besser fürs Kinderkriegen und Familie kriegen geeignet sind als andere (sieht man von körperlichen Problemen mal ab). Wenn man dann einen Lebensweg aussucht, der praktischer und einfacher ist und man sowieso kein Kinder-Gemüt hat, warum dann also Kinder bekommen? Mit viel Geld wird da auch nichts zu machen sein.
am 11. Januar 2008 um 15:00
@ Julia: Sehr interessant hierzu ist der Spiegelartikel „Mutterliebe ist ein Konstrukt“ aus Nr. 51 vom 17.12.2007
am 18. Januar 2008 um 18:09
@Michael
Chapeau, Volltreffer!
Beste Grüße
Vogel
PS.: Selber 4 Kinder (eigene, 1 Adoptivkind)
@Jörg
grundsätzliche Übereinstimmung, allerdings muss man doch vorsichtig sein. Das heute (v. a. von konservativen [überwiegend Männer-]Kreisen) vorgeträumte Familienideal hat’s eigentlich nie gegeben. Ob es nun die Krankheit war, der Krieg oder die allgemeinen Lebensverhältnisse, die die Familien auseinandergerissen haben – egal. Patchworkbiographie kann okay sein, ist es häufig weniger, leider.
Alles Gute
Vogel