Blogger gegen Schirrmacher
„Was trifft, trifft zu.“ möchte man kurz und prägnant notieren, wenn man die meisten Reaktionen der Blogosphäre auf eine Rede des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher in der vergangenen Woche liest. Aber das würde den Tatsachen nicht gerecht: Die, die sich da angegriffen fühlen, kommen in der Rede kaum vor. Schirrmacher äußert sich zur Zukunft der großen Tageszeitungen in der durch das Internet geprägten Kommunikation. Er verweist auf Veränderungen im Umgang mit Informationen, weist auf Gefährdungen und Gefahren durch kriminelle Aktivitäten hin, die durch das Internet vereinfacht werden und beschreibt schließlich seine Vorstellungen davon, wie Tageszeitungen sich diesen Herausforderungen stellen können. Die Rede soll hier nicht rezensiert werden, ein jeder kann sie selbst lesen und sich eine Meinung über die Richtigkeit der vorgetragenen Argumente bilden.
Sie jaulen wie getretene Hunde
Mich interessiert die merkwürdige Reaktion vieler Blogger auf diese Rede. Sie jaulen auf wie getretene Hunde, und sie beißen zurück. Dabei steht in der Rede nichts, was sie angreift, kaum etwas, was ein Blogger überhaupt auf sich beziehen könnte. Allenfalls den folgenden Absatz könnte der eine oder andere WebLog-Betreiber auf sich beziehen:
Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm, und auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Sie tauchen ebenso schnell auf, wie sie verschwinden.
Wer wollte bestreiten, dass das richtig ist? Natürlich ist vorstellbar, dass manch ein Blogger sich hier ertappt fühlt. Wer kann ausschließen, dass er sich je an der Verbreitung einer Nachricht im Netz beteiligt hat, deren Wahrheitsgehalt sich später als äußerst gering herausgestellt hat?
Schirrmachers Konsequenz ist, dass die großen Tageszeitungen auch im Internet Standards setzen müssen. Auf der einen Seite will er die Tageszeitung selbst stärken, andererseits im Internet mit Journalismus auf dem Niveau der Print-Ausgabe präsent sein. Dagegen ist nichts einzuwenden.
Warum also das Geschrei?
Die umfangreichste Diskussion in einem Blog habe ich beim Spiegelfechter gefunden. Der Tenor ist: Aus Schirrmachers Analyse von Tendenzen und Ableitung eigener Herausforderungen wird ein „Kampf gegen das böse Internet“.
Das ist zwar lächerlich, aber eine bewährte Methode, Mitstreiter zu sammeln: Wer „gegen das Internet“ ist, ist ja wohl fast gegen jeden irgendwie aktiven Menschen. Dass Schirrmacher selbst fragt: „Kann sich heute irgendein Journalist, Schreibender, ja Handelnder in diesem Land noch daran erinnern, wie er Informationen vor der Epoche der Suchmaschinen sammelte?“ und damit wohl kaum eine Feindschaft gegenüber dem Internet verbunden sein kann, wird geflissentlich überlesen.
Also: Schirrmacher ist gegen das Internet, und damit gegen uns alle. Warum? Die Antwort ist schnell gefunden: Sein „deutungshoheitliches Medium ist der „Qualitätsjournalismus“, wie er die großen ehrenwürdigen Tageszeitungen bezeichnet“.
Dieser „Qualitätsjournalismus“ ist laut Schirrmacher bedroht, nicht etwa durch sich selbst und seine Versäumnisse, sondern durch das Internet – ein Medium, von dem Schirrmacher wenig weiß und von dem er so ziemlich nichts verstanden hat, außer das es eine Bedrohung für den Schirrmacherschen „Qualitätsjournalismus“ sei
Natürlich steht nichts davon in Schirrmachers Rede, aber so kann man ihm leicht ein Motiv unterschieben: Schirrmacher hat Angst um seine „Deutungshoheit“ und damit um seine „Macht“.
Nun wird der Herausgeber einer großen Tageszeitung kaum Deutungshoheit über die Blog-Schreiber erlangen und auch seine Macht über die deutschen Internet-Tagebücher dürfte es auch zukünftig begrenzt sein. Aber wenn man jemandem Angst vor dem Verlust der Macht unterstellen kann, gewinnt man gleich noch mehr potenzielle Verbündete, der Kampf gegen Schirrmacher wird zu einem Kampf gegen die Mächtigen, Blogger stilisieren sich so als die Robin Hoods der Informationsgesellschaft, auch wenn sie nichts zu verteilen haben und ihnen auch nicht wirklich das Schwert des mächtigen Königs droht.
Die Truppen sind also benannt, die Machtlosen des Internets können sich zur letzten Schlacht gegen die konservativen Zeitungsmacher rüsten. Der Kampf sollte (und kann nur) einer des Wortes sein, es gilt, die Machenschaften der mächtigen Wahrer der Deutungshoheit zu entlarfen.
Einen ähnlichen Kampf gab es schon einmal vor wenigen Wochen, ein Probegefecht sozusagen, als Thomas Knüwer über 10 Thesen des Fachjournalisten-Verbandes zum Verhältnis Blogs und Journalismus schrieb. Das einfachste Mittel in dieser Außeinandersetzung ist die Re-Interpretation des Gelesenen unter der Überschrift: „Was uns der Autor wirklich sagen wollte“. Anstatt sich mit dem Inhalt des Geschriebenen, so, wie es da steht, zu beschäftigen, wird darüber spekuliert, was der Gegner eigentlich und wirklich sagen wollte. Dabei wird unterstellt, dass dieser seine wirkliche Ziele natürlich clever verbirgt und versteckt, sodass man die böse Absicht, hier die Verunglimpfung des Internets und der dort aktiven Blogger, nicht offensichtlich bemerkt.
