Jörg Friedrich


Contergan auf der Titanic

06. November 2007 Kategorie: Gesellschaft |

Morgen und Übermorgen wird der Fernsehfilm „Contergan“ in der ARD gezeigt, ein Film, um den bereits im Vorfeld eine erbitterte rechtliche Außeinandersetzung geführt wurde. Sowohl das Unternehmen Grünenthal, welches das Schlafmittel Contergan vor einem halben Jahrhundert auf den Markt gebracht hatte, als auch der Anwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen, der damals gegen Grünenthal gekämpft hatte, haben versucht, die Ausstrahlung zu verhindern. Der Film wird nun aber im wesentlichen so gezeigt, wie ihn die Filmemacher auch zeigen wollten.

Im Kern geht es um die Frage, wie dicht ein Spielfilm an der Realität bleiben muss, wenn er ein historisches Ereignis zum Thema nimmt. Im Falle Contergan sind noch viele am Leben, die damals beteiligt waren, natürlich gibt es auch noch das Unternehmen Grünenthal und seinen Ruf. Aber auch der damalige Opferanwalt Schulte-Hillen sieht sich in seinen Persönlichkeitsrechten durch den Film verletzt.

Ein Spielfilm ist keine Dokumentation. Die Frage ist allerdings, ob sich ein Spielfilm, der sich mit einer konkreten historischen Begebenheit beschäftigt und der diese nicht schon z.B. durch das Mittel der Satire offensichtlich verfremdet, nicht auch sehr genau an die Tatsachen halten muss? Anders herum: Sollte ein Spielfilmmacher, der eine fiktionale Geschichte erzählen will, nicht auch die Kernelemente seines Plots so weit fiktionalisieren, dass der Unterschied zu den historischen Fakten offensichtlich ist? Wird nicht sonst dem Zuschauer ein historischer Tatsachenbericht bis ins Detail vorgegaukelt?

Die Frage ist nicht neu. Wie viele Menschen mögen glauben, dass jene Liebesgeschichte in den Stunden des Untergangs der Titanic sich tatsächlich ereignet hat? Gut, da trauen wir den Filmemachern längst nicht mehr. Aber die Eigenschaften des Kapitäns, sein fehlerhaftes Verhalten, die Entscheidungen auf der Brücke… wie viele Erfindungen der Filmemacher werden da schnell geglaubt, als historisch verbürgte Tatsachen genommen?

Es gibt viele einfache Möglichkeiten, eine Geschichte so weit zu fiktionalisieren, dass jeder weiß, dass die Geschichte so nicht stattgefunden hat, dass aber trotzdem die Schicksale der Menschen in einer bestimmten, historisch belegten Situation aber so oder ähnlich geprägt gewesen sein müssen. Man hätte das Schiff „Platinic“ nennen können, hätte es von New York aus auf den Weg nach Europa schicken können.

Ebenso hätte man aus Anlass des 50. Jahrestages der Markteinführung von Contergan eine Geschichte über einen Arzneimittelskandal zu Beginn der 60er Jahre in Deutschland machen können, in dem eine Vitamintablette einer Firma „Hagenkamp“ zu Blindheit bei Neugeborenen führt. Der Rest der Geschichte hätte so sein können, wie sie nun auch im Film passiert.

Warum tun Filmemacher dergleichen nicht? Haben sie nicht genug Phantasie? Das ist unwahrscheinlich. Anzunehmen ist, dass sie die Werbewirkung der tatsächlich stattgefundenen Katastrophe nutzen wollen. Viele Zuschauer wollen einen Film sehen, weil sie eine Geschichte nacherleben wollen, die tatsächlich so gewesen ist.

Wer dann aber einen historischen Stoff aus dramaturgischen Gründen „aufpeppt“, wer – wie im Contergan-Fall – die Figuren gegenüber ihren historischen Vorbildern „filmreifer macht“, ihnen Motive andichtet, Nebenfiguren erfindet, betrügt seinen Zuschauer doppelt, denn der glaubt, etwas über die Vergangenheit zu erfahren, bekommt aber nur eine erfundene Geschichte, und ihm wird vorgegaukelt, dass unsere Vorfahren emotionaler, widersprüchlicher, spanneder waren als wir heutigen, dabei ist die Wahrheit meist viel nüchterner (das ist ja auch das Problem der Leute, die dann einen Film darüber machen wollen).

Wer sich Geschichten ausdenken will, sollte die Finger von den historischen Tatsachen lassen, und wer wahre Geschichten erzählen will, sollte seine Phantasie im Zaum halten. Beides zu mischen, ist dem Zuschauer gegenüber unfair.


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