Ist die Religion schuld?
An der Frage, ob der Islam an irgendetwas Schuld ist, erhitzen sich immer wieder die Gemüter, ebenso häufig wird auch nach der Schuld des Christentums für die Unterdrückung der Frauen und alles übrige Leid auf der Welt gefragt. Die Diskussionen reiben sich immer wieder auf, zumeist an Missverständnissen, die sich aus der Vermengung von Begriffen ergeben, die nicht miteinander identische Inhalte haben.
Es geht um Glauben, Religion und Kirche. Diese Begriffe sind nicht identisch, und deshalb kann es für eine sachliche, konstruktive Diskussion nicht gut sein, wenn man den Glauben eines Menschen mit der Kirchenzugehörigkeit eines anderen vergleicht, oder wenn man eine Religion kritisiert und als Gegenstück die Funktionsweise einer Kirche heranzieht.
Es kann einer an einen Gott glauben, an eine bestimmte Schöpfungsgeschichte, daran, dass bestimmte historische Personen existieren und zu ihrem Gott in einer gewissen herausgehobenen Beziehung standen (wie z.B. Moses, Jesus, Mohamed). Das ist Glauben. Der Glauben ist zunächst einmal an einen je einzelnen Menschen gebunden, an den, der glaubt.
Dann kann jemand aus diesem Glauben bestimmte Regeln für sein Leben ableiten, kein Schweinefleisch essen, auf gewisse Weise seinen Gott anbeten, Gutes tun, weil es Gott gefällig ist. Das ist die Ausübung einer Religion. Man sieht, eine bestimmte Religion folgt nicht automatisch und eindeutig aus einem Glauben, der Glaube verschiedener Menschen kann weitgehend übereinstimmen, trotzdem können sie zu unterschiedlichen Religionsformen neigen oder auf die Ausübung einer Religion ganz verzichten. Gleichzeitig können sich Formen der Religionsausübung auch ganz vom Glauben trennen, sie können ihre Wurzeln verlieren, ohne an Kraft über die Handlungen eines Menschen einzubüßen.
Wenn diese Religionsausübung institutionalisiert wird, wenn die Institution dem Gläubigen die Regeln für seine Religionsausübung vorschreibt und deren Einhaltung überwacht, kann man diese Institution als Kirche bezeichnen (oder als Sekte oder noch anders, das wäre weiter zu differenzieren, spielt aber hier keine Rolle). Gerade bei der Ablösung der Religion vom Glauben, bei der Verselbständigung des religiösen Handelns, spielt die Kirche eine große Rolle. Die Begründungsrolle für religiös motiviertes Handeln, die der Glaube nicht mehr spielen kann, übernimmt die Institution.
Alle drei (Glauben, Religion, Kirche) stehen also im Zusammenhang, müssen aber nicht widerspruchsfrei aufeinander aufbauen. Deshalb muss man genau hinschauen, was man kritisiert: den Glauben, die spezifische Religionsausübung oder die Institution, die die Regeln setzt (oder sich diese Setzung anmaßt). Oder man kritisiert die jeweilige Weise, wie jemand das eine aus dem anderen ableitet.
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