Jörg Friedrich


Ist die Musikindustrie selbst schuld?

27. November 2007 Kategorie: Gesellschaft |

Früher haben wir auch Musik kopiert, von einer Kassette zur anderen, oder vom Radio aufgenommen. Die Qualität litt dabei spätestens bei der dritten Kopie so sehr, dass, wer es sich leisten konnte, sich doch lieber die echte LP gekauft hat.

Seit es auf digitalem Weg möglich ist, Musik ohne Qualitätsverlust zu kopieren, kommen die, die von der Produktion dieser Werke leben zunehmend in echte Probleme. Und da das Kopieren schon immer gegen das Urheberrecht verstößt, beauftragt man der Rechtsstaat, das Recht, welches gilt, auch anzuwenden.

Man sollte meinen, dass selbst die, die illegal Musik oder Videos oder was auch immer kopieren, sich wenigstens bewusst sind, dass sie gegen geltendes Recht verstoßen, und dass sie letztlich diejenigen schädigen, deren Werke sie genießen wollen und die sie als Idole verehren. Schließlich weiß der Ladendieb auch, dass er sich nicht erwischen lassen darf, weil das, was er da tut, verboten ist. Aber das ist weit gefehlt, wie aktuelle Diskussionen z.B. beim Spiegelfechter und bei
Thomas Knüwer zeigen. Statt dessen meint man, der Industrie Vorschriften darüber machen zu dürfen, wie sie ihre Produkte gefälligst anzubieten haben.

Meint wirklich jemand, dass das illegale und kostenlose Kopieren eingestellt werden würde, wenn die Industrie die Musik zu „fairen Preisen“ ins Netz stellte? Und was wäre ein „fairer Preis“? Ganz zu schweigen davon, dass sich die wenigsten dieser Klugschwätzer schon einmal Gedanken darüber gemacht haben, wie man massenhafte Transaktionen von Beträgen im Cent-Bereich effektiv fakturiert, zumal nur wenige bereit sind, ihre Identität, die zur Abwicklung einer solchen Transaktion nunmal benötigt wird, bei jeder Zahlung preiszugeben. Systeme, die da geeignet sind und auf Akzeptanz stoßen, entstehen gerade erst, aber illegal kopiert wird schon seit Jahren.

Auch die Verantwortlichen der Musikindustrie wissen, dass sich ihr Geschäftsmodell durch das Internet ändert. Aber sämtliche Neuausrichtungen sind mit erheblichen Risiken und Unsicherheiten verbunden. Deshalb ist es sinnvoll, für die bisherigen Vertriebswege so lange wie möglich Rechtssicherheit zu behalten – und das Ausschöpfen der Mittel des Rechtsstaats ist da wohl legitim.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2007/11/27/ist-die-musikindustrie-selbst-schuld/

12 Kommentare to “ Ist die Musikindustrie selbst schuld? ”

  1. # 1 Spiegelfechter schreibt:

    Statt dessen meint man, der Industrie Vorschriften darüber machen zu dürfen, wie sie ihre Produkte gefälligst anzubieten haben.

    Eine seltsamer Erklärungsansatz für einen Verfechter des freien Marktes. Selbstverständlich ist es der Kunde, der bestimmt, zu welchen Konditionen er ein Produkt erwirbt und zu welchen Konditionen er sich dieses Produkt lieber anderweitig besorgt. Du weißt doch sicher, was Angebots- und Nachfragemärkte sind. Wenn die MI sich nicht auf die Wünsche der Kunden einlässt, so muss sie wohl leider auch weiter über „Raubkopierer“ jammern.

    Und erzähle mir bitte nicht, es sei nicht möglich, ein Portal aufzubauen, dass ganz einfach MP3-Dateien ohne DRM für Beträge um die 50Cent das Stück anbietet.

  2. # 2 Jörg schreibt:

    Zu welchen Konditionen er es erwirbt, dass sei dem Verbraucher überlassen, aber wie er es sich „anderweitig besorgt“ darf ja wohl der Rechtsstaat regeln? Wenn die Wasserleitungen eines Wasserversorgers angezapft werden würden, weil ein Verbraucher sich entscheidet, das Wasser „anderweitig zu besorgen“ würde man ja wohl auch die Strafverfolgungsbehörden einschalten?

    Und: natürlich ist es möglich, solche Portale aufzubauen. Das schrieb ich ja. Aber die Transaktionen müssen auch effizient und sicher abgewickelt werden, das kostet Geld. Welche Zahlungssysteme hier wirklich auf Akzeptanz stoßen, klärt sich gerade erst.

    Unabhängig davon ist aber völlig ungewiss, ob das Raubkopieren wirklich nachlässt, wenn man auf einer Tauschbörse einen Song kostenlos bekommt, für den man anderswo 30 ct. bezahlen soll.

