Jörg Friedrich


Die Zukunft der öffentlichen Meinung

20. Dezember 2007 Kategorie: Gesellschaft |

Über die Zukunft lässt sich nichts sagen, weil sie immer von unseren heutigen Entscheidungen abhängt. Man kann aber sagen, welche Entscheidungen, die die Zukunft beeinflussen sollen, man treffen will, und was man meint, in welche Richtung sich die Dinge dann in Zukunft entwickeln werden. Und man kann die Bedingungen angeben, auf denen die Entscheidungen basieren.

Für das Zustandekommen der öffentlichen Meinung haben sich die Bedingungen in den letzten Jahren radikal verändert. Das eröffnet die Möglichkeit, dass öffentliche Meinungsbildung in Zukunft ganz anders geschieht als bisher. Ob diese Möglichkeit ergriffen wird, ist unklar, wer sie ergreifen wird und wer sie fahren lassen wird, ebenso. Aber für die Weiterentwicklung der Demokratie und der Bürgergesellschaft ist beides nicht unwichtig.

Was ist „öffentliche Meinung“?

„Öffentliche Meinung“ ist genau gesagt „öffentlich wahrgenommene Meiung“. Man kann den Begriff auch anders fassen, z.B.als „öffentlich ausgesprochene Meinung“, aber das bringt für das Verständnis des radikalen Wandels, der hier momentan passiert, nicht viel. Nicht alles, was in der Öffentlichkeit ausgesprochen wird, hat Folgen, bewirken wird nur die Meinung etwas, die wahrgenommen wird, z.B. von denen, die praktische Entscheidungen in Politik und Wirtschaft treffen, oder von den Vielen, die wenn auch selten so aber doch regelmäßig zu Wahlen gehen.

Der Begriff „öffentliche Meinung“ bezeichnet also diejenigen Meinungen, die bei Entscheidungen, die die Öffentlichkeit betreffen, berücksichtigt werden. Das können Regierungsentscheidungen, aber auch Wahlentscheidungen sein.

Der Wandel in der Erreichbarkeit

Voraussetzung dafür, dass Meinung zur „öffentlichen Meinung“ wird, ist also, dass sie den richtigen erreicht: Den Politiker, den Manager, den Gewerkschaftsfunktionär oder die jeweiligen Wähler. Genau in dieser Erreichbarkeit bahnt sich ein tiefgreifender Wandel an. Bislang allerdings nur theoretisch, nur der Möglichkeit nach.

Bisher war eine riesige und teure Infrastruktur nötig, um öffentliche Meinung zu erzeugen, man brauchte bestimmte aufwändige Verteilungs- und Transport-Medien, die so wichtig waren, dass sie sich sogar die Medien nennen konnten. Das brachte mit sich, dass nur diejenigen an der öffentlichen Meinungsbildung beteiligt waren, die in die Medien kamen: (selbst ernannte oder tatsächliche) Experten, Journalisten, Prominente und Politiker.

Das fällt nun weg. Das Medium ist fast kostenlos, ist einfach da: das Internet. Nicht nur, dass jeder im Internet veröffentlichen kann, das Netz stellt auch sicher, dass diese Veröffentlichung beim potenziellen Leser ankommt: Google bringt auch Blog-Artikel ganz nach oben, wenn sie zum gesuchten Thema passen, und Feed-Reader ermöglichen jedem, sich seine eigenen Informationsquellen aus Online-Angeboten der Medien und Blogs zusammenzustellen.

Arbeitsteilung?

Die Infrastrukturen der Medien werden sicherlich weiterhin gebraucht, aber nicht mehr zum Verteilen der Meinungen,sondern zum Erzeugen bestimmter Meinungen. Korrespondenten-Netze, Interviews, umfangreiche Recherchen: Darin werden bis auf weiteres die Medien den Bloggern voraus sein. Man könnte sich die Arbeit teilen: Die Sammlung von Informationen übernehmen die Journalisten, das Bewerten übernehmen die Blogger.

Natürlich ist das keine Frage der Kooperation, sondern der praktischen Entscheidung jedes Beteiligten für sich selbst. Die Medien werden nicht aufs Bewerten un dKommentieren der Nachrichten verzichten, und keinem Blogger ist es untersagt, selbst zu recherchieren.

Wie entscheiden die Macher, und wie die Konsumenten?

Ob es wirklich zu einem Wandel in der öffentlichen Meiungsbildung kommt, hängt von den Entscheidungen der Macher und der Konsumenten dieser Meinungen ab. Diese Entscheidungen hängen voneinander ab: Die Entscheidung, sich seine Informationen selbst aus verschiedensten Quellen täglich zusammen zu sammeln, hängt ja von der Qualität dieser Quellen ab. Interessieren mich Meinungen, Analysen und Kommentare von Bloggern? Wenn sie gut gemacht, spannend und anregend sind, schon.

Wenn genug Blogger sich entscheiden, hochwertige und klar wiedererkennbare, auch subjektive Angebote zu machen, werden immer mehr Konsumenten sich auch aus diesen Quellen bedienen, wenn sie sich ihre eigene Meinung bilden wollen. Und dann werden diese neuen Formen auch für die öffentliche Meiungsbildung relevant.

Man darf gespannt sein.

P.S. Einen interessanten Beitrag von Peter Ehrlich in diesem Zusammenhang gibt es in der FTD und eine interessante Antwort darauf von Johnny Häusler beim Spreeblick.


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2 Kommentare to “ Die Zukunft der öffentlichen Meinung ”

  1. # 1 Business Coaching & Psychologische Beratung » Die Vorratsdatenspeicherung ist da schreibt:

    […] der öffentlichen Meinungsbildung beschäftigt sich auch der Journalist Jörg Friedrich in seinem Blog. Social […]

  2. # 2 Michael Kostic schreibt:

    Hallo,

    hier ist noch ein sehr interessanter Beitrag zu dem Thema:

    http://blog.metaroll.de/2008/03/03/tyler-brule-und-der-scheingegensatz-von-blogs-und-zeitungen/

    Gruß

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