Jörg Friedrich


Archive for Oktober, 2007

Eine Chance für Anne Will

Oktober 15, 2007 By: Joerg Category: Gesellschaft | No Comments →

Die Sendung, die lange, viel zu lange sonntags nach dem Tatort in der ARD lief, habe ich in den letzten Jahren nicht länger als 10 min ertragen können. Fast hätte diese Allergie mich auch von Anne Will fern gehalten – doch gestern bekam sie ihre Chance.

Schon die Vorstellung der Gäste war eine Wohltat: Nur zwei Politiker, ein CDU-Ministerpräsident und ein SPD-MdB und Bildungsexperte, dazu eine Schulleiterin und ein Lehrer-Verbands-Chef.

Dazu kamen, gesondert und etwas näher am Publikum platziert, zwei frisch gebackene Nobelpreisträger (wer hat der hat) und eine Hauptschülerin, die gerade zum Gymnasium gewechselt war, mit ihrem Mentor (ein schlank gebiebener Karl Konrad Koreander).

Es sollte also um Bildungspolitik gehen, die Sendung hatte den etwas reißerischen Untertitel „Klassenkampf im Klassenzimmer“. Dazu wandte sich Anne Will zunächst an die jüngst prämierten Wissenschaftler.

Ein kluger Einfall der Sendungs-Macher: Frau Will ging für die Unterhaltung mit den beiden zu ihnen hinüber, setzte sich zu ihnen. Somit war Ruhe und Zeit für ein gesondertes, von störenden Politiker-Zwischenrufen freies Interview. Das wiederholte sich beim späteren Gespräch mit der Schülerin und ihrem Mentor.

Die zweite Freude des Abends: die Leute ließen sich gegenseitig ausreden, und sie nahmen sich Zeit für kluge, differenzierte Antworten. So passierte es, dass ich unversehens dem Prof. Lauterbach zustimmen musste, den ich bisher kaum ertragen habe, wenn er irgendwo aufgetaucht war.

Zum Thema selbst möchte ich hier gar nichts sagen, das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Der Stil und der Verlauf der Sendung war so angenehm, dass ich den Sonntag Abend optimistisch und gut gelaunt beenden konnte. Optimistisch, was das Bildungswesen betrifft, aber auch hinsichtlich der politischen Diskussionskultur in Deutschland.

Ich hoffe, dass Anne Will das durchhält. Maximal zwei Politiker pro Abend, das wäre schon mal gut. Dazu Leute aus dem richtigen Leben und Experten. Das ist eine gute Mischung.

Ich freue mich auf nächsten Sonntag.

War nicht alles schlecht, was schlecht war?

Oktober 12, 2007 By: Joerg Category: Gesellschaft | 3 Comments →

Die Diskussion um Eva Hermans Weltbild, wie sie es anlässlich des Erscheinens ihrer Bücher immer wieder vertritt, verselbständigt sich. Wieder einmal geht es um die Frage, ob die Meinungsfreiheit Grenzen hat. Aber das ist gar nicht das Problem.

Wenn ich sage: „In der Weimarer Republik wurde Familie gefördert, in der Nazizeit wurde Familie gefördert, in den 50er Jahren wurde Familie gefördert, die 68er haben die Familienförderung abgeschafft, und wir sollten heute wieder die Familie fördern.“ dann setze ich voraus, dass „Familie fördern“ zu all diesen Zeiten das Gleiche war.

Aber das eben ist falsch, weil sowohl der Begriff der Familie als auch der des Förderns bei den Nazis einen ganz anderen Sinn hatte als bei den 68ern und heute. Man braucht dabei nicht einmal nach den Zielen der Familienförderung zu fragen, man muss sich nur ansehen, was überhaupt mit „Familie“ gemeint war und was man unter „fördern“ verstand. Ebenso verhält es sich mit den anderen Werten, von denen häufig gesagt wird, dass sie „damals“ hoch gehalten wurden und heute wieder belebt werden müssten, egal, ob wir von Disziplin, Achtung, Autorität oder von Liebe und Opferbereitschaft sprechen, all diese Begriffe haben heute einen ganz anderen Sinn.

Wenn der Sinn eines solchen Begriffes heute positiv belegt ist, wenn er mit anderen Begriffen wie Menschlichkeit, Demokratie und Freiheit zusammenpasst, dann darf ich eben nicht aus der bloßen Verwendung des gleichen Wortes zur Nazizeit auf einen gleichen Sinn des Begriffes zu jener Zeit schließen.

Dass Familie heute etwas schützens- und fördernswürdiges ist kann doch niemals bedeuten, dass es im Faschismus etwas gutes gab, weil dort die „Familie“ „geschützt“ und „gefördert“ wurde. Der Grund dafür liegt in den Anführungszeichen, die ich im letzten Satz verwendet habe. Wir können, wenn wir über die NS-Zeit sprechen, diese Begriffe nur noch mit relativierendem Zusatz verwenden, weil sie eben nicht das bezeichnen, was wir heute meinen.

Wer seine Argumente für die Werte, die er unterstützen will aus Zeiten holt, in denen diese Werte ganz andere Bedeutung hatten, in denen sie auch eine Weise befördert wurden, die wir heute ablehnen und in denen diese Förderung Ziele hatte, die wir erst recht ablehnen, tut seinem eigenen Ideal unrecht, wird seine eigenen Ziele eher untergraben als erreichen.