Elke Heidenreich und Saturn
Elke Heidenreich schreibt Bücher, und sie spricht über Bücher im Fernsehen. So ähnlich wie Eva Herman hat sie eine Sendung im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen, und die Sendung ist recht erfolgreich. Aus welchem Grund auch immer scheinen solche Menschen manchmal der Meinung zu sein, sie müssten sich zu allem öffentlich und selbstgewiss äußern, auch zu Dingen, von denen sie nichts verstehen.
Frau Heidenrech z.B. spricht über einen Werbespot. Sie zieht das Grimmsche Wörterbuch zu Rate, und zwar die erste Auflage, um die Wörter „Geiz“ und „geil“ zu durchdenken und kommt zu einem vernichtenden Urteil über den Satz „Geiz ist geil“. Sie teilt dieses Urteil dem zuständigen Mitarbeiter bei Saturn mit, den sie dann als „unbedarft“ bezeichnen wird, weil er ihr mitteilt, dass Werbung etwas anderes ist als die Literatur, von der Frau Heidenreich etwas versteht.
Da aber eine Frau H. jemand ist, der öffentlich gehört werden will und dem man auch gerne öffentlich Gehör verschafft, ist es damit nicht genug. Sie schreibt über das Thema, und zwar in der heutigen Ausgabe der FAZ.
Sie stellt dort unter Beweis, dass man nicht über alle Dinge lautstark sprechen sollte, nur weil man von einigen etwas versteht. Denn das Grimmsche Wörterbuch wird Frau Heidenreich vielleicht weiterhelfen, aber nicht ausreichen, wenn sie diesen Werbespot und seine tatsächliche Wirkung verstehen will.
Glaubt die AUtorin tatsächlich, dass ein Handelsunternehmen wie Saturn eine Charaktereigenschaft fördern wollte wie die, mit der sie das Wort „Geiz“ verknüpft? Warum sollte das Unternehmen so etwas tun? Letztlich sollte auch dieser Spot zum Geldausgeben anstiften, nicht zum Geizigsein – das ist auch die Antwort auf Frau Heidenreichs Frage, warum die deutsche Wirtschaft nicht gegen Saturn geklagt hat.
Oder glaubt Frau Heidenreich vielleicht, die armen Konsumenten hätten nicht durchschaut, was Saturn da gemeint und bezweckt hat? Glaubt sie, dass die Menschen nach diesem Spot Knausrigkeit und Geizkragen-Mentalität für erstrebenswert halten?
Jemand, der sich wie Frau Heidenreich mit Sprache beschäftigt, sollte wissen, dass es nicht nur darauf ankommt, was jemand sagt, sondern auch darauf, wer es sagt und in weilchem Kontext, in welcher Situation.
Es kommt ja auch in Büchern vor, dass jemand ein Wort in einem ungewohnten Zusammenhang verwendet und damit seinem Satz einen neuen Gesamt-Sinn gibt. So etwas sollte der Autorin und Kritikerin Heidenreich schon untergekommen sein. Sinnvoll wäre gewesen, wenn sie diese Bedeutungsverschiebung unter die Lupe genommen hätte, dabei hätte sie gern auch kritisch über mögliche Missverständnisse oder Täuschungen reden können, das wäre vielleicht sogar interessant geworden.
Aber vielleicht ging es Frau Heidenreich um etwas ganz anderes. Denn plötzlich kommt der Kapitalismus als Ganzes, kommt Karl Marx und „Das Kapital“ ins Spiel. Die Kapitalisten, die sind geizig, und wer Geiz geil findet, der findet wahrscheinlich auch den Kapitalismus geil.
Unklar beibt, was Frau Heidenreich eigentlich will. Sollen wir nun freizügig unser Geld ausgeben oder nicht? Und wenn ja, wofür? Am Schluss gibt sie uns wenigstens einen Hinweis: Reiche im alten Genua spendierten den Bettlern hin und wieder einen Kaffee, statt sich DVD-Player zu kaufen, und in Köln darf der Kellner mal ein Bier mit den Gästen trinken, weil die auf den neuesten Fernseher verzichten.
Das ist wahrlich eine furiose Kapitalismus-Kritik. Dass das kapitalistische System vielleich gerade auch die Freizügigkeit jener netten Genuesen und Kölner ermöglicht, scheint Frau Heidenreich noch nicht in Erwägung gezogen zu haben.