  3. # 3 Spiegelfechter schreibt:

    Natürlich liegt hier ein Delikt vor. Es geht um Verletzungen des Urheberrechtes, da man über Börsen auch anbietet. Das Herunterladen als solches und die persönliche Nutzung sind indes „legal“ – rechtlich handelt es sich allerdings um einen Bagatelldelikt. Jedenfalls in den Fällen, die ich meine – ich spreche hier ja nicht von kommerziellen Verstößen. Das der Staat kein Interesse daran hat, jährlich rund 60.000 Klagen zu bearbeiten, dürfte Dir auch klar sein.

    Unabhängig davon ist aber völlig ungewiss, ob das Raubkopieren wirklich nachlässt, wenn man auf einer Tauschbörse einen Song kostenlos bekommt, für den man anderswo 30 ct. bezahlen soll.

    M.E. schon – die „Tauschbörsensoftware“ ist unsicher, langsam, unflexibel und nimmt jede Menge Bandbreite ein. Sicher wird es weiter User geben, die die Börsen nutzen, aber bei reelen Preisen und Konditionen würden sicher viele User die Titel legal erwerben.

  4. # 4 Jörg schreibt:

    M.E. schon – die „Tauschbörsensoftware“ ist unsicher, langsam, unflexibel und nimmt jede Menge Bandbreite ein.

    Das wusste ich nicht, uner diesen Umständen gibt es da natürlich in der Tat Hoffnung, auch wenn das natürlich wieder bedeutet, dass man extrem in Systeme und Usability investieren muss, um die Nutzer zum Umstieg zu bewegen.

    Es geht übrigens nicht darum, ob es für irgendjemanden effektiv ist, wenn der Klageweg gegangen wird. Mir geht es darum, dass hier praktisch mal eben eine Umkehr der Zuweisung von Fehlverhalten vorgenommen wird.

  5. # 5 Spiegelfechter schreibt:

    Ob man derart investieren muß, will ich auch einmal bezweifeln. Nehmen wir die Software iTunes als Beispiel, die ich z.B. nutze. Die Software ist bereits ausgereift, das hinter ihr stehende Shop- und Bezahlsystem ebenfalls. Die Songs sind allerdings noch etwas zu teuer, und (was wichtiger ist) sie unterliegen DRM-Beschränkungen. Eine Anpassung an ein System, wie ich es oben vorgeschlagen habe, dürfte aber kein großer Aufwand sein. Simple Internetseiten, die auf eine zentrale Verwertungsplattform der MI zurückgreifen und für den Verkauf Provision erhalten, dürften auch sehr einfach zu realisieren sein. Man muß das Rad nicht zweimal erfinden ;-)

    Mir geht es darum, dass hier praktisch mal eben eine Umkehr der Zuweisung von Fehlverhalten vorgenommen wird.

    Im Kern stimme ich Dir ja auch zu, nur empfinde ich die „Shock and Awe“ Strategie der MI als Behinderung der Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden und die geforderten Schadensersatzleistungen als sittenwidrig. Sorry, das ist meine Meinung ;-)

  6. # 6 Fragezeichner schreibt:

    Wenn ein Recht so massenweise gebrochen wird, kann es auch am Recht liegen. Und dann muss man das Recht ändern, wie es schon oft in der Geschichte geschehen ist. Urheberrecht ist ja nicht in Stein gemeisselt.
    Dass die Ursachen des Niedergangs der Musikindustrie im illegalen Download begründet sind, vertreten mittlerweile nicht ein mal mehr all ihre Vertreter…

    Der Link könnte dich interessieren: http://www.ted.com/talks/view/id/187

  7. # 7 Jörg schreibt:

    Hallo Fragezeichner, das Recht deshalb zu ändern, weil es massenhaft gebrochen wird, scheint mir keine sinnvolle Strategie zu sein. Bei der Straßenverkehrsordnung z.B.tut man zum Glück das Gegenteil, sonst würden wir wohl inzwischen selbst in Wohngebieten kein Tempolimit mehr haben.

    Und gerade mit dem Urheberrecht sollte man vorsichtig sein, es schützt eine Menge kreativer Leute. Und auch hier darf man nicht vergessen, dass die meisten Autoren, Musiker und Komponisten nicht gerade im Geld schwimmen.

  8. # 8 Fragezeichner schreibt:

    Jörg, ich würde das auch nicht als generelle Strategie empfehlen. Aber in diesem speziellen Fall gibt es trotz jahrelanger „Belehrung“ und Strafaktionen keinen Rückgang der Downloads und auch kein Unrechtsbewusstsein. Und wenn 50% der Bevölkerung dauerhaft als Verbrecher hingestellt werden, könnte das katastrophale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben.

