Mindestlohn und Mindestbildung
Warum glauben in Deutschland plötzlich so viele Menschen, Politiker aller Richtungen, Gewerkschafter, sogar Unternehmer, dass ein Mindestlohn benötigt wird? Die Meinungen gehen scheinbar nur noch in Details auseinander: Wie hoch soll er sein, soll er für alle Branchen gelten oder nur für einige?
Welches Problem soll eigentlich mit einem Mindestlohn gelöst werden? Und warum ist dieses Problem neu?
Eigentlich sollte sich der richtige Lohn aus dem Wechselspiel von Leistungs-Angebot der Arbeitnehmer und der Nachfrage nach diesen Angeboten regeln. Über Jahrzehnte hat das auch recht gut funktioniert, aber seit einigen Jahren pendelt sich dieses Gleichgewicht in Deutschland für viele Menschen nicht mehr an einer Stelle ein, an der sich von dem Lohn noch leben lässt. Um das zu verstehen, muss man sich ansehen, welche Leistungsangebote welchen Arbeitsplatzangeboten gegenüberstehen.
Bis in die 70er Jahre gab es für fast jede Art von Leistungsangeboten auch nachfragende Arbeitgeber, seien es körperlich schwere Arbeiten (z.B. in der Landwirtschaft oder im Bergbau), seien es gleichförmige und einfach zu erlernende Tätigkeiten (an Fließbändern, im Handel, manuelle Hilfstätigkeiten) oder komplizierte, intellektuell anspruchsvolle Arbeiten (Ingenieure, Lehrer, Beamte). So konnte sich in all diesen Bereichen ein vernünftiger Marktpreis für die Arbeit entwickeln, teilweise war die Nachfrage sogar größer als das Angebot und die Lohnkosten stiegen schneller als die Produktivität.
Aus vielen Gründen hat sich die Situation grundlegend verändert. Auf dem Weg zur Dienstleistungsgesellschaft sind viele Tätigkeiten intellektuell anspruchsvoller geworden, jemand, der heute im Handel einen Kunden gut bedienen will, muss oft eine Menge Wissen über die Produkte haben, muss sich flexibelauf den Gegenüber einstellen können, schlagfertig reagieren, geistig hellwach sein. Körperlich anstrengende Arbeit wurde durch Tätigkeiten ersetzt, die technisches Wissen und Überblick voraussetzen, oder sie sind ganz weggefallen.
Eine Reihe einfacher Arbeiten, die ungelernte Hilfskräfte sich schnell aneignen können, wurden in Niedriglohnländer verlagert oder werden von Anbietern aus diesen Ländern auf unserem Markt günstig angeboten.
Die Folge aus all diesen Entwicklungen ist ein drastischer Einbruch bei der Nachfrage nach Arbeitskräften, die bereit und in der Lage sind, einfache, unkomplizierte Tätigkeiten auszuführen. Damit fällt automatisch der Preis für diese Arbeit.
Die Festlegung eines Midestlohns bekämpft in dieser Situation die Symptome, anstatt an das Grundübelzu gehen. Statt in den Markt über die Reglementierung der Preisbildung einzugreifen sollte die Politik überlegen, ob sie dem Markt nicht das Überangebot an Arbeitskräften für diese Tätigkeiten entziehen kann.
Wieder heißt die Lösung: Bildung, Verbesserung der Schulbildung,vor allem auch der sozialen Kompetenz, der Fähigkeiten, des Wissensniveaus, Ausbildung, Weiterbildung. Dann werden mehr Menschen auf den Markt für höher- und hochqualifizierte Arbeit wechseln können. Mit der Verknappung des Angebots wird auch der Preis wieder steigen.
Da dieser Prozess nicht in Monaten erledigt ist, mag die Festsetzung von Mindeslöhnen eine vorrübergehend geeignete Maßnahme sein. Aber sie wird nur nützen, wenn man die Grundprobleme massiv angeht.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2007/12/06/mindestlohn-und-mindestbildung/
am 6. Dezember 2007 um 15:00
Völlig korrekt analysiert! Der Mindestlohn ist falsch und bekämpft nur die Symptome. Da er darüberhinaus auch Arbeitsplatze kostet (davon bin ich fest überzeugt, darüberhinaus habe ich im ganze Internet noch nicht eine schlüssige Gegenargumentation gelesen!) ist er sogar unsozialer als die jetzige Lösung mit Dumpinglöhnen.
