Jörg Friedrich


Benedikt: Auf Hoffnung hin sind wir gerettet.

03. Dezember 2007 Kategorie: Gesellschaft |

Lohnt es sich für einen Atheisten oder Agnostiker, die neueste Enzyklika des Papstes zu lesen? Was erwarte ich, wenn ich mich mit einem Text beschäftige, den das Oberhaupt einer Organisation ausdrücklich nur an die Mitglieder dieser Kirche schreibt, steht doch schon im Titel: „An die Bischöfe, an die Priester und Diakone, an die gottgeweihten Personen und an alle Christgläubigen“?

Zunächst einmal, dies schreibt ein kluger, ein gebildeter, ein erfahrener Mann. Ein Mann, der viel nachgedacht, gelesen, geschrieben und gestritten hat. Seine Organisation, die katholische Kirche, verliert zwar in dem Teil der Welt, in dem ich mich täglich bewegem an unmittelbarem Einfluss, hat aber genau diese europäische Gesellschaft über zwei Jahrtausende erheblich mit geprägt. Die Werte- und Normenstruktur, der ich seit meiner Geburt ausgesetzt bin, ist letztlich in der Annahme oder Ablehnung und in der Außeinandersetzung mit den Vorgaben der Kirche entstanden.

Es gibt Menschen in meinem unmittelbaren Lebensumfeld, die fest in dem Normen und Werten, aber auch im Glauben der Kirche verwurzelt sind. Auch um sie zu verstehen ist es gut, zu wissen, was der Papst z.B. über die christliche Hoffnung und das ewige Leben zu sagen hat. Aber diese Wurzeln halten ja, wenn auch weniger stabil, auch mich selbst. Wie stark diese haltenden Kräfte sind, wo die Verbindung schon ganz gerissen ist und was mir statt dessen Halt gibt, auch das kann ich in Auseinandersetzung mit dem Papst-Text vielleicht herausfinden.

Die Enzyklika ist vielschichtig und komplex, es ist ganz aussichtslos, ihr in einem kleinen Blog-Artikel gerecht werden zu wollen. Nur ein paar Sätze:

Gegenwart, auch mühsame Gegenwart, kann gelebt und angenommen werden, wenn sie auf ein Ziel zuführt und wenn wir dieses Ziels gewiß sein können; wenn dies Ziel so groß ist, daß es die Anstrengung des Weges rechtfertigt. Nun drängt sich sogleich die Frage auf: Welcher Art ist denn diese Hoffnung, die es gestattet zu sagen, von ihr her und weil es sie gibt, seien wir erlöst?

Über das „ewige Leben“:

Aber da steht nun die Frage auf: Wollen wir das eigentlich – ewig leben? Vielleicht wollen viele Menschen den Glauben heute einfach deshalb nicht, weil ihnen das ewige Leben nichts Erstrebenswertes zu sein scheint. Sie wollen gar nicht das ewige Leben, sondern dieses jetzige Leben, und der Glaube an das ewige Leben scheint dafür eher hinderlich zu sein. Ewig – endlos – weiterzuleben scheint eher Verdammnis als ein Geschenk zu sein.

Wir können nur versuchen, aus der Zeitlichkeit, in der wir gefangen sind, herauszudenken und zu ahnen, daß Ewigkeit nicht eine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen ist, sondern etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen.

Über Hoffnung im Alltag:

Alles ernsthafte und rechte Tun des Menschen ist Hoffnung im Vollzug. Zunächst in dem Sinn, daß wir dabei unsere kleineren oder größeren Hoffnungen voranzubringen versuchen: diese oder jene Aufgabe lösen, die für den weiteren Weg unseres Lebens wichtig ist; durch unseren Einsatz dazu beitragen, daß die Welt ein wenig heller und menschlicher wird und so auch sich Türen in die Zukunft hinein auftun. Aber der tägliche Einsatz für das Weitergehen des eigenen Lebens und für die Zukunft des Ganzen ermüdet oder schlägt in Fanatismus um, wenn uns nicht das Licht jener großen Hoffnung leuchtet, die auch durch Mißerfolge im kleinen und durch das Scheitern geschichtlicher Abläufe nicht aufgehoben werden kann.

Ich werde in den nächsten Tagen einzelne Abschnitte der Enziklika hier herausgreifen und meine Gedanken darstellen. Über interessierte Diskussionsbeiträge würde ich mich natürlich sehr freuen.


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2 Kommentare to “ Benedikt: Auf Hoffnung hin sind wir gerettet. ”

  1. # 1 Aki Arik schreibt:

    Da hast du recht, dieser Papst ist, vor allem wenn man ihn mit manchen Gestalten aus dem späten Mittelalter vergleicht, wirklich ganz o.k. (bin selbst nicht katholisch).
    Aber z.B. zu der Aussage in der Enzyklika: „Wollen wir das eigentlich – ewig leben? Vielleicht wollen viele Menschen den Glauben heute einfach deshalb nicht, weil ihnen das ewige Leben nichts Erstrebenswertes zu sein scheint. Sie wollen gar nicht das ewige Leben, sondern dieses jetzige Leben“, finde ich, dass die Kirche hier zwei Dinge vermischt.
    Wenn sich die Menschen von der Kirche abwenden, heißt das ja noch lange nicht, dass sie vollkommen „diesseitig“ orientiert wären. So versucht das die Kirche aber immer hinzustellen. Wer nicht jeden Sonntag in den Gottesdienst geht, oder wen diese Lehre nicht mehr überzeugt, für den ist angeblich insgesamt „das ewige Leben nichts Erstrebenswertes“ mehr. Ich finde, dass es sich hier die Kirche zu einfach macht, bzw. sie ist hier auch blind zu erkennen, was die Menschen heute antreibt.
    Für viele Menschen ist z.B. eine Wiedergeburtslehre (z.B. der Buddhismus) besser zu vereinbaren mit ihrem modernem Lebensgefühl. Eine solcher Glauben passt für viele heute stimmiger (wenn auch oft unbewusst) zu der heute vorherrschenden „kulturellen Leitformel“, dass das Leben nur dann einen Sinn habe, wenn man ihm selber einen gibt. Denn hier habe ich es scheinbar selbst (durch meine Taten) in der Hand, ob und als wer, ich wiedergeboren werde. Bin nicht mehr von einem willkürlich entscheidenden „höchsten Richter“, an einem „jüngsten Gericht“, abhängig. Und wer will heute schon abhängig sein, anstatt autonom und unabhängig ;-)
    Ohne das ich jetzt die verschiedenen Glaubenswege beurteilen will, oder überhaupt kann (wenn das überhaupt möglich ist!), fällt auf, dass die Kirche auf so ein, bestimmt berechtigtes, Lebensgefühl der Menschen gar nicht eingeht, sondern immer wieder gebetsmühlenartig ihre Standardformeln wiederholt.
    Also trotz diesem wirklich gebildeten Papst scheint mir die heutige Kirche (anders als z.B. zur Zeit des Augustinus) insgesamt eher intellektuell in Formeln erstarrt.

  2. # 2 Jörg schreibt:

    Interessanter Hinweis, dass jemand, der sich von der Kirche abwendet, sich nicht unbedingt von Jenseits-Gedanken abwendet.

    Inwieweit die Kirche zu Augustinus‘ Zeiten weniger starr war, kann ich nicht beurteilen. Ich glaube, sie hatte schon mal starrere Zeiten als heute. Aber das ist ohnehin nicht mein Thema, da bin ich gar nicht kompetent. Für mich ist Benedikt ein kluger Kopf mit sehr speziellem Hintergrund, und als solcher interessiert mich, was er schreibt.

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