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Jörg Friedrich


Freiheit ist Sicherheit – Was heißt das?

30. November 2007 Kategorie: Gesellschaft, Philosophie |

Unter dem Titel „Freiheit ist Sicherheit“ demonstrierten am vergangenen Wochenende 450 Leute in Köln, auch in diesem Blog wurde dafür geworben. Im FreiheIT-Blog las ich gestern eine Betrachtung zum Motto der Veranstaltung, die mich zu weiteren Überlegungen zu diesem merkwürdigen Satz „Freiheit ist Sicherheit“ anregte.

Der Satz ist eine Tatsachenbehauptung: A ist B. Wir verwenden solche Sätze allerdings mit ganz unterschiedlichem Sinn. Die erste Variante ist: A ist das gleiche (dasselbe) wie B: Der Morgenstern ist der Abendstern. Eine andere Variante: A ist ein spezielles B: Der Morgenstern ist ein Planet. Beide Bedeutungsvarianten meinen wir nicht, wenn wir sagen, Freiheit ist Sicherheit. Die Tatsachenbehauptung, die hier ausgesprochen wird, ist: Freiheit ist die Grundlage für Sicherheit.

Das ist ein Satz wie der berühmte Satz „Wissen ist Macht“. Wissen ist die Voraussetzung von Macht, ist die Bedingung dafür, dass Macht ausgeübt werden kann. Bevor ich zu dem Satz, der mich ursprünglich interessierte, zurück komme, will ich diesem Sprichwort noch ein wenig nachgehen, weil es bekannter ist als unser neue Satz.

Ist Wissen die Bedingung für Macht? Mancher wird jetzt, wenn er genauer darüber nachdenkt, sagen, dass es viele Unwissende gibt, die mächtig geworden sind. Und es gibt viele Wissende, die machtlos blieben. Wir müssen genauer angeben, was wir mit Wissen und was wir mit Macht meinen, um sagen zu können, ob der Satz stimmt.

Der Politiker, der etwas Privates über seinen Widersacher weiß, befindet sich vielleicht in einer Machtposition, auch wenn er an sich ein dummer Mensch ist. Hier stimmt der Satz. Der Wissenschaftler, der als Mitglied einer Expertenkommission Einfluss auf Politiker nimmt, kann große und vor allem nachhaltige Macht entfalten. Auch da stimmt der Satz.

Genau genommen heißt der Satz „Wissen ist Macht“ nämlich nicht, dass, wer weiß, immer mächtig ist, sondern dass Wissen (welcher Art auch immer) der Macht nur nützt, und nie schadet.

Zurück zu unserem Satz „Freiheit ist Sicherheit“, der nun bedeutet: „Freiheit nützt immer der Sicherheit, sie schadet der Sicherheit nie.“

Ist dieser Satz richtig? Auf alle Fälle lässt er sich empirisch bestätigen. In freien Gesellschaften leben die Menschen sicherer als in unfreien Gesellschaften. Viele Freunde der Unfreiheit werden das bestreiten, und an dem Streit, der sich daran entzündet, wird man sehen, dass die Menschen ganz verschiedene Vostellungen nicht nur von der Freiheit, sondern auch von der Sicherheit haben.

Unfreiheit kann lange eine scheinbare Sicherheit vorgaukeln. Aber eine solche Unfreiheit hat immer eine Menge nicht umgebarer Unsicherheiten im Gepäck: es ist die fehlende Sicherheit vor Repression durch die Diktatur und die fehlende Sicherheit gegenüber der Irrationalität der Diktatoren. Das, was als sicher erscheint, wird unter einer immer instabiler werdenden Decke der Reperession immer unsicherer, und wird schließlich zerstört. Deshalb gibt es gerade in Diktaturen keine Sicherheit, nicht vor Verfolgung durch den Unterdrückungsapparat und auch nicht vor der Eskalation von äußeren Konflikten, zu denen die Diktaturen neigen.

Davor schützt die Freiheit, denn sie schützt vor Willkür und irrationaler Politik. Das ist die Sicherheit, die durch die Freiheit garantiert wird.