Fraglich ist natürlich, wie diese böse Absicht dann wirken soll, Verunglimpfungen können ja nur wirken, wenn sie bemerkt werden. Was ich nicht als Kritik verstehen kann, weil sie so gut versteckt ist, wirkt auch nicht kritisch.
Aber was wäre Robin Hood ohne übermächtgen Gegner? Also muss dem bösen Journalisten der Hass gegen das Internet überhaupt und besonders gegen die Blogger eben nachgewiesen werden, und wenn er nichts schlechtes über die Internet-Schreiber sagt, ist das nur noch niederträchtiger. So funktioniert das auch beim Spiegelfechter:
Vor allem muß man bei solchen Texten/Reden zwischen den Zeilen lesen. Herr Schirrmacher hat nicht umsonst einen Preis in der Kategorie “Deutsche Sprache” erhalten, er setzt die Worte sehr bewußt und vermittelt eine Metabotschaft, die nicht unbedingt explizit so ausgedrückt werden muß.
Natürlich könnte der Schreiber dieser Zeilen analysieren, was Schirrmacher sonst geschrieben und gesagt hat, er könnte Widersprüche aufzeigen, die seine These, hier soll eine Meta-Botschaft (was auch immer das ist) vermittelt werden, stützt. Er könnte Fakten dafür vorbringen, die seine These, Schirrmacher würde „das Internet“ bekämpfen, stützt. Aber das alles ist gar nicht nötig, wenn man nur „zwischen den Zeilen“ lesen kann. Oder im Kaffesatz, in den Sternen, aus der Hand.
Was also nicht in den Zeilen steht, wird aus den Zwischenräumen gelesen. Da dort nichts steht, kann man alles, was man möchte, hineindeuten. Auf diese Weise kann man alles behaupten – und nichts beweisen. Das muss man allerdings auch nicht: Der gemeinsame Feind ist identifiziert, die eigenen Reihen gestärkt, der Kampf kann beginnen. Und wenn man ihn auch nicht gewinnen kann, weil der Gegener übermächtig ist (oder weil er gar nicht zu kämpfen beabsichtigt?) hat man doch der guten Sache gedient.
Und darum geht es vielleicht auch. Im Kampf gegen den FAZ-Herausgeber kann man den Klassenkampf gegen „das ganze System“ führen: Gegen die „Neoliberalen“, gegen die „Konservativen“. Ach wär’s doch wenigstens ein Kampf! Aber man fechtet gegen einen Strohmann, den man sich selbst gebaut hat. Man kann den Kampf nicht gewinnen (der Feind ist ja ach so stark, hat Medien, Kapital und eine Regierung, die ihm dient) und darüber ist man vielleicht auch ganz froh, denn solang man kämpfend unterliegt, gehört man zu den Robin Hoods (nur dass man nicht geköpft wird).
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am 4. November 2007 um 21:04
Oh, ich muss mich mitnichten persönlich angegriffen fühlen, um zu meckern. Ganz im gegenteil: Was mir an Herrn Schirrmachers Rede fürchterlich stinkt, ist, dass er schlichtweg eine unglaubliche Inkompetenz an den Tag legt. Er kanzelt das Internet als „böse“ und oberflächlich ab und gibt sich so einer pauschalen Medienkritik hin, die durch nichts belegt wird. Und, worauf es in meinem Beitrag ankam: Schirrmacher hält unbeirrbar daran fest, dass die Tageszeitung immense Vorteile gegenüber anderen (elektronischen) Medien hätte. Und genau das stimmt eben nicht – Wer 24 Stunden zu spät dran sein als Vorteil verkauft, wer zudem die Haltbarkeit der TZ lobt, wo die Haltbarkeit des Internet (Stichwort: Archivierung) wesentlich größer ist, der hat einfach Angst – und redet Unsinn.
BTW: Den Schwenk zum Politischen habe ich nicht verstanden – ich selbst betrachte mich als liberal im eigentlichen Wortsinn, in weiten teilen sogar konservativ.
am 4. November 2007 um 22:37
Darf ich jetzt Ignoranten nicht mehr Ignoranten nennen, obwohl der Mann doch mit jeder Zeile zeigt, dass er keine Ahnung hat? Nebenbei – die mediale „Übermacht“ liegt immer noch bei den Holzmedien, die sich angesichts davonschwimmender Felle allerdings gern in der Rolle der verfolgenden Unschuld sehen …
am 5. November 2007 um 14:16
@Dirk: Eben diesen oberflächlich als böse Abkanzeln kann man in der Schirrmacher-Rede nicht finden, aber das werden wir dann wohl weiterhin unterschiedlich sehen. Das Thema „24 Stunden zu spät“ und „Haltbarkeit“ sehe ich jedoch anders: In einer Tageszeitung wirst du eben immer Beiträge finden, die über die aktuelle Nachricht hinausgehen, wo sich jemand intensiv und fundiert mit einem Thema – und zwar auch mal über mehr als eine Bildschirmseite – außeinandersetzt. Diese Texte haben eine längere Haltbarkeit als News und schnelle Meinungen. Natürlich gibt es zB auch Blogger, die mit der gleichen Intensitätan ihre Themen gehen – aber gegen die hat Schirrmacher ja auch gar nichts gesagt.
@Chat Atkins: Was heißt schon „mediale Übermacht“? Die gab es nie und wird es nicht geben – was es gibt: Unterschiedlich großen Einfluss auf die Kommunikation durch unterschiedliche Reichweite. Aber da liegt das Fernsehen wohl inzwischen ganz vorn – nicht die „Holzmedien“. Da sich aber jeder seine Meinungen da zusammenbasteln kann, wo er will, kann von „Übermacht“ auch beim Fernsehen keine Rede sein.