Jörg Friedrich


Ungleichheit ist nicht ungerecht

08. November 2007 Kategorie: Gesellschaft |

Eine neue Welle der Ungerechtigkeits-Diskussion rollt durch Deutschland. Die Vermögenswerte sind in der Bundesrepublik noch ungleicher verteilt als die Einkommen. Daraus machen skandalverliebte Medien gern und schnell eine Diskussion über soziale Ungerechtigkeit – aber das ist Quatsch.

Zuerst die bloßen Fakten. Das DIW hat herausgefunden, dass etwa zwei Drittel der deutschen Erwachsenen faktisch kein Vermögen besitzen. Trotzdem liegt das durchschnittliche Vermögen der Deutschen pro Kopf bei etwa 81.000 €, die Hälfte der Deutschen hat aber weniger als 15.000 € Vermögen.

Das heißt, das Vermögen ist in wenigen Händen konzentriert. Eigentlich sollte das niemanden überraschen: Viele von uns haben einen privaten Vermieter, die meisten Unternehmen in Deutschland sind mittelständische Firmen und in privater Hand, wir gehen zum privaten Bäcker, besuchen, wenn wir krank sind, den niedergelassenen Arzt.

Das Vermögen der Vermögenden in Deutschland liegt nicht auf der Bank, es sind die Häuser, in denen wir wohnen, die Unternehmen, in denen wir arbeiten, die Zahnarzt-Stühle, auf denen wir uns behandeln lassen.

Wir sollten froh sein, dass das Vermögen in Deutschland in wenigen Händen konzentriert ist, nur so ist das vielfältige Leistungsangebot, welches wir nutzen, möglich. Die einzige Alternative wäre staatliches Eigentum, irgendwelche Groß-Institutionen, in denen Ärzte, Handwerker, Ingenieure usw. nur Angestellte wären.

Das gab’s schon auf deutschem Boden, auch wenn man sich nach nun bald zwei Jahrzehnten nicht mehr so richtig erinnern kann, und es hat nicht funktioniert.

Interessant ist ja, dass die Einkommensschere lang nicht so weit geöffnet ist wie die Vermögensschere. Das bedeutet ja, dass die Reichen aus ihrem Vermögen längst nicht die gleiche Rendite erzielen wie der Rest der Bevölkerung. Bedenkt man dann noch, dass die Menschen mit den oberen 10% der Einkommen 50 Prozent der Einkommenssteuern zahlen, sollte der Gerechtigkeit eigentlich genüge getan sein.


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3 Kommentare to “ Ungleichheit ist nicht ungerecht ”

  1. # 1 dimitri schreibt:

    „Das gab’s schon auf deutschem Boden, auch wenn man sich nach nun bald zwei Jahrzehnten nicht mehr so richtig erinnern kann, und es hat nicht funktioniert.“ Ich habe vor ein paar Tagen einen Diskussion im Fernsehen zwischen Westerwelle und Lafontaine gesehen. Da wurde vom Herrn Westerwelle dann auch gerne so „argumentiert“. Finde ich immer sehr amüsant. Wesentliche Argmunte ausser den üblichen Sprechblasen hatte Westerwelle allerdings mA nicht im Angebot. Aber nun zum Thema: „Wir sollten froh sein, dass das Vermögen in Deutschland in wenigen Händen konzentriert ist, nur so ist das vielfältige Leistungsangebot, welches wir nutzen, möglich.“ Den Satz verstehe ich nicht. Wenn die Vermögensverteilung in der Gesellschaft breiter ist, schränkt das das Leistungangebot ein?
    Aus der 10-zu-90-Relation auf „Gerechtigkeit“ zu schließen halte ich ja auch für etwas gewagt. Man könnte auch schließen, dass eben diese 10% exorbitant viel Einkommen haben. Tatsächlich steht da übrigens nur was von 50% der Einkommenssteuer.

  2. # 2 Joerg schreibt:

    Der Satz, den du nicht verstehst, ergibt sich aus dem davor gesagten. Wenn Mittelständische Unternehmer und Händler, Ärzte, Selbständige, Freiberufler nicht überdurchschnittlich viel Kapital besäßen, könnten sie nicht unternehmerisch tätig sein, was eben das Leistungsangebot einschränken würde.

    Was Westerwelle und Lafontaine zu dem Thema sagen ist übrigens beides irrelevant. Sie waren beide nicht dabei.

    Danke noch für den Hinweis auf den Fehler, ich hab es korrigiert.

  3. # 3 dimitri schreibt:

    Na ja, bedingt gebe ich dir ja Recht, natürlich kann man ohne Kapital nicht unternehmerisch tätig sein. Aber die Voraussetzung ist ja nicht, das ich _überdurchschnittlich_ viel Kapital haben muss. Ich muss Kapital haben, da ist der Durchschnitt völlig irrelevant. Der Selbständige wird nicht dadurch produktiver, wenn andere von ihrer Arbeit kaum leben können. Ich glaube eigentlich auch nicht, dass die Diskussion über die fehlende „Gerechtigkeit“ mit „Ungleicheit“ zu tun hat. Es geht schlicht und einfach darum, dass in einer Phase des moderaten Wachstums die Früchte dieses Aufschwungs an den meisten völlig vorbeigehen. Das Westerwelle und Lafontaine nicht in der DDR gelebt haben, geschenkt. Es ging schlicht darum, wenn jemand – jetzt mal pauschal beschrieben – „mehr soziale Gerechtigkeit“ fordert, von den (Wirschafts-)Liberalen irgendwas von DDR uns „Sozialismus“ assoziert wird, um diese Forderung von vornherein zu diskreditieren.

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