Jörg Friedrich


Politische Kommunikation: Thierse und Kohl

16. November 2007 Kategorie: Politik |

Daraus, dass Politiker und Journalisten auch Wörter zu Sätzen formen und dass einer auf die Sätze des anderen wieder mit Sätzen reagiert, darf man nicht schließen, dass diese Leute so miteinander reden wie wir. Politische Kommunikation hat offenbar nichts mit normaler menschlicher Kommunikation zu tun.

Man stelle sich vor, im normalen, alltäglichen Umfeld sagt einer anlässlich der Entscheidung Münteferings, sich in Zukunft um seine kranke Frau mehr zu kümmern als um die Tagespolitik, „Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal.“

Wahrscheinlich wäre der eine oder andere sensible Hörer dieses Satzes irritiert und würde direkt zurückfragen „Wie meinen sie das?“ oder „Wollen sie damit das Verhalten Kohls kritisieren?“ oder ähnliches. Das gäbe dem ersten die Möglichkeit, sofort Missverständnisse auszuräumen, so etwas zu sagen wie „Nein, so hab ich das nicht gemeint,…“

Vielleicht käme der der erste sogar selbst drauf, weil jemand erstaunt oder verwundert die Augenbrauen hochziehen würde, und er würde präzisieren: „Also, ich will damit jetzt nicht Kohl kritisieren, ich will nur sagen, es ist immer schwer, man ist in einem Dilemma,…“

Wenn ein Zeitungsjournalist einen Politiker interviewt, wird er das nicht tun, weil ja durch die Korrektur der Skandal, die Schlagzeile weg wäre. Er wird sich den Satz merken, wird ihn zum Aufhänger des ganzen Gesprächs machen.

Auch diejenigen aus den anderen „politischen Lagern“ wollen nicht wissen, was Thierse eigentlich gemeint hat. Es läuft das bekannte Programm ab: „Ah, da kann man dem schön an den Karren fahren.“ Dass mit jeder weiteren Runde dieses Schlagabtausches der alte Kohl aufs Neue getroffen und verletzt wird, ist dabei egal. Niemand will wissen, was Thierse eigentlich sagen wollte, jeder nutzt den missverständlichen Satz nur für seine Zwecke aus.

Natürlich weiß jeder, der sich auf die Medien und die politische Streitkultur einlässt, wie das Spiel gespielt wird. Aber davon wird es nicht besser. Da niemand davor gefeit ist, mal einen verbalen Fehler zu machen, mal ein falsches Beispiel zu nehmen oder einen Vergleich nicht ganz zu ende zu denken, bevor er ausgesprochen ist, lassen viele intelligente Menschen im Angesicht dieser Hahnenkämpfe lieber die Finger vom politischen Geschäft. Und das schadet letztlich der Politik, dem politischen System. Deshalb wäre zu wünschen, dass Politiker und Journalisten sich öfter an die Regeln der normalen, menschlichen Kommunikation erinnern würden.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2007/11/16/politische-kommunikation-thierse-und-kohl/

2 Kommentare to “ Politische Kommunikation: Thierse und Kohl ”

  1. # 1 romanmoeller schreibt:

    Genau richtig! Was soll der Thierse denn davon haben, jetzt auf einmal den Kohl zu beleidigen? Jeder vernünftig denkende Mensch weiß doch genau, das dem Thierse das nichts bringt. Die Politiker wissen das genauso, deshalb versuchen sie das ja auch zu vermeiden.

    Außnahmen sind natürlich allzu populistische Schwätzer, a la Schill oder Lafontaine, die absichtlich gerne provozieren. Zu diesem Politikerschlag zählt Thierse allerdings ganz sicher nicht!

  2. # 2 vaterlandslose-gesellen schreibt:

    wir sind solidarisch mit dem Genossen Thierse.

Kommentieren

XHTML: Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>