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7 Kommentare to “ Freiheit ist Sicherheit – Was heißt das? ”

  1. # 1 Annika schreibt:

    Gefällt mir sehr gut :-) auf den Vergleich zu „Wissen ist Macht“ wäre ich nicht gekommen, aber er ist sehr schlüssig und zeigt genau das, was wir uns bei diesem Motto gedacht haben.

  2. # 2 ThoroughThinking schreibt:

    Auch ein gutes Verständnis des Slogans. :)

  3. # 3 Endlosrekursion schreibt:

    Freiheit und Sicherheit…

    Das Verhätnis der beiden Rechtsgüter Freiheit und Sicherheit in einer dreidimensionalen Betrachtung.
    ……

  4. # 4 romanmoeller schreibt:

    Ich stimme da voll zu, nur gebe ich zu bedenken das auch Freiheit nicht vollständig Sicherheit garantieren kann. Welche Form von Sicherheit meinen wir eigentlich? Die, das keine Attentate verübt werden? Idioten gibt es in jeder noch so freien Gesellschaft! Die Sicherheit von Naturkatastrophen? Da hat die Gesellschaftsform wohl kaum Einfluß drauf.

    Wichtig ist, das eine freiheitliche Gesellschaft der Gesinnung und dem Ideal dem mit Abstand größten Teil der Bevölkerung (Gott sei Dank) an nächsten kommt – daher ist es auch die mit Abstand beste Gesellschaftsform. Das ist aber normal. Auch in Ländern mit Diktaturen wollen die meisten Menschen einfach nur in Freiheit leben – davon gehe ich fest aus!

  5. # 5 Michael Kostic schreibt:

    Die Schwierigkeit in diesem Zusammenhang ist die, dass die Aussage „Wissen ist Macht“ in unserer Gesellschaft, von Bürgern aller Gesellschaftsschichten, empirisch erfassbar ist.

    Die Aussage „Freiheit ist Sicherheit“ kann aber nur von den Teilen der Gesellschaft nachvollzogen werden die wenigstens eines von Beidem als vermeintlichen „Wert“ zu schätzen gelernt haben, resp. zu schätzen wissen. Eine Analogie:

    Ärzte die sich z.B. bei Entwicklungshilfeprojekten in der Dritten Welt engagieren wollen, legt man deutlich nahe, sich nach ihrer Rückkehr in therapeutische Behandlung zu begeben. Jedoch nicht weil sie derart viel Elend gesehen haben, wie man meinen könnte, sondern damit sie nicht in dieser unseren Gesellschaft total den Verstand zu verlieren. Viele dieser Ärzte kommen nach ihrem Aufenthalt nicht mehr mit Menschen zurecht die, in ihren Augen, all den Luxus den Überfluss die „Freiheit“ und „Sicherheit“ nicht zu schätzen wissen.

    Laut Wikipedia leben in Köln rund 1 Mio. Menschen. Laut dem statistischen Bundesamt besitzt jeder zweite Deutsche einen Computer, jeder zwanzigste „Surft“ regelmäßig im Internet. Wie viele Bürger hatten am 28. Nov. demonstriert? Das sind die Bürger die verstanden haben wie wichtig ihre Freiheit ist und das ihnen nur diese Sicherheit bringt.

  6. # 6 Jörg schreibt:

    Danke für Eure Anregungen zum Weiterdenken.

    Ich würde zwei Arten von Sicherheit unterscheiden wollen: Die Sicherheit der Gesellschaft und die Sicherheit des Einzelnen. Die Sicherheit des Einzelnen kann ohne Einschränkung der Freiheit nicht gewährleistet werden, die Sicherheit der Gesellschaft, sozusagen die Stabilitiät der Gesamtkonstruktion, aber schon. Indem die Stabilität der Gesellschaft sichergestellt wird, wird auch die Sicherheit und die Freiheit des Einzelnen, soweit das möglich ist, garantiert.

  7. # 7 Michael Kostic schreibt:

    @6Jörg:

    Sehr schwierig wird die Situation in diesem Kontext dann, wenn politisch einflussreiche Entscheidungsträger diese Differenzierung nicht, bzw. nicht mehr vornehmen können oder wollen. Wobei auch nicht unerwähnt bleiben sollte, dass die Fähigkeit zu solcherlei komplexen Differenzierungen eine minimale soziale Kompetenz des Einzelnen voraussetzt…

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