Sehr bedauerlich ist es, das die SPD sich in Hoffnung auf ein zugkräftiges Wahlkampfthema daran klammert und damit auch die CDU zumindest in Teilen mitzieht. Das ist übrings keine Auswirkung der erstarkten Linken – die machen sich da wichtiger, als sie sind. Das hätte die SPD sich sicher auch ohne starke Linke ausgedacht. Der flächendeckende Mindestlohn schadet dem Markt (und den Arbeitern), der Branchenmindestlohn ist auch nicht besser, da er einzelne Branchen bevorzugt zu anderen behandelt. Sicher verdient nicht jede Branche den gleichen Lohn, doch ist ein Eingreifen in einigen und ein Nichteingreifen in anderen Branchen an sich unsozial. Es muß eben durch Angebot und Nachfrage geregelt werden, wie du schreibst.
Dann kommt Beck daher und sagt: „Es gibt in den allermeisten EU-Mitgliedsstaaten Mindestlöhne, ohne dass negative Effekte auf dem Arbeitsmarkt erkennbar wären.“ (heute in der SZ-Printausgabe) Ich kann das nicht mehr hören! Es ist viel zu einfach gedacht und daher schlichtweg falsch, alle Länder wirtschaftlich gleich zu setzen. Jedes Land funktioniert wirtschaftlich anders. Irgendwann kommt Merkel und hebt die Mehrwertsteuer auf 25% an – mit der Begründung, das es in Skandinavien auch so ist.
Das Problem mit dem Mindestlohn wird noch ganz böse enden.
am 6. Dezember 2007 um 20:43
Ich stimme zu, dass eine Bildungsoffensive not tut. Mindestlohn allerdings auch, und zwar wegen HartzIV. Es ist mMn nicht einzusehen, warum ein Axel-Springer-Verlag Postzustellern für einen Vollzeitjob Löhne zahlt, von denen sie nicht leben können, und die dann mit HartzIV ergänzt werden müssen – also letztendlich der Steuerzahler für die höhere Marge Springers zuständig ist.
am 7. Dezember 2007 um 16:51
Die Analyse hinkt hinten und vorne. Denn Briefträger werden offensichtlich weiterhin gebraucht, sogar noch mehr als bisher, sonst gäbe es doch keine neuen Bewerber. Aber sie sollen dennoch weniger Geld bekommen, obwohl die Post sie ohne Schwieirigkeiten weiter vernünftig bezahlen könnte. Das soll mir mal einer erklären.
Und generell: Gerade gut Ausgebildete, Hochschulabsolventen werden ebenfalls immer schlechter bezahlt. Bildung rettet also auch nicht vor dem Hungerlohn. Mehr:
http://www.blogsgesang.de/2007/12/07/der-mindestlohn-als-ordnungsfaktor/
am 10. Dezember 2007 um 17:00
Hallo,
also hier muss ich dem Verfasser temporär voll und ganz zustimmen. Im Besonderen was die Bildung angeht, ist es bei den meisten hiesigen Unternehmern wie Managern nicht sehr weit her. Auf diesen „Stand“ trifft hierbei leider auch das sog. gauß‘sche Modell zu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Normalverteilung
Dummerweise wird dieser „Zustand“, in unserer von Wirtschaft abhängigen Gesellschaft, zum einen noch immer toleriert und zum anderen werden die sich daraus ergebenden Konsequenzen weder bestraft noch belohnt. Sprich es ist mittlerweile vollkommen irrelevant ob ein Unternehmer/Manager gebildet oder dumm wie Bohnenstroh ist. Der hiesige „Markt“ belohnt/bestraft ihn weder für das Eine noch für das Andere. Würden durch den hiesigen „Markt“ nur die gebildeten Entscheidungsträger belohnt, gäbe es vom Prinzip her kaum mehr einen Regulierungsbedarf für Mindest- oder Kombilöhne.
Doch solange in diesem Land massenhaft Pseudounternehmer frei herumlaufen dürfen, welche z.B. nach wie vor die Sonderleistungen/Vergütungen/Erlässe, die sie für eine besondere Art Mitarbeiter vom Staat erhalten, in ihre Kosten- und Angebotskalkulation einrechnen. So lange brauchen wir leider auch Sonderregeln wie Mindest- oder Kombilohn…
Gruß
am 5. Januar 2008 um 14:08
Mindestlohn oder Bürgergeld?…
Dass sogar die FDP für ein „Bürgergeld“ eintritt („FDP will „Bürgergeld“ statt Mindestlohn“), sollte eigentlich alle Befürworter einer staatlichen Grundsicherung langsam stutzig machen. Ist doch das Bürgergeld f…