Was ist ein Watch-Blog?
Leute, die ein Watch-Blog betreiben, formulieren meist einen aufklärerischen Anspruch: Sie setzen sich „kritisch mit [einer Tageszeitung auseinander]– mit den kleinen Merkwürdigkeiten und dem großen Schlimmen, mit ihrem Selbstverständnis und ihrer Wirkung auf andere Medien“ oder sie wollen „Kampagnen … entlarven und somit die Ziele … konterkarrieren.“. Sie versprechen „eine kritische Dokumentation über [eine rechtsextreme Partei] und deren Umfeld“ oder sie „wollen Klischees geraderücken, Vorurteile entkräften, Irrtümer richtigstellen und beliebte Dauerbrenner entschärfen“.
Lösen Watchblogs ihr Versprechen ein, werden sie ihren Ansprüchen gerecht? Warum gelingt ihnen das, und warum versagen sie?
Beim Bildblog kann man nicht kommentieren, und deshalb entzünden sich Diskussionen über die Wirksamkeit dieses wohl größten deutschen Watchblogs immer wieder beim BildBlog-Macher Stefan Niggemeier. BildBlog wird von Leuten gemacht, die Meldungen von Bild aufgreifen und nachrecherchieren und dabei oft auf Fehler stoßen. Kritische Auseinandersetzung heißt bei den BildBloggern also Überprüfung des Wahrheitsgehalts von Tatsachenbehauptungen. Die aufgezeigten Fehler sprechen für sich, die BildBlogger können sich mit der Bewertung also zurückhalten.
Auch wenn an BildBlog, wie man in den verlinkten Diskussionen nachlesen kann, berechtigte Kritik geäußert wird, kann man BildBlog wohl als ziemlich idealen Fall eines WatchBlogs bezeichnen. Da werden durch akribische Recherche Fakten zu Argumenten, die für sich selbst sprechen und deshalb nicht mehr bewertet werden müssen.
Wer nicht so viel Zeit hat, um Behauptungen als Lügen zu analysieren, in dem er Fakten ermittelt und Widersprüche aufzeigt, und trotzdem ein gesellschaftliches Phänomen kritisch begleiten will, kann einfach Tatsachen dokumentieren, wie es z.B. der NPD-Watch-Blog tut. Das ist Fleißarbeit und appeliert an die Vernunft des Lesers, ganz im Sinne des Ideals der Aufklärung. Im Prinzip tun die NPD-Watch-Blogger etwas gaz ähnliches wie die BildBlogger, nur das letztere die Tatsachen meist erst ermitteln müssen, während die ersteren die entlarfenden Dokumente meist im Original im Netz finden und „nur noch“ zusammenstellen.
Ähnlich arbeitet auch der Watchblog Islamophobie, der vor allem die unterschiedlichesten Nachrichten über den Islam, den Islamismus und die Islam-feindlichkeit sammelt und darauf baut, dass der Leser aus diesen Berichten die richtigen Schlussfolgerungen ziehen kann.
Wer weder Zeit zur Recherche hat noch auf die Kraft der Tatsachen vertraut, dem bleibt zum Bekämpfen seiner Gegner nicht meh viel: Er muss mit direkten Bewertungen, ohne diese zu begründen, arbeiten, die immer Gefahr laufen, Klischees zu bedienen oder als pure Verleumdung oder Beleidigung ohne faktische Begründung gelesen zu werden. Politisch korrekt ist so ein Fall, wo jede Meldung, die von dem, den man da beobachtet, kommt, einfach als Unsinn (oder z.B. als Schauermärchen) hingestellt wird, ohne dass man sich die Mühe eigener Argumentation macht. Bei Meldungen, die nicht ins eigene Bild passen, werden die Protagonisten einfach als nicht „glaubhaft … wegen zahlreicher Korruptionsaffären“ bezeichnet – damit ist klar, dass das ganze nur eine „Horrorstory“ ist.
Ein besonders ausgeprägter Fall eines Watch-Blogs, der so funktioniert, ist zweifellos . Hier sucht man vergeblich nach irgenwelchen Tatsachen, die die Ablehnung der beobachteten Organisation, hier die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, rechtfertigen könnten, statt dessen nur Beleidigungen wie „egomanischer Armleuchter“ und „Scheisshaus-Parolen aus dem neoliberalen Lager“. Man fragt sich besorgt, ob so ein Blog die INSM oder deren Gegner entlarft.