    Vom Urheberrecht profitieren vor allem Plattenfirmen, denn die sind es, die sich von den Künstlern, die sie unter Vertrag haben, alle Rechte überschreiben lassen. Viele Musiker gehen mittlerweile eigene Wege und sind in der Regel recht froh, über ihre Arbeit und musikalische Identität selbst bestimmen zu können. Mach dir über die Musiker und die Musik mal keine Sorgen, es gibt genügend Musikliebhaber, die für Musik bezahlen, vor allem auch für Konzerte.
    Schwieriger sieht die Sache für Filme aus…

  9. # 9 ckwon schreibt:

    Erstmal vorweg: Mein erster Kommentar ist gleich ein kritischer, lese aber dein Blog gerne.

    Was du mMn übersiehst ist, dass mit DRM/Kopierschutz-CDs u.ä. gerade der zahlende Kunde getroffen wird (noch schlimmer finde ich „Raubkopierer sind Verbrecher-Spots im Kino oder auf DVD). Diejenigen die sich ihr Zeug in Tauschbörsen besoregn haben im Endeffekt sogar einen Mehrwert (Wenn man von Booklet etc absieht).

    Und die Musik- bzw. Filmindustrie tut es sich zu einfach, wenn man Verluste oder Gewinnrückgänge nur auf „Raubkopierer“ zurückführt. Vielleicht liegt es auch an obigen Gängelungen/Preisen/Qualität.
    Ich z.B. kaufe in den letzten Jahren immer weniger, weil ich mit Preis-Leistung nicht zufrieden bin. Früher habe ich deutlich mehr Musik gekauft. Einen DRM-freien Musikshop würde ich zu fairen Preisen aber auch dann wieder nutzen.

    Ich benutze keine Tauschbörsen für nicht-freies Material, aber ich halte auch nix davon, die gesamte Bevölkerung zu kriminalisieren. Die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt bleiben.

  10. # 10 Jörg schreibt:

    Ich muss ja zugeben, dass ich nichtmal weiß, was DRM ist. Wenn ich Musik hören will, mache ich endweder das Radio an oder kauf mir eine CD. Werde wohl mal meine Kinder befragen müssen…

  11. # 11 marko schreibt:

    Meint wirklich jemand, dass das illegale und kostenlose Kopieren eingestellt werden würde, wenn die Industrie die Musik zu „fairen Preisen“ ins Netz stellte?

    Gegenfrage: Meint jemand wirklich, niemand würde mehr für Musik Geld geben, falls Filesharing vollkomen legal wäre?

    Ich habe sicherlich das Know-How mir sehr viel Musik illegal (oder zumindest in einer legalen Grauzone, das ist ja nicht so ganz klar) zu besorgen. Dennoch kaufe ich mir regelmäßig CDs. Und das nicht zu knapp.

    Warum? Oh, da gibt es so einige Gründe:

    So eine echte CD hat für mich eben mehr Charme als ein paar nackte Dateien. Deswege gebe ich übrigens auch gerne mal ein paar Euros mehr für eine „Limited Edition“ aus und bin um so erboster über Musikverlage die (wie mir bei Mobys Hotel passiert) genau diese Sammlerausgabe mit einem „Kopierschutz“ belegen, so dass ich mir die Musik nicht einfach (oder möglicherweise auch nur illegal) auf meinen MP3-Player überspielen kann.

    Desweiteren unterstütze ich gerne die Künstler, deren Werke ich genieße. Es scheint immer mehr Künstler zu geben, die ausprobieren, ob sie nicht auch mit einer „freiwilligen“ Unterstützung ihrer Fans leben können. Radiohead sind da nur die derzeit bekanntesten. Die Einstürzenden Neubauten machen das z.B. AFAIK schon wesentlich länger, wenn auch etwas anders. Desweiteren gibt es viele weitere Beispiele, von ganz bekannten bis hin zu absoluten Newcomern. Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass so ein kollektives Mäzenatentum ein tragfähiges Konzept für die Zukunft ist. Tragfähiger als die derzeitigen Versuche mit Gesetzen, Kopierschutz und DRM den Status Quo zu zementieren.

    Last but not least ist es für mich mitunter komfortabler Musik auf CDs zu kaufen, als sie herunterzuladen. Dieser Vorteil würde wohl schmelzen, falls Filesharing legal wäre, aber ich glaube kaum, dass selbst dann Filesharing jemals so komfortabel werden würde wie iTunes. Ausserdem ist ein physikalische Plattenladen immer etwas anderes als Filesharing im Internet. Bei einigem hat ersteres innewohnende Vorteile, bei anderem letzteres. Es ist an den Plattenläden, ihre eigenen Vorteile auszubauen.

  12. # 12 Die Zukunft der Musik-Vermarktung | Jörg Friedrich schreibt:

    […] schrieb ich, angeregt durch den Spiegelfechter und Thomas Knüwer, über das Problem des illegalen Downloads […]

Kommentieren

XHTML: Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>