Jörg Friedrich


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Der Wille zum Sterben

November 12, 2007 By: Joerg Category: Gesellschaft | No Comments →

Vor einer Woche starben auf einem Parkplatz in der Schweiz zwei Menschen – sie hatten sich von dem schweizerischen Verein Dignitas Gift besorgt, mit dessen Hilfe sie Selbstmord verübt hatten – nun ist die Empörung bei der deutschen Öffentlichkeit angekommen.

Die Öffentlichkeit ist überfordert, und die, die sich zu einer öffentlichen Stellungnahme aufgefordert fühlen, kaschieren ihr Unvermögen, dem Problem sicher zu begegnen, mit Empörung, Unterstellungen und Drohungen.

Vor einer moralischen Beurteilung derer, die kranken Menschen die Möglichkeit zum Sterben verschaffen muss aber ein Versuch gesetzt werden, den Willen zum Sterben zu verstehen.

Gibt es überhaupt einen wirklichen Willen, zu sterben? Natürlich gibt es Menschen, die sagen „Ich will nicht mehr leben, ich will sterben.“ Aber wir sagen in großer Bedrängnis oft „ich will“, gerade wenn wir jeden Willen verloren haben.

Ich stelle mir vor, dass die Äußerung „Ich will sterben“ eigentlich immer bedeutet: „Ich habe jede Hoffnung verloren, dass sich mein Leben noch einmal zum Besseren wendet, und ich will auf keinen Fall so weiter leben, wie ich jetzt leben muss.“ Der Wunsch, zu sterben, ist eine fatale Verbindung aus dem Wissen, dass man so nicht länger leben will und dem Verlust jeder Hoffnung, dass es ein anderes Leben noch geben könnte.

Wenn ich einem solchen Menschen keine Hoffnung geben kann, muss ich seinen Wunsch akzeptieren, und muss zugleich die Verantwortung für meine Unfähigkeit, ihn vor dem Tod zu bewahren, auf mich nehmen. Ich muss auch die Verantwortung für die Tatsache auf mich nehmen, dass ich nichts getan habe oder tun konnte, dass es für diesen Menschen dahin kommen konnte.

Natürlich bin ich da als einzelner oft machtlos. Aber meine Verantwortung bringt mich dazu, Forderungen nach einer menschenwürdigen Gesellschaft zu formulieren. Wenn ich mich frage, was dazu führen kann, dass ein Mensch alle Hoffnung auf ein Leben verliert, welches er als lebenswert empfindet, fallen mir zwei Dinge ein: Er war zu lange mit seinen Problemen allein, er ist in seine Umwelt nicht so eingebunden, dass er von dieser Hilfe erwarten würde. Oder ein Mensch wurde schon zu lange im Leben gehalten. Die Medizin zwingt ihn in ein Leben, dass er schon längst nicht mehr ertragen will.

Mit beiden Situationen kann man sich beschäftigen, das tut übrigens auch Dignitas. Die eine Problematik ist also mit der Einbindung des hilflosen Individuums in die Gesellschaft verbunden, die andere hat mit den ethischen Problemen der Apparatemedizin zu tun. Bevor diese Probleme nicht gelöst sind, ist für Empörung über diejenigen, die dann helfen, den Wunsch zu sterben zu erfüllen, fehl am Platze.