Natürlich, wer einen Gegner hat, muss mit ihm nicht liebevoll und freundlich umgehen. Und wenn ein Watchblog nur das Ziel hat, innerhalb einer geschlossenen Gruppe die eigene und ohnehin schon weitgehend übereinstimmende Meinung zu bestätigen, funktionieren auch die, die auf Erniedrigung und Beleidigung setzen.
Aufklärung und Entlarfung ist aber etwas anderes – das zielt auf die unsicheren, suchenden, zweifelnden und kritischen Köpfe. Und für die – das ist der Sinn des Aufklärungsgedankens – zählt nur das nachvollziebare Argument. Voraussetzung dafür ist der sachliche Umgang mit dem Andersdenkenden, die Akzeptanz seiner Integrität. Tobsuchtanfälle haben noch keinen überzeugt. Sachliche Argumente schon. Wo die nicht gebracht werden, wachsen die Zweifel, ob es sie überhaupt gibt.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2007/11/23/was-ist-ein-watch-blog/



am 24. November 2007 um 00:31
Jörg Friedrich tut so, als gäbe es für Blogger, die sich auf andere beziehen nur die Möglichkeiten: 1. nachzurecherchieren und gegenfakten zu liefern oder 2. Hetzen und verleumden.
Der weit aus wichtigste Teil des watch- oder Kommentarblogs liegt aber in der ÜBerprüfung der logischen konsistenz des originalbeitrags. das passiert auf politisch korrekt aber schon häufig.
Es ist nicht immer unbedingt nötig, fakten nachzurecherchieren. gerade bei PI sind ja die Interpretationen von Pressemeldungen derart unlogisch und weit hergeholt, dass man viel klarstellen kann, indem man eben mal kurz Ockham’s Razor ansetzt oder Ähnliches. die Kunst der interpretation will halt gelernt sein…
am 24. November 2007 um 10:23
Lassen Sie das Bloggen am besten, Herr Friedrich. Das geht nur in die Hose…
Kommentare bei Herrn Niggemeier schreiben sollte Sie eigentlich vollkommen ausfüllen.
am 24. November 2007 um 13:35
@sm,
es ist natürlich richtig, auch das Nachweisen logischer Inkonsistenz wäre eine Möglichkeit der Kritik. Ich glaube gern, dass es die bei „Politisch korrekt“ gibt, ich habe zwar keine gesehen, aber ich habe mir natürlich auch nicht alle beiträge angesehen.
@hein, das schöne bei den Blogs ist ja, dass jeder das so machen kann, wie er möchte, genauso wie jeder die Blogs lesen und kommentieren kann, die er möchte.
am 24. November 2007 um 14:20
@ Jörg: Eigenartig, dabei hättest du da gar nicht lange danach suchen müssen. Es sei denn, dass du das, was auf vielen islamophoben geschrieben wird, gar nicht für logisch inkonsistent hältst. Eine andere Erklärung für die Erfolglosigkeit deiner „Suche“ fällt mir im Moment jedenfalls nicht ein. Oder kannst du mir wenigstens halbwegs nachvollziehbar erläutern, warum zum Beispiel ein Beitrag wie dieser – als einer von ganz vielen – bei dir offensichtlich nicht als Nachweis galoppierender logischer Inkonsistenz durchgeht?
am 24. November 2007 um 16:16
Von einem aufklärerischem Anspruch ist, von bildblog mal abgesehen, gerade bei diesen sich hochtrabend watchblogs nennenden blogs nichts zu spüren, sondern sie wirken wie Denunziations-, Desinformations- und Hasschleudern und um es konsequent fortzusetzen müsste ihnen gleich wieder ein weiterer Watchblog zur Verfügung gestellt werden. Zumindest trifft das auf Politisch korrekt und noch verstärkter auf den Watchblog Islamophobie zu.
