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Jörg Friedrich


Archive for Oktober 12th, 2007

War nicht alles schlecht, was schlecht war?

Oktober 12, 2007 By: Joerg Category: Gesellschaft | 3 Comments →

Die Diskussion um Eva Hermans Weltbild, wie sie es anlässlich des Erscheinens ihrer Bücher immer wieder vertritt, verselbständigt sich. Wieder einmal geht es um die Frage, ob die Meinungsfreiheit Grenzen hat. Aber das ist gar nicht das Problem.

Wenn ich sage: „In der Weimarer Republik wurde Familie gefördert, in der Nazizeit wurde Familie gefördert, in den 50er Jahren wurde Familie gefördert, die 68er haben die Familienförderung abgeschafft, und wir sollten heute wieder die Familie fördern.“ dann setze ich voraus, dass „Familie fördern“ zu all diesen Zeiten das Gleiche war.

Aber das eben ist falsch, weil sowohl der Begriff der Familie als auch der des Förderns bei den Nazis einen ganz anderen Sinn hatte als bei den 68ern und heute. Man braucht dabei nicht einmal nach den Zielen der Familienförderung zu fragen, man muss sich nur ansehen, was überhaupt mit „Familie“ gemeint war und was man unter „fördern“ verstand. Ebenso verhält es sich mit den anderen Werten, von denen häufig gesagt wird, dass sie „damals“ hoch gehalten wurden und heute wieder belebt werden müssten, egal, ob wir von Disziplin, Achtung, Autorität oder von Liebe und Opferbereitschaft sprechen, all diese Begriffe haben heute einen ganz anderen Sinn.

Wenn der Sinn eines solchen Begriffes heute positiv belegt ist, wenn er mit anderen Begriffen wie Menschlichkeit, Demokratie und Freiheit zusammenpasst, dann darf ich eben nicht aus der bloßen Verwendung des gleichen Wortes zur Nazizeit auf einen gleichen Sinn des Begriffes zu jener Zeit schließen.

Dass Familie heute etwas schützens- und fördernswürdiges ist kann doch niemals bedeuten, dass es im Faschismus etwas gutes gab, weil dort die „Familie“ „geschützt“ und „gefördert“ wurde. Der Grund dafür liegt in den Anführungszeichen, die ich im letzten Satz verwendet habe. Wir können, wenn wir über die NS-Zeit sprechen, diese Begriffe nur noch mit relativierendem Zusatz verwenden, weil sie eben nicht das bezeichnen, was wir heute meinen.

Wer seine Argumente für die Werte, die er unterstützen will aus Zeiten holt, in denen diese Werte ganz andere Bedeutung hatten, in denen sie auch eine Weise befördert wurden, die wir heute ablehnen und in denen diese Förderung Ziele hatte, die wir erst recht ablehnen, tut seinem eigenen Ideal unrecht, wird seine eigenen Ziele eher untergraben als erreichen.