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Jörg Friedrich


Karl Popper – ein technokratischer Intellektueller

26. Oktober 2007 Kategorie: Philosophie, Politik |

Die politische Welt wird gern in einem eindimensionalen Spektrum dargestellt: Links-Rechts, Konservativ-Progressiv, Revolutionär-Reaktionär. Oft wird versucht, diese Spektren aufeinander abzubilden, dann ist linke Politik schnell progressiv und revolutionär, während rechts, konservativ und reaktionär ebenfalls gern zusammengefügt wird. Bei Spreeblick fand ich einen Artikel, in dem – an Bourdieu anschließend – ein neuer Versuch dieser Art skizziert wird:

Am linken Spektrum findet man den Intellektuellen, der aus einer relativ autonomen Position interveniert, also aus einem politisch, religiös und ökonomisch unabhängigen Feld heraus, und der seine primär nicht-politische Fachkompetenz und seine Autorität zur politischen Aktion nutzt. Sein Gegenüber ist der Technokrat, der Experte. Ganz grob schematisiert lässt sich sagen: Während der eine sich der Kritik, der Reflexion und der Beschreibung verschrieben hat, interessiert den anderen die Machbarkeit, die Effizienz und die Wirtschaftlichkeit.

Ich kenne Bourdieu nicht gut genug um verifizieren zu können, ob sich diese Unterscheidung so tatsächlich bei ihm finden lässt. Für mich ist die Frage, ob die in diesem Absatz aufgestellte Behauptung, dass die Intellektuellen immer links sind während die Technokraten ihnen gegenüber stehen, also am rechten Ende des Spektrums anzutreffen wären, haltbar ist.

Der Ansatz, Intellektuelle seien grundsätzlich „links“ im politischen Spektrum zu finden, scheint sich schon länger allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Unterhaltsam und erhellend ist hier ein Aufsatz von Georg Jäger mit dem Titel Schriftsteller als Intellektuelle in dem sich z.B. folgende Absätze finden:

Im Nachkriegsdeutschland war die Begriffsbestimmung durch Arnold Gehlen, die an Joseph A. Schumpeter anschloß, von großem Einfluß. Danach haben als Intellektuelle diejenigen zu gelten, „die die Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes handhaben, im Schwerpunkt also die Publizisten und engagierten Schriftsteller“. Sie werden durch drei Merkmale charakterisiert:

„das Fehlen der direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge“,
„das Fehlen jener Kenntnisse aus erster Hand, wie sie nur die tatsächliche Erfahrung geben kann“
sowie die daraus resultierende „Neigung zu einer kritischen Haltung“.

Gehlen, den man sicherlich nicht als „Linken“ bezeichnen kann, so sehr man den Begriff auch dehnt und streckt, hatte eine tiefe Abneigung gegen diese Intellektuellen. Auch er hätte sicherlich kein Problem damit gehabt, „links“ und „intellektuell“ in einem Atemzug zu verwenden, aber wohl nicht, wie Bourdieu, um beides zu preisen, sondern um beides zu verwerfen.

Es kann dahin gestellt sein ob nicht auch Arnold Gehlen, der Philosophie, Philologie, Germanistik und Psychologie studiert hatte, bereits mit 34 Jahren Hochschulprofessor war und dies (mit einer kurzen Unterbrechung) bis zu seiner Emeritierung blieb und dessen Einfluss auf die Politik vor allem von Büchern und Vorträgen ausging, nicht selbst unter seine klare Intellektuellen-Definition fällt. Schon damit wäre ja die Idee, der Platz der Intellektuellen im politischen Spektrum wäre „links“, widerlegt. Viele weitere Namen ließen sich nennen. Große liberale und konservative Denker, man denke an Friedrich August von Hayek („Der Weg zur Knechtschaft“) oder Milton Friedman („Kapitalismus und Freiheit“) Gerade einmal Ralf Dahrendorf fällt mir ein, wenn ich nach Namen von konservativen oder liberalen Denkern suche, die ihre Ideen unmittelbar als Politiker umzusetzen suchten.

Ich möchte dem Bourdieu’schen Gendanken, dass wir da, wo wir auf der linken Seite des Spektrums den Intellektuellen finden, auf der rechten (oder konservativen) Seite den Technokraten entdecken können, noch ein wenig nachgehen.

Jemand, den wir vielleicht als Vater oder jedenfalls als großen Verfechter der politischen Technokratie betrachten können, ist Karl Popper, der in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ die Methode der Sozialtechnik der kleinen Schritte entwickelt hat und diese gerade den großen Gesellschaftsentwürfen, wie dem von Karl Marx, entgegensetzt.

Popper meint nicht, dass die Sozialtechniker der kleinen Schritte keine großen Visionen von Gerechtigkeit oder Freiheit oder allgemeinem Wohlstand hätten, sie sind sich aber dessen bewusst, dass sie diese Visionen nicht zielgerichtet real werden lassen können, dass man immer nur kleine Veränderungen am sozialen Gefüge vornehmen darf und die Resultate dieser Änderungen erst abwarten muss, bis man weitere Änderungen vornehmen kann.

Das kann natürlich ganz eindeutig als technokratische Arbeitsweise im Bourdieu’schen Sinne betrachtet werden. Popper, der selbst im Sinne Bourdieus und Gehlens – betrachtet man seine Wirkungsweise in der Gesellschaft – sicher ebenfalls ein Intellektueller war, liefert mit seiner Sozialtechnik der kleinen Schritte die Begründung für die Arbeit der Technokraten. Er war ein technokratischer Intellektueller.

Und tatsächlich ist dieses technokratische Arbeiten eher konservativ, indem es gesellschaftliche Strukturen eher erhält und nur so weit zu ändern trachtet, wie die Auswirkungen der Änderung beherrschbar zu sein scheinen.

Was hätten die Linken – die reinen – Intellektuellen dagegen zu setzen? Die radikale Utopie, das, was Popper die utopische Sozialtechnik nennt. Aus der Vision einer besseren Gesellschaft leiten sie nichts geringeres als die Berechtigung zur radikalen Erschütterung der bestehenden Strukturen ab. Ob die Gesellschaft, die entsteht, ihrer Vision ähnlicher ist als die bestehende, können sie nicht vorhersagen, schon gar nicht garantieren. Aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts heraus darf da sicher ein gewisser Pessimismus abgeleitet werden. Das linke, rein intellektuelle Handlungskonzept scheint gescheitert. Das was davon geblieben ist, heißt Sozialdemokratie und Agenda 2010. Popper würde Münteferings SPD wählen.


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