Entweder ist man da auf Dummenfang oder weiß es einfach nicht besser, wenn man über die die Heuchelei der Frauenbefreier herzieht und das Elend der Frauen im Kongo als Vorwand nimmt, den Emanzen mal wieder eins zu richtig auswischen zu können. (Ich beziehe mich lediglich auf den neuesten Artikel:Die Heuchelei der Frauenbefreier: sexuelle Kriegsverbrechen – christlich?) Es wird einfach unterschlagen, dass es gerade Terre des Femmes und Emma sind die seit Jahren auf dieses Elend aufmerksam machen und nicht Sttern und taz. Anstatt diese Arbeit anzuerkennen, wird es zum Vorwand genommen auf sie einzuprügeln, weil sie den Islam nicht so verherrlichen wie es dieser „watchblog“ gerne hätte.
am 24. November 2007 um 18:24
@PK: Auch diesen Artikel hatte ich gelesen, und auch in gibt es ja wohl so Beleidigungen offer oder versteckter Art. Schon am Beginn verdreht der Autor die Tatsachen, indem er eine freundliche Bitte, das Kopieren ohne Quellenangabe zu unterlassen, als „Skandalruf“ und „Jetzt ist Schluss!“-Äußerung hinstellt. Das ist doch die gleiche Diskussionskultur, die man seinen Gegnern unterstellt.
Argumentieren kann man das doch wohl nicht nennen, wenn man einfach von „sinnfreiem Geschwurbel“ mit „extrem niedrigem Wahrheitsgehalt“ spricht, ohne seinerseits Belege oder Hinweise für das Gegenteil beizubringen. Später finden wir dann noch eine Namensverhunzung „Hirni“. Aber du hast natürlich Recht, es ist einer der sachlicheren Artikel auf „Politisch korrekt“.
Mein Punkt ist, dass man den, dem man Unsachlichkeit und Verdrehungen vorwirft, doch nicht mit den gleichen Mitteln begegnen darf. Aber du lieferst auch in deinem Kommentar ein schönes Beispiel dafür, dass dir an argumentativer Außeinandersetzung vielleicht gar nicht gelegen ist: „Es sei denn, dass du das, was auf vielen islamophoben geschrieben wird, gar nicht für logisch inkonsistent hältst.“ schreibst du: Klar: wer uns kritisiert, ist natürlich für die andere Seite.
am 24. November 2007 um 20:33
@ Jörg: Also ganz ehrlich, deine Kritik wird zunehmend absurder. Du machst dabei immer denselben Fehler: Du suchst dir einzelne Formulierungen heraus und bastelst dir daraus dein Urteil. Dabei übersiehst oder verschweigst du absichtlich, dass da natürlich noch sehr viel mehr steht:
„Woher Ulfkotte seine offenbar intimen Kenntnisse über die Familienverhältnisse des Berliner Geiselnehmers hat, verrät er natürlich nicht. Denn das würde sein sinnfreies Geschwurbel ja nur als das entlarven, was es ganz eindeutig ist: eine dreiste Verknüpfung völlig unterschiedlicher Sachverhalte, deren Interpretation durch Ulfkotte schon deshalb einen extrem niedrigen Wahrheitsgehalt aufweisen dürfte, weil er es dabei wie so oft tunlichst vermeidet, seine absurden Behauptungen durch überprüfbare und stichhaltige Fakten zu belegen.
Zu diesem Verdrehungsmuster passt dann auch die Tatsache, dass in den Niederlanden natürlich nicht ernsthaft über ein Verbot der Eheschließungen von Verwandten ersten und zweiten Grades nachgedacht wird. Bei der ganzen Sache handelt es sich lediglich um einen populistischen Vorschlag der rechtsliberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD, Ayaan Hirni Hirsi Alis Partei), die im Haager Parlament zwar über einen gewissen Einfluss verfügt, aber nicht der Regierungskoalition von Ministerpräsident Jan Peter Balkenende angehört. Abgesehen davon existieren Eheverbote in den meisten aufgeklärten Zivilgesellschaften – so auch in Deutschland – nur bei Geschwistern und Verwandten in gerader Linie (Großeltern – Eltern – Kinder – Enkel). Der Verwandschaftsgrad spielt dabei keine Rolle. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet das kanonische Recht der katholischen Kirche, das Eheschließungen unter Verwandten ersten Grades grundsätzlich zwar verbietet, entsprechende Heiraten auf Antrag unter bestimmten Voraussetzungen aber zulässt.“
Da steht also sehr wohl, warum man Ulfkotte nicht ernstnehmen kann. Mir scheint allerdings, dass du dich lieber an bewusst gewählten überspitzten Formulierungen aufhängst – ein übrigens auch bei professionellen Journalisten weit verbreitetes Stilmittel – anstatt dich inhaltlich mit dem Beitrag zu beschäftigen. Und das soll man dann auch noch als sachliche Kritik begreifen?
