Der Kardinal und die Kunst
Ein Satz hat die politisch wachsame Öffentlichkeit aufgeschreckt. In seiner Predigt zur Eröffnung des kirchlichen Kunstmuseums Kolumba in Köln sprach der Kölner Erzbischof davon, dass „Kunst entartet“: Aber was hat er außerdem gesagt?
Es ist typisch für die Praxis der öffentlichen Empörung, dass sie sich auf ein einzelnes Wort, maximal auf einen Satz konzentriert. So war es auch bei Kardinal Meisner: die absolute Mehrzahl der ca. 340 Artikel, die man bei den Google News im Moment zu dem Thema finden kann, beschäftigen sich ausschließlich mit der gemeinsamen Verwendung der Worte „Kunst“ bzw. „Kultur“ und „entartet“. Einige veröffentlichen auch den ganzen Satz, in dem diese Worte gefallen sind:
Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet.
Stutzig wird man beim genauen Hinsehen das erste Mal, wenn man bemerkt, wie häufig in den Kommentaren das Wort „Kultur“ durch „Kunst“ ersetzt wurde: Nicht der Kardinal sprach – wie die Nazis – von „entarteter Kunst“ – diese Worte wurden ihm von erregten Kommentatoren erst in den Mund gelegt.
Viele Kommentatoren stellten auch Zusammenhänge her – aber nicht zur restlichen Rede, auch nicht zum Anlass, nämlich der Eröffnung eines Kunstmuseums, sondern fast ausschließlich zu sonstigen Äußerungen des Erzbischofs über Kunst – insbesondere zu seiner ablehnenden Haltung zu dem neuen Kirchenfenster im Kölner Dom. So wird die Lesart provoziert, dass Meisner genau solche Werke wie Richters Domfenster wohl als „entartete Kunst“ bezeichnen würde.
Es ist schwierig, den Originaltext der Predigt (hier als Audio) im Internet zu finden, aber es war nicht unmöglich. Hier kann man nun, wenn man sich Zeit nimmt, überprüfen, ob man der Rechtfertigung Meisners in der FAZ folgen kann.
Meisner argumentiert in der FAZ folgendermaßen: Im 20. Jahrhundert hat es verschiedene Diktaturen gegeben, die Gott als Bezugspunkt bewusst und radikal verdrängt haben. In diesen Diktaturen wurde die christliche Kultur aus dem Leben der Menschen verdrängt, der Kult wurde vom Gotteskult zum Personenkult, Kunst, die sich diesem Kult nicht unterordnete, wurde bekämpft, als „entartet“ bezeichnet. In Wirklichkeit ist aber – so die Rechtfertigung des Kardinals – nicht diese Kunst, sondern eine Kultur, die eben diesen Personenkult betreibt, selbst entartet. Meisner wendet also den Begriff der „Entartung“ gegen die, die ihn verwendet haben.
Soweit die Rechtfertigung Meisners. Sie zeigt, dass man keine Verwendung eines Begriffs allein beurteilen kann, auch nicht im Kontext des einzelnen Satzes, auch wenn er aphorismenhaft formuliert ist. Man muss sich schon die Mühe machen, den Kontext zu betrachten, in dem der Satz stand, und auch die Perspektive des Menschen, der ihn sprach, ins Auge fassen.
Es ist einem Mann der Kirche sicherlich zuzubilligen, den Gotteskult als erstrebenswerte Alternative zum Personenkult einer Diktatur darzustellen. Es ist auch legitim, zur Kennzeichnung einer solchen Diktatur die Begriffe, die diese geprägt hat, gegen sie selbst zu wenden.
In der Tat, in der Predigt spricht der Kardinal sehr ausführlich über das „Dritte Reich“ er zitiert den Papst, der in Birkenau über die von den Nationalsozialisten angestrebte Vernichtung der Juden, in denen Benedikt auch das Volk Gottes sieht, gesprochen hat.
Er kommt dann zurück auf das Museum, auf die Begegnung von moderner und älterer, von sakraler und profaner Kunst, er spricht darüber, dass hier ältere und jünger Menschen in einen Dialog über diese Kunst treten können. Erst dann fällt der entscheidende, so oft zitierte Satz.
Auch im Anschluss findet sich kein Bezug auf den Nationalsozialismus oder auf die Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Im Fluss der Predigt ist der Zusammenhang zwischen der Verwendung des Begriffs „entartete Kultur“ und jenen, die diesen Begriff geprägt haben, um Kunst zu vernichten, nicht herzustellen.
Auch im tatsächlichen Zusammenhang der Rede bleibt, dass der Kardinal jede Kunst und jede Kultur, die nicht im Zusammenhang mit der Gottesverehrung gesehen werden kann, ablehnt. Sicherlich, darüber gibt die Predigt Meisners als Ganzes Auskunft, ist dieser Begriff der Gottesverehrung weit gefasst. Aber es bleibt die Tatsache, dass Meisner glaubt, als Richter über die Kunst auftreten zu können, dass er in seinem christlichen Weltbild den Maßstab zu besitzen glaubt, richtige von falscher Kunst trennen zu können. Und damit ist er in einer pluralistischen Gesellschaft sicherlich noch nicht zu Hause.
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