In den letzten Tagen kocht die Diskussion darüber hoch, ob es falsch ist, sich auf „traditionelle“ oder „ursprüngliche“ Werte und Strukturen zu besinnen. So wird z.B. die Rückkehr zu traditionellen Familienkonzepten als mögliche Lösung aktueller Probleme angeboten. Das ist der richtige Moment, sich zu fragen, was sich hinter „Tradition“ und „Ursprünglichkeit“ eigentlich verbirgt.
Wir sollen uns wieder auf alte Werte besinnen. Das fordert nicht nur Eva Herman, das fordert so mancher konservativer Denker, wobei die konservativen nicht unbedingt christlich-sozial sein müssen, längst rufen auch grün und rot gefärbte Zeitgenossen nach einer Rückkehr zu den Werten einer Zeit, in denen die Familien angeblich noch funktionierten und Heimat waren für Kinder und für die lebenslange Liebe zwischen Mann und Frau.
Wohin soll’s denn gehen?
Wie weit zurück müssen wir gehen, um zu unseren Wurzeln, zu unseren guten Traditionen zu kommen?
Was die Familie betrifft, scheint die Ursprünglichkeit, die da gesucht und angemahnt wird, gar nicht so weit zurück zu liegen. Viel weiter als 50 Jahre darf man nämlich nicht in die Vergangenheit gehen, um die angeblich so glückliche Mutter, die zu Hause sitzend die Kinder behütet, im Kreise ihrer vielleicht zwei oder drei Zöglinge zu finden, wie sie mit Freude auf den abends heimkehrenden Ehemann wartet.
Wir können ganz auf die Erörterung der Frage verzichten, ob es dieses „Ideal“ in den 50er und 60er Jahren wirklich gegeben hat. Wir können auch außen vor lassen, ob diese Familie, die von patriarchalischen Unterdrückungsstrukturen, von Unterordnung und Gehorsam gegenüber dem übermächtigen Familienoberhaupt geprägt gewesen sein dürfte, wirklich ein Leitbild ist, welches uns heute bei der Lösung aktueller Probleme helfen kann.
Um eine ursprüngliche Tradition zu sein, müsste sich dieses Familienbild nämlich weiter zurückverfolgen lassen. Für einen traditionellen Wert ist diese Institution viel zu jung.
Die Wurzeln dieser bürgerlichen Familie verlieren sich schon ein paar Jahrzehnte zuvor, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Blicken wir weiter zurück, finden wir eine ganz andere Familie, die dafür eine um so längere Tradition hat, die ihre Wurzeln im frühen Mittelalter findet.
Es ist die bäuerliche Familie, aus der sich im 19. Jahrhundert die proletarische Familie abgeleitet hat.
Die traditionelle Familie
Wir finden ein Ehepaar mit einer Schar von Kindern, vom Säugling bis zum Jugendlichen. Die Mutter, wenn sie nicht gerade hochschwanger ist, verrichtet die Arbeiten im Haus und im Garten, repariert die Kleider, macht die Wäsche, usw. Die kleineren Kinder werden von den größeren überwacht, soweit sie alt genug sind, werden sie betreut, indem sie zur Mithilfe angeleitet werden.
In der proletarischen Familie spitzt sich die Situation im 19.Jahrhundert dahingehend zu, dass jedes Familienmitglied, welches dazu nur irgendwie in der Lage ist, zur Arbeit in die Fabriken gehen muss. Später, als die Kinderarbeit verboten ist, werden auch hier die kleineren von den größeren oder von den Erwachsenen überwacht, die zur Arbeit nicht mehr fähig sind.
Positive Traditionen?
Wenn wir nach Traditionen suchen, auf die wir uns besinnen können, finden wir sie allenfalls in der bäuerlichen Familie. Hier ist die Mutter in der Tat im Haus, während sie die Arbeiten im Garten verrichtet, die Wäsche macht, die Vorräte konserviert, ist sie auch für die Kinder da. Gleichzeitig haben diese Kinder eine Menge gleichaltriger Gefährten, mit denen sie, wenn sie nicht arbeiten müssen, in der Gegend abenteuerliches erleben können.
Wie können diese Traditionen wieder belebt werden?
Heute, da die Hausarbeit weitgehend automatisiert ist, da kaum Kleidung zu flicken, Vorräte zu konservieren sind, da nicht mehr 10 sondern höchstens zwei Kinder mit großem Altersunterschied in der Familie aufwachsen, stellt sich die Frage, wie positive Traditionen überhaupt bewahrt werden können.
Ist dies nicht am ehesten möglich, wenn die Kinder heute in Kindergärten die Gelegenheit bekommen, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, unter pädagogischer Betreuung? Und was spricht dagegen wenn die moderne Mutter in dieser Zeit ebenfalls einer produktiven Tätigkeit nachgeht, genauso wie ihre bäuerliche Ahnin, die auch nicht den ganzen Tag ihren Nachwuchs belehrt, umsorgt und beaufsichtigt hat?
Außeinandersetzung mit Traditionen ist sicher sehr sinnvoll. Und positives soll man kritisch prüfen und für heute fruchtbar machen. Aber man muss schon genau hinschauen und vergleichen, damit das gelingt.
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