am 25. November 2007 um 19:15
Ich denke, wir reden aneinander vorbei, das zeigen mir auch deine aktuellen Beiträge in deinem Blog. Wir sollten es für dieses Mal lassen.
am 26. November 2007 um 00:50
Und ich denke, dass du dich nicht an deine eigenen Maßstäbe hältst.
am 26. November 2007 um 00:52
Und ich denke, dass du dich nicht an deine eigenen Maßstäbe hältst. Ganz schwache Vorstellung. Aber belassen wir es wirklich dabei.
am 26. November 2007 um 07:26
Hallo,
ich find den kleinen Artikel ganz nett. Leichte Lektüre am Morgen sozusagen. Lustig zu sehen, wie sich der PK hier an die Karre gefahren fühlt, weil sein Blog noch schlechter als die anderen erwähnten weg kommt und alles „richtig stellen“ muss.
Aber genug davon. Was mich an diesen ganzen (Watch)Blogs gewaltig stört ist, dass man direkt dem „Feindlager“ zugeschrieben wird, wenn man nicht der Watchblog-Meinung ist. Schön an PK zu sehen. Dass dann die anderen „Watchblog-Jünger“ gerne mit auf den ausscherenden Kommentator „eindreschen“ versteht sich von selbst und ist nicht nur bei PK gut zu beobachten.
In dem Paragraphen über PK hast du ein r bei mehr vergessen.
Gruß,
kbb
am 26. November 2007 um 11:50
Ah, der Herr Spam-Kommentator *lol*.
am 27. November 2007 um 12:00
„Und für die – das ist der Sinn des Aufklärungsgedankens – zählt nur das nachvollziebare Argument. Voraussetzung dafür ist der sachliche Umgang mit dem Andersdenkenden, die Akzeptanz seiner Integrität.“
Entschuldigung, aber das ist hoffnungslos naiv. Natürlich sollte man sich im Sinne der Aufklärung zuallererst an Argumente halten, doch man trifft eben gelegentlich auf Gegner, an denen ein Argument einfach abperlt, und dann muss man sich etwas anderes überlegen (was nicht bedeutet, foul zu spielen). Auch ist dabei die Frage, auf welches Niveau man sich herablassen möchte. Soll man wirklich einem verbissenen Antisemiten Argumente dafür anführen, dass die Juden okay sind und keine Weltverschwörung betreiben? Quatsch.
In der Psychiatrie kann man gut erproben, wie weit man mit Argumenten gegen Wahnideen kommt.
Man kann bei politischen und religiösen Fundamentalisten die Konsequenz ziehen, dass man sich auf eine Diskussion mit ihnen nicht einlässt. Dieser Weg hat Ähnlichkeit mit dem Prinzip „Don’t feed the troll“. Man hofft dabei, ihnen nicht mehr Bedeutung zuzuspielen, als sie haben, und man gibt ihnen keine Bühne, sich zu profilieren. Deswegen werden Neonazis nicht zu Talkshows oder zum Verfassen von Gastkommentaren in Zeitungen eingeladen.
Man kann zweitens versuchen, ihnen die Wichtigkeit zu nehmen, die Luft herauszulassen, indem man ihrem verbissenen Ernst mit Humor begegnet. Dies versuchen Satire, Karikatur und Kabarett – Kunstformen, denen hier im Beitrag offenbar die Existenzberechtigung abgesprochen wird.
Aus der berühmten Encyclopédie der französischen Aufklärung unter dem Schlagwort „Fanatisme“ (Band 6, 1756):
„Man weiß nicht, welche Haltung man gegenüber einer Menge von Fanatikern einnehmen soll. Behandelt sie milde – sie treten euch mit Füßen. Wenn ihr sie verfolgt, erheben sie sich. Das beste Mittel, sie zum Schweigen zu bringen, ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geschickt auf andere Dinge zu lenken. Aber niemals gehe man gewaltsam vor! Nur durch Verachtung und Lächerlichkeit kann man sie in Mißkredit bringen und schwächen.“
Wer jedenfalls schon mal versucht hat, mit sorgfältiger Argumentation und Beweisführung das Denkgebäude von Fanatikern anzugreifen, und bei diesem Versuch eine Menge Zeit und Nerven verloren und sich beschimpfen und verleumden lassen hat, der kennt die Grenzen der Möglichkeiten des Arguments. Jörg Friedrich gehört offenbar nicht dazu.