Kann man Umfragen trauen?
Forsa, Allensbach, infratest dimap: Alle behaupten, die Bundesbürger repräsentativ zu befragen. Vergleicht man die Ergebnisse z.B.von Umfragen zum Bahnstreik, scheint Widersprüchliches heraus zu kommen: Sind Umfrageergebnisse also von den Wünschen und Vorstellungen dessen abhängig, der sie macht oder in Auftrag gibt?
Die klare Antwort lautet: Ja, aber!
Jeder, der eine Umfrage macht, hat eine bestimmte Vorstellung davon, was die Bürger beschäftigt, was sie über bestimmte Sachverhalte wissen und welche Fragen so klar und einfach sind, dass sie ihre Meinung dazu klar und präzise zum Ausdruck bringen können.
Die Frage „Haben Sie Verständnis für die Streiks?“ richtet sich an ganz andere Beurteilungsmaßstäbe und Bewertungs-Normen beim Befragten als die Frage „Sollten die Lokführer weiter streiken?“ besonders wenn die zweite Frage mit einer Aufzählung von Fakten eingeleitet wird. Die erste wird rein emotional beantwortet, die zweite verlangt eine rationale Abwägung auf der Basis der dargestellten Tatsachen. Dass das Ergebnis unterschiedlich ausfällt, ist selbstverständlich.
Da die Meinungsforscher in ihren Ergebnissen, die sie den Auftraggebern, der Presse und auch im Internet veröffentlichen, aus den genauen Fragen gar kein Geheimnis machen, ist diese Vorgehensweise auch gar kein Problem. Jeder kann sich selbst ein Bild davon machen, wie die Antworten eigentlich zu verstehen und zu werten sind.Aus der gemeinsamen Betrachtung mehrerer Umfragen erhält man ein differenziertes Meinungsbild.
Das Problem sind, wie so oft, die Journalisten, die aus der Umfrage eine Schlagzeile machen. Deren Interpretation ist es, der man nicht trauen kann, sie sind es, die das in die Prozentzahlen hineinlegen, was sie gerne herauslesen wollen. Der mündige Bürger schaut ins Netz, sucht sich das Original und bildet sich seine Meinung in Blogs.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2007/11/19/kann-man-umfragen-trauen/
am 19. November 2007 um 15:33
Sorry: das Problem sind nicht die bösen Journalisten. Ich bin einer und habe die Zeit, hinter die Zahlen zu schauen, weil mich mein Arbeitgeber für dergleichen bezahlt. Da nur auf die Blogosphäre zu hoffen, halte ich für ein wenig blauäugig… und die verfälschende Schlagzeile der Forsa-Umfrage kam ursprünglich nicht von den schlampigen Journalisten, sondern vom Auftraggeber.
Dass man meist etwas mehr herausfindet, wenn man bei Umfragen genauer hinschaut: d‘accord..
am 19. November 2007 um 15:44
Den Eindruck, dass ich Journalisten gegen Blogosphäre ausspielen will (den man im letzten Absatz tatsächlich gewinnen kann) möchte ich gern korrigieren.
Ich würde den letzten Absatz gern folgendermaßen umschreiben:
„Das Problem sind, wie so oft, diejenigen, die aus der Umfrage eine Schlagzeile machen. Deren Interpretation ist es, der man nicht trauen kann, sie sind es, die das in die Prozentzahlen hineinlegen, was sie gerne herauslesen wollen. Der mündige Bürger schaut ins Netz, sucht sich verschiedene Quellen, die er für seriös hält, oder das Original und bildet sich seine Meinung dort und in Blogs.“
am 19. November 2007 um 16:17
Wobei auch schon die Auflistung von „Tatsachen“ da durchaus manipulativ genutzt werden kann: in besagtem Falle z.B. gewinnt man den Eindruck, dass die Bahn schon massig Zugeständnisse gemacht hätte. Dass der Inhalt der Aufzählung des soundsovielten „Angebots“ sich nicht vom ersten unterscheidet und dieses – immer noch – „nur“ dem mit der Transnet abgeschlossenen Ergebnis entspricht kommt da nicht rüber.
Ebenso „sachlich“, aber nicht minder manipulativ wäre eine Frage wie
„Ist ein Streik als Möglichkeit zur Unterstützung weitergehender Forderungen legitim, wenn der Arbeitgeber zum fünften Mal lediglich den Transnet-Abschluss (4,5% mehr Lohn) bietet und diesen um eine einmalige 2000 EUR-Zahlung zum Ausgleich der von den Angestellten bereits geleisteter Überstunden erweitert?“
am 19. November 2007 um 16:38
…und diese Postings kann ich beide aus vollem Herzen unterschreiben…
am 19. November 2007 um 17:28
Das eigentliche Problem sind nicht die Umfragen, bei denen man sich ja immer im Klaren sein sollte, das sie sich I. schnell verändern können und II. eine mitunter hohe Fehlertoleranz haben. Das eigentliche Problem ist die Interpretation. Nehmen wir mal das Ergebnis der letzten Bundestagswahl:
35,4% CDU/CSU
34,2% SPD
09,8% FDP
08,7% PDS
08,1% B90/GRÜNE
04,0% SONSTIGE
Egal, mit welcher noch so absurden Begründung wird jede Partei sich als Sieger der Wahl darstellen. Die CDU hält sich für einen Sieger, weil sie die meisten Stimmen hat (das einzig logische Argument). Die SPD wird sagen: „Hey, wir haben massig Stimmen aufgeholt. Die Leute wollen weiter von Schröder regiert werden.“ Die PDS findet eine linke Mehrheit im Bundestag fantastisch und würde vor Freude fast den Kanzler stellen. Die FDP sieht die Rot-Grüne Agenda-Politik gescheitert, worauf hin die Grünen antworten: „Nein, den Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit in diesem Land.“ So bastelt sich jeder eine Interpretation, die ihn im besten Licht erscheinen lässt.
Dabei sind es die Inhalte die zählen und nicht irgendwelche Zahlenspiele. Was die Inhalte betrifft, so kann ich in den letzten Jahren leider keinen Sieger ausmachen – nichtmal einen Einäugigen unter Blinden.
am 26. November 2007 um 17:15
Das Problem sind nicht die Journalisten, die Schlagzeilen machen. Dafür werden sie nicht zur bezahlt, sondern auch gelesen. Das Problem läßt sich auch nicht lösen, wenn man nur die Frage nachrecherchiert, die in der Umfrage gestellt wurde. Das Problem ist, dass man eine so komplexe Recherche wie („Meinung der Bevölkerung zum Lokführerstreik“) mit einfachen Fragen und Antwortalternativen darzustellen versucht. Man kann ja schon in der Kommunikation mit einer Person schnell feststellen, dass sie nicht eine Meinung zum Lokführerstreit (wie zu allen anderen Themen) hat, sondern viele. Deshalb ist die Vorstellung, die Bevölkerung als Ganzes hätte eine Meinung natürlich der falsche Ansatz. Meinung ist Ergebnis von Kommunikation und ständiger Veräanderung unterworfen. Ich glaube auch nicht, dass es relevant für die Lokführer ist, was denn in irgendeiner Umfrage über ihren Streik rauskommt. Wichtig ist, dass sie ihr Anliegen kommunizieren und sich auch auf eine Diskussion mit ihren Fahrgästen einlassen. Das scheint ja garnicht mal so schlecht